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Nordfriesland Tageblatt

20. August 2017 | 23:22 Uhr

Der lange Weg zum Miteinander

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen gelang der Niebüllerin Svenja Godbersen, was unmöglich schien: ein scheues Pferd wieder zur Zusammenarbeit mit Menschen zu motivieren

Marinus ist ein 14 Jahre alter Trakehner. Wenn Besitzerin Svenja Godbersen (32) ihn ruft, ist er da, lässt sich von ihr am Halfter führen, schnappt ihr vorsichtig ein Leckerlie aus dem Mund, bleibt entspannt und ruhig. Das war nicht immer so, und bis hierher ein weiter Weg.

„Als ich ihn das erste Mal gesehen habe, dachte ich: Was für ein tolles Pferd“, erinnert sich Svenja Godbersen. Als sie die Chance bekam, „habe ich nicht lange gefackelt“. Marinus wurde ihrer. Doch: Er litt unter dem sogenannten Head-Shaking. „Er zog den Kopf immer nach oben, hat sich aber zusammengerollt, als wenn man ihm auf die Nase hauen würde.“ Und das war noch nicht alles: „Marinus hat Angst vor dunklen und engen Räumen, vor Gerten und Peitschen.“ Er ließ sich nicht verladen, nicht mehr korrekt reiten, für Bodenarbeiten war er ebenfalls nicht kooperativ. „Er war nie böse zu Menschen, aber dennoch nicht bereit, mit Menschen zusammenzuarbeiten. Ich wusste mir nicht zu helfen. Er hat sich allem entzogen. Ich wusste nicht, wie komme ich an das Pferd heran.“

Durch einen Stallwechsel verschlimmerte sich der Zustand noch. Obwohl Marinus mit seiner ganzen Herde umgezogen war, bestehend aus dem vierjährigen Hannes – einem Trakehner-Welsh-Cob – und der sechsjährigen Stute Kayla einem Haflinger/Tinker-Mix. Eine Tierkommunikatorin sollte ausprobieren, ob der Knoten zu lösen sei. Petra Bendel aus der Pfalz hielt sich während ihres Urlaubs in Nordfriesland auf, versuchte ihr Glück. „Den Tipp bekam ich von einem Bekannten.“

Für den Erfolg war es wichtig, etwas über die Vergangenheit von Marinus zu wissen. Svenja Godbersen: „Er war ein Freizeitpferd, vermutlich auf Kraft trainiert.“ Die Therapeutin bemerkte schnell: „Er fühlt sich wohl bei Dir, hat aber Angst. Ihm fehlt die Lust, von Menschen Anweisungen entgegenzunehmen.“ Für Svenja Godbesen eine spannende Zeit: „Die Tierkommunikatorin versuchte herauszubekommen, wie es in seinem Kopf aussieht, wie er arbeiten möchte. Ich habe immer an das Pferd geglaubt.“

Mit einem weiteren Umzug Ende 2012 in einen neuen Stall nach Bargum traten plötzlich drastische Veränderungen ein. „Es ging bergauf. Im Frühjahr habe ich ihn auf die Koppel gelassen, ihn nur geputzt und dann in Ruhe gelassen.“ Marinus war hauptsächlich auf die Herde fixiert, dass heißt, er musste immer sehen, wo sie ist, dass sie alle gut aufgehoben sind. Angefangen hat Svenja Godbersen zunächst mit Longenarbeit. Aber auch anderen Fragen musste sie sich stellen: Was kommt ins Futter? „Marinus ist empfindlich gegen Staub, hat somit nicht nur mit Bronchen-, sondern auch mit Magenproblemen zu kämpfen. Also habe ich sein Futter umgestellt.“ Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. „Er tobt und spielt, was er früher wenig gemacht hat. Er hat seine Lebensfreude wieder, Ruhe und Entspannung gefunden.“

„Ich weiß nicht, wodurch die Probleme ausgelöst wurden. Trakehner sind personenbezogen. Du musst erst ihr Herz gewinnen. Es sind sehr feinsinnige Pferde, sie wollen eine Bezugsperson. Und das bedeutet nicht nur nehmen, reiten und wieder wegstellen. Wenn Du ihr Herz gewonnen hast, gehen sie mit Dir durch dick und dünn.“ Ruhe, Entspannung, ihre Herde, die Liebe des Menschen – das sei alles, was sie benötigen. „Jetzt ist er willig, mit mir zu arbeiten. Er lässt sich jetzt putzen, hat keine Panik mehr.“

Auch das Head-Shaking ist deutlich weniger. „Lediglich, wenn er unsicher ist, ist es kurz da. Ich denke, es war eine eine psychische Geschichte.“ Seit ein paar Wochen arbeitet Svenja Godbersen sogar nur noch mit Knotenhalfter – in allen Gangarten. „Das ist ein großer Umbruch.“

Angefangen hatte ihre Liebe zu den Pferden, wie so häufig, als Kind. Pflegepony Polly machte den Anfang. „Nach der Konfirmation bekam ich die erste Stute Aleika.“ Jahrelanger Reitunterricht, viele Lerneinheiten und selbst gemachte Erfahrungen später war ihr klar: „Mein Pferd ist mein guter Freund und nicht irgendein Sportgerät.“ Klar, Svenja Godbersen hatte Ambitionen, schaffte es bis zu Platzierungen in der L-Dressur. Aber: „Ich habe mir meinen Weg selber gesucht.“ Seit 2011 gibt die hauptberuflich als Arzthelferin auf Sylt arbeitende Reiterin in ihrer verbleibenden Zeit in ihrem mobilen Reitunterricht ihre Erfahrungen weiter. Für Svenja Godbersen ist es nicht wichtig, dass ein Pferd funktioniert, sondern auch Spaß an der Arbeit hat. Harmonie zwischen Mensch und Tier ist ihr wichtig. „Gewalt war für mich nie eine Lösung.“

Pläne, mit Marinus Turniere zu besuchen, hat sie abgeschrieben. „Ich erhoffe mir einfach nur, dass er Spaß an an der Arbeit hat – ganz ohne Druck und Zwang. Und, dass aus ihm wieder ein nettes Reitpferd wird. Ich werde ihm ein schönes Leben bieten, mit allem, was dazugehört.“

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erstellt am 31.Jan.2014 | 18:26 Uhr

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