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Nordfriesland Tageblatt

20. Oktober 2017 | 05:37 Uhr

Der Holocaust vor der eigenen Haustür

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Während einer Gedenkfeier auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Ladelund wurde an die Opfer des Naziregimes erinnert

shz.de von
erstellt am 28.Jan.2014 | 18:03 Uhr

Anlässlich des „Internationalen Gedenktages an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ fand an der KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund eine von vielen Besuchern wahrgenommene Gedenkfeier statt. Unter den Gästen befanden sich auch das Ehepaar Willie und Aart Klejer aus Putten, der niederländischen Kleinstadt, mit der Ladelund durch das einstige Außenlager Ladelund des KZ Neuengamme schicksalhaft verbunden ist (wir berichteten), sowie Propst Dr. Kay-Ulrich Bronk, MdL Astrid Damerow und weitere Repräsentanten des öffentlichen Lebens. Die Versammelten begaben sich zunächst an die Gräber der von Pastor Johannes Meyer in Ladelund beerdigten KZ-Toten. Dort legten Sighart Baumgardt als Vorsitzender des Kirchengemeinderates und der dem Gedenkstättenausschuss vorstehende Joachim Ihloff (Leck) an der Gedenktafel einen Kranz nieder. Sodann hoben Pastor Hans-Joachim Stuck und Bürgermeister Rüdiger Brümmer (Ladelund) an verschiedenen Stellen des Gräberfeldes Erde aus, um sie dem Flensburger Künstler Uwe Appold zu überreichen. Dieser gab bekannt, er werde die in Ladelund entnommene sowie die tags zuvor in Putten entnommene Heimaterde für die Farbe verwenden, mit der er zwölf Bilder zum 84. Psalm zu malen gedenke, den die Männer aus Putten vor ihrer Deportation sangen. „Ladelund ist für mich besetzt mit einer unglaublichen Versöhnungsethik, wie ich sie noch an keiner anderen Gedenkstätte gefunden habe“, so Uwe Appold.

Kurz darauf begaben sich die Teilnehmer der Feierstunde in das Dokumentenhaus, wo sie von Gedenkstättenleiter Raino Alsen offiziell begrüßt und daran erinnert wurden, dass sich an diesem Tage die Befreiung des KZ Auschwitz bereits zum 69. Male jähre. Noch immer aber finde man in der Gesellschaft Hass, Krieg, Rassismus und Ausgrenzung. Letzteres belege der Prozess gegen den „Nationalsozialistischen Untergrund (NSU)“ in München. Über diesen und die mit ihm verbundenen Pannen, Skandale und Folgen referierten sodann zwei Rechtsanwälte, die als Nebenklagevertreter in den NSU-Prozess eingebunden sind: Dr. Björn Elberling und Alexander Hoffmann. Sie befassten sich mit der Frage, wie der Terror des NSU in Deutschland geschehen konnte, insbesondere, wie es einer neonazistischen Gruppe um Beate Zschäpe zwischen 2000 und 2007 möglich gewesen sei, neun Menschen türkischer und griechischer Herkunft sowie eine Polizeibeamtin aus Thüringen unerkannt zu töten und möglicherweise noch weitere Straftaten verübt zu haben. Dr. Elberling stellte dazu drei Thesen auf. So sei „die Polizei noch immer auf dem rechten Auge blind“, unter anderem daran zu erkennen, dass in keinem der Mordfälle ernsthaft in Richtung eines möglicherweise rassistischen Tatmotivs ermittelt wurde, sondern die Ermittlungen – trotz hinreichender Anzeichen auf Ausländerfeindlichkeit – vor allem auf das Umfeld der Opfer ausgerichtet waren. Zweitens – so der Referent – hätten die Ermittlungen einen „verwurzelten institutionellen Rassismus in den Polizeibehörden“ erkennen lassen, welche die neonazistischen Aktivitäten in Deutschland offenbar verharmlosten. Björn Elberlings dritte These lautete: Das Versagen des Verfassungsschutzes lässt sich ganz maßgeblich darauf zurückführen, dass er Gewalttaten von Neonazis an Migranten nicht als ernsthaftes, vordringlich zu bekämpfende Problem angesehen hat.“

Nach einem gemeinsamen Imbiss kreiste die abschließende Aussprache schwerpunktmäßig um die Frage, was für Migranten mehr Sinn mache: beobachtete Aktivitäten von Neonazis öffentlich bekannt zu machen oder ihnen durch nachrichtliche Zurückhaltung kein Podium zu bieten? Die Mehrheit tendierte zu letzterer Lösung.

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