Der Lehrling und sein Imageproblem

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Doof, faul, ungeschickt und respektlos: Sind so die Auszubildenden von heute? Fest steht auf jeden Fall: Lehrlinge sind rar

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30. Juli 2015, 16:35 Uhr

Der Meister klärt den neuen Lehrling auf: „Du bist hier nicht auf der Uni, und ich bin kein Freund vieler Worte. Wenn ich mit dem Kopf winke, kommst du her.“ Der Lehrling hat keine Einwände und antwortet prompt: „Das trifft sich gut. Ich halte auch nichts von Gelaber. Wenn ich den Kopf schüttle, komme ich nicht.“ Lustig! Denn der Witz greift auf, was besonders die Älteren bemängeln: In der heutigen Zeit einen guten Auszubildenden zu bekommen, sei so mühsam, wie die Nadel im Heuhaufen zu finden. Einen Lehrling durch die Lehre zu bringen, harte Arbeit. Den Auszubildenden mangele es an Qualität sowie sozialer Kompetenz. Sie seien doof, ungeschickt, faul und respektlos – salopp formuliert.

Im August und September starten wieder junge Südtonderaner ins Berufsleben. Zahlen, wie viele es aktuell sind, liegen erst Ende des Jahres vor. Dass es aber stetig weniger werden, bestätigen die Handwerkskammer sowie Industrie- und Handelskammer in Flensburg. Waren früher die Ausbildungsplätze knapp, so sind es heute die Lehrlinge, was wieder am demografischen Wandel liegt. „Zum anderen aber auch an der Schulpolitik, die dafür sorgt, dass die jungen Leute immer länger in den Schulen verweilen“, merkt Pressesprecher Andreas Haumann an. „Fast allen soll ermöglicht werden, das Abitur zu machen. Und dann wollen auch die Akademiker werden, die eigentlich im dualen Ausbildungssystem besser aufgehoben wären.“ Darüber hinaus sei das Vorurteil, mit einem Studium habe man bessere Verdienst- und Karrierechancen, noch immer sehr verbreitet, bemängelt auch Andrea Henkel, Pressesprecherin der Industrie- und Handelskammer.

Sinken die Bewerberzahlen und wächst der Fachkräftemangel, geben immer mehr Unternehmen nun schwächeren Schülern mit mäßigen Noten eine Chance. „Aber die sind nicht doof, sondern brauchen nur etwas mehr Unterstützung“, sagt Olaf Behrmann, der sich bei der Kreishandwerkerschaft in Niebüll als regionaler Ausbildungsbetreuer um die Azubis kümmert. Lehrlinge von heute seien nicht unfähig, sondern nur anders. „Weil sie in einer anderen Erlebniswelt aufwachsen.“ Früher wurde viel draußen gespielt. Der Heranwachsende baute Seifenkisten, flickte seinen Fahrradschlauch noch selbst und nahm Mutters Toaster auseinander, um zu sehen, wie er funktioniert. Heute scheint die Welt drinnen vorm Fernseher oder Computer faszinierender zu sein. „Und niemand kommt auf die Idee, sein Smart-Phone auseinanderzunehmen“, so Behrmann. Folglich seien die jetzigen Lehrlinge nicht ungeschickter, ihnen fehle schlichtweg nur die Übung.

Laut Trendforschern leben wir in einer Zeit, in der es meist günstiger ist, Waren zu entsorgen, statt sie zu reparieren. Eine Wegwerfmentalität, die junge Leute verinnerlicht haben. Wer stopft denn heute noch Strümpfe? Niemand. Also ist auch niemand da, dem die Heranwachsenden beim Reparieren oder Ausbessern über die Schulter schauen können. Und wozu die Hände schmutzig machen, wenn sich problemlos im Internet etwas Neues bestellen lässt?

„Schaffe, schaffe, Häusle baue?“ Bloß nicht! Im Blaumann schuften, scheint derzeit nicht erstrebenswert. Junge Südtonderaner bevorzugen Schreibtischjobs (siehe Infokasten). Lieber einen Schlips um den Hals, als einen Helm auf dem Kopf. Aber faul? Behrmann: „Nein, sie wissen bloß früher, was sie nicht wollen.“ Vor Knochenarbeit, ungünstigen Arbeitszeiten und geringer Bezahlung schrecken die Schulabgänger zurück. Möglichst nicht malochen. „Dabei leidet beispielsweise das Image des Handwerks immer noch zu Unrecht. Ein Handwerker arbeitet meist nur bis 16 Uhr und hat frei, wenn andere noch lange an der Kasse sitzen müssen. Und dass die Männer auf dem Bau mit 50 den Rücken kaputt haben, stimmt dank moderner Arbeitsgeräte auch nicht mehr“, betont der Ausbildungsbetreuer.

Wie aber sieht es mit der Respektlosigkeit der Lehrlinge aus? Der Ton auf dem Schulhof und im Elternhaus ist oft rau, das färbt ab. Gleichzeitig ist die Kommunikation indirekter geworden. Mit Freunden und Bekannten wird über Whatsapp, Twitter oder Facebook kommuniziert. Behrmann: „Wenn die jungen Leute in der Lehre dann erstmals eine klare Ansage von Angesicht zu Angesicht bekommen, fühlen sie sich oft gleich gemobbt.“ Gewöhnungsbedürftig ist zudem, dass in der Arbeitswelt häufig Befehle erteilt werden – nichts für Sensibelchen. Treten Konflikte auf, nehmen auch viele Lehrlinge kein Blatt vor den Mund. Aber war das früher wirklich anders? „Die Jugend hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt mehr vor älteren Leuten und diskutiert, wo sie arbeiten sollte.“ Wieder ein Zitat, das den schlechten Ruf der heutigen Jugend bekräftigt – so scheint es. Kein Witz: Das Zitat wird dem Philosophen Sokrates zugeschrieben, und der starb bereits 399 vor Christi Geburt.

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