Der Hüter von Lenins grauen Zellen

Bürgervorsteher Matthias Andresen überreicht Oskar Vogt (r.) die Ehrenbürger-Urkunde des Stadt Husum. Foto: hn
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Bürgervorsteher Matthias Andresen überreicht Oskar Vogt (r.) die Ehrenbürger-Urkunde des Stadt Husum. Foto: hn

Wie der Medizinstudent Oskar Vogt zu einem der bedeutendsten Hirnforscher aufstieg / Siebtes Ferdinand-Tönnies-Symposium im Mai erinnert an den gebürtigen Husumer

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13. April 2011, 06:49 Uhr

Husum | Als Theodor Storm seinen 70. Geburtstag beging, hörte Oskar Vogt, der der Feier - gerade 18-jährig - ebenso beiwohnte wie Ferdinand Tönnies, den Schriftsteller Wilhelm Jensen sagen, man habe ihm geraten, seinen Sohn nicht Zoologie studieren zu lassen, sondern Medizin: Das sei die allgemeinere Bildung. Für Vogt, der kurz vor der Aufnahme eines Studiums an der Universität Kiel stand, offenbar Grund genug, sich für dieses Fach zu entscheiden. So jedenfalls ist es in den Erinnerungen von Benno Reifenberg nachzulesen. Ein folgenschwerer Schritt für Vogt und für die Menschheit.

1870 wird Oskar Vogt in Husum geboren. Sein Vater, protestantisch-lutherischer Pastor an der Marienkirche, gilt als liberal und ist unter anderem mit dem Dichter Theodor Storm befreundet. Die Mutter empfindet der Sohn als streng und sehr religiös. Als Oskar Vogt während seiner Eheschließung aus der evangelischen Kirche austritt, kommt es deshalb zum Zerwürfnis mit ihr. Ähnliche Vorbehalte gegenüber der Amtskirche finden sich sehr ausgeprägt auch bei Theodor Storm und Ferdinand Tönnies, dem Begründer der Soziologie.

Der Vater stirbt früh. Die Mutter und die fünf Kinder geraten in wirtschaftliche Bedrängnis. Sie müssen das Kompastorat in der Süderstraße 57 verlassen, können aber in das Prediger-Witwen-Haus der Herrschen Stiftung in die Süderstraße 12 ziehen, so dass sie vor allzu großer Not verschont bleiben. Ein Schüler-Stipendium der Johannes-Herr-Stiftung ermöglicht es Oskar, die Husumer Gelehrtenschule zu absolvieren.

Eine wichtige Rolle als Mentor für den Schüler Oskar Vogt spielt der fünfzehn Jahre ältere Ferdinand Tönnies. Obgleich dieser als Dozent an der Kieler Universität tätig ist, arbeitet er häufig im Haus seiner Eltern, dem "Kavaliershaus" beim Schloss vor Husum. Er weckt in ihm das Interesse für Psychologie und Psychiatrie und gibt erste Anregungen zum Studium der Erblichkeit menschlichen Verhaltens. "Ist die Persönlichkeit des Menschen das Ergebnis von Umwelteinflüssen oder seiner biologischen Ausstattung?" So lautet die für Sozial- wie Naturwissenschaftler gleichermaßen offene Frage. Das seinerzeit aktuelle Thema der Eugenik kann in diesem Zusammenhang geradezu als Schnittstelle zwischen Tönniesscher Sozialwissenschaft und Vogtscher Hirnforschung bezeichnet werden. Die Beziehung zwischen beiden Männern entwickelt sich zu einer engen Freundschaft, die bald auch Vogts spätere Frau Cécile einbezieht und bis zu Tönnies Tod 1936 andauern soll. Wie wichtig diese Beziehung den Vogts ist, wird unter anderem daran deutlich, dass Tönnies 1931 zur offiziellen Einweihung des von Vogt gegründeten Kaiser-Wilhelm-Instituts nach Berlin-Buch eingeladen wird. In seiner Eröffnungsansprache würdigt Vogt Tönnies als denjenigen, "der in mir zuerst überhaupt die Idee einer solchen Arbeitsgemeinschaft, eines solchen modernen Klosters - wie er selbst sagt - geweckt hat". Bis zur Gründung des National Institute of Mental Health in Bethesda (USA) war es weltweit das größte und bedeutendste Hirnforschungszentrum. Tönnies Gehirn kam später in die Vogtsche Sammlung. Sein Sohn Jan Friedrich leitete im Institut der Vogts eine eigene Abteilung und war maßgeblich am weiteren Ausbau der Forschungsstätte beteiligt.

1888 geht Vogt nach Kiel, um Psychiatrie, Zoologie und vor allem Medizin zu studieren. In dieser Zeit vertieft sich die Freundschaft zu Tönnies. Angezogen durch den Ruf Ernst Haeckels, den er ein Leben lang verehrt, geht Vogt 1890 an die Medizinische Fakultät nach Jena. In Jena hatte auch Tönnies studiert. Aufgrund hervorragender Leistungen wird Vogt noch als Student die vollkommen selbstständige Leitung des Histologie-Kurses übertragen. Zwischendurch lässt sich Vogt als Volontärassistent zunächst in Kreuzlingen, dann in Zürich für Psychotherapie und Hypnose ausbilden.

Wieder zurück in Jena promoviert er 1894 mit einer Arbeit zur Hirnforschung. Tätigkeiten als praktizierender Arzt schließen sich an und bringen ihm den Ruf ein, Begründer des wissenschaftlichen Hypnotismus in Deutschland zu sein. Unter anderem behandelt er Mitglieder der Familie Krupp. Um sich auf diesem Gebiet weiter zu bilden, geht er 1897 nach Paris, dem damaligen Zentrum der klinischen Forschung. Dort lernt er die Studentin Cécile Mugnier, seine spätere Frau, kennen.

Cécile wurde 1875 in Annecy (Savoyen) geboren. Schon früh muss sie die Selbstständigkeit ihres Denkens behaupten und gegen die strenge katholische Lebensauffassung in der Familie durchsetzen. Mit Privatunterricht bereitet sie sich auf das Baccalauréat vor, das sie an einer reinen Knabenschule abschließt. Während der Prüfung muss sie an einem separaten Tisch Platz nehmen. Obgleich der väterliche Teil der Familie sie dazu drängt, geht Cécile nicht ins Kloster, sondern nimmt 1893 als eine der ersten Frauen Frankreichs ein Medizinstudium auf. Nach dem Staatsexamen geht sie 1899 nach Berlin und heiratet Oskar Vogt, den sie in Paris kennen gelernt hat. Ein Jahr später promoviert sie als approbierte französische Ärztin an der Sorbonne. In Deutschland wird ihr die Approbation als Ärztin bis 1922 vorenthalten. 1903 bringt Cécile Tochter Marthe Luise und 1913 Marguerite zur Welt. Erstere wird Professorin für Neuropharmakologie in Cambridge, letztere Professorin für Virologie und Krebsforschung in Pasadena. Cécile Vogt bleibt es als Frau in Deutschland zunächst verwehrt, wissenschaftliche Tagungen zu besuchen. Erst als Vogt sein Erscheinen von ihrer Teilnahme abhängig macht, wird ihr die Erlaubnis erteilt. Sie bekommt aber kein Rederecht. Am 13. März 1911 kann sie erstmalig und als einzige Frau im Rahmen einer wissenschaftlichen Tagung in Berlin einen Vortrag über ihre Forschungsergebnisse halten, die längst weltweit Beachtung gefunden haben. Während Vogt 1913 zum Professor ernannt wird, bleibt ihr dieser Titel versagt. Die Situation ändert sich, als Oskar Vogt 1919 zum Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Hirnforschung ernannt wird und Cécile dort zur Abteilungsleiterin mit dem Gehalt eines Extraordinarius aufrückt. Der Professorentitel bleibt ihr allerdings weiterhin verwehrt.

Aus den zahlreichen Briefen, die Cécile während des Ersten Weltkrieges an Tönnies richtet, geht hervor, wie sie unter den Auswirkungen des Krieges leidet. Immerhin gelingt es ihr zur Freude und Erleichterung des Soziologen, Genaueres über den Verbleib eines seiner Söhne zu erfahren, der in französische Kriegsgefangenschaft geraten ist.

Noch dramatischer entwickeln sich die Lebensumstände für die Vogts nach 1933. Von den Nationalsozialisten als "weiße Juden" diffamiert, müssen sie 1937 ihre Berliner Wirkungsstätte verlassen und gründen mit Unterstützung der Familie Krupp ein privates Institut für Hirnforschung in Neustadt. Als geborene Französin ist Cécile Vogt gezwungen, sich wöchentlich bei der Polizei melden, und Oskar wird 69-jährig als Gefreiter zur Wehrmacht eingezogen, "damit er militärische Ehrenbezeichnungen erlerne". Erst Krupp von Bohlen und Hal bach gelingt es durch persönliche Intervention, diesem Spuk ein Ende zu bereiten.

Oskar Vogt akzeptierte seine Ehefrau uneingeschränkt als kongeniale Wissenschaftlerin. Die Zusammenarbeit der Eheleute erweist sich als seltene Erfolgsgeschichte - ähnlich wie die des Ehepaars Curie. Zwar hat Oskar Vogt die Hypnose von allen spekulativen Elementen des Geisterglaubens und Spiritismus befreit und zu einer "nüchtern wissenschaftlichen" Methode entwickelt, indem er die Möglichkeit von Erscheinungen außerhalb des physikalisch-chemisch Beschreibbaren verwirft. Unter anderem wird er dadurch zum seriösen Wegbereiter des autogenen Trainings. Gleichwohl befassen sich die Vogts ab 1921 nicht mehr wissenschaftlich mit Hypnose und Psychotherapie. Cécile Vogt begründet diese Abkehr damit, dass sie mit der Hirnforschung "einwandfreiere Feststellungen" treffen könne.

In den Folgejahren entwickelt sich Vogt zu einem der bedeutendsten Hirnforscher weltweit. Unabweisbar ist für ihn die Notwendigkeit einer Interaktion von Psychologie, Hirnphysiologie und Hirnanatomie. Nur so ist eine empirische Lösung des Leib-Seele-Problems zu finden. Geisteskrankheiten betrachtet er nicht - wie Freud - als Erkrankung der Seele, sondern auch und vor allem als solche des Gehirns. Ziel seiner hirnanatomischen Forschung ist es, das morphologische Substrat dieser Gehirnerkrankungen zu finden. Er und seine Frau leisten entscheidende Beiträge zur Aufklärung der Kartographie der Hirnrinde. Zudem kann Vogt die Bedeutung des mentalen Trainings für die Erhaltung der intellektuellen Leistungsfähigkeit des Menschen bis ins hohe Alter nachweisen. Und er leistet entscheidende Beiträge zur Grundlagenforschung in der medizinischen Psychologie. Als spektakuläres Ereignis wird in der Öffentlichkeit seine Analyse des Gehirns von Lenin wahrgenommen. Tilman Spengler hat daraus später einen Roman gemacht, in dem Realität und Fiktion bis zur Unkenntlichkeit miteinander vermischt werden.

Äußerst erfolgreich ist Vogt auch als Organisator und Wissenschaftsmanager. So baut er ein informelles Netzwerk aus Kollegen nicht nur seines eigenen Fachgebietes auf, das sich von Stockholm bis Neapel und von Porto über Moskau bis Tiflis erstreckt, vergleichbar jenem internationalen Genom-Projekt, das 1990 ins Leben gerufen wurde und dessen formale Organisationsstruktur Vogt informell vorwegnahm.

Das von ihm begründete Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung in Berlin-Buch umfasst zwölf Abteilungen einschließlich einer eigenen Forschungsklinik und beschäftigt 30 Wissenschaftler und 70 Techniker. Damit war es das seinerzeit größte und bedeutendste Hirnforschungsinstitut der Welt.

Die Demontage dieser einzigartigen Forschungslandschaft setzt mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten ein. Vogt macht aus seiner Abneigung gegen das neue Regime kein Hehl und stellt sich schützend vor seine jüdischen Mitarbeiter. Im Juli 1935 unterzeichnet Adolf Hitler Vogts Entlassungsurkunde. Auch die Intervention Max Plancks vermag daran nichts zu ändern.

Vogts weltweite Reputation mag Schlimmeres verhindert haben. Mit finanzieller Unterstützung der Familie Krupp gründen die Vogts in Neustadt im Schwarzwald ein Nachfolge-Institut, das aber bei weitem nicht die Reputation des Berliner Instituts erreicht. Nach ihrem Tod wird es in die Universität Düsseldorf integriert. Zweimal wird Vogt für den Nobelpreis in Medizin nominiert. Cécile Vogts Konterfei findet den Weg auf eine Briefmarke der Deutschen Bundespost. Und die Stadt Husum ernennt Oskar Vogt zu ihrem Ehrenbürger. Am 31. Juli 1959 verstirbt Oskar in einer Freiburger Klinik, Cécile folgt ihm 3. Mai 1962 nach.

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