Südtonderns Bürgermeister : „Der Bürger wird gebeutelt“

Seit 17 Jahren ist Günter Jürgensen (66), gelernter Landmaschinen-Mechaniker, Bürgermeister der Gemeinde Holm.
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Seit 17 Jahren ist Günter Jürgensen (66), gelernter Landmaschinen-Mechaniker, Bürgermeister der Gemeinde Holm.

In einer Interviewserie stellen wir alle 30 Gemeinden Südtonderns vor: Heute den Bürgermeister von Holm Günter Jürgensen.

shz.de von
20. Januar 2018, 17:05 Uhr

Holm | Herr Jürgensen, was macht Ihre Gemeinde so besonders? Warum sollte jeder nach Holm ziehen?

Wir sind ein kleines, überschaubares Dorf mit schönen Reetdachhäusern im Dorfkern und sieben Bauernhöfen – von denen noch einer hauptberuflich betrieben wird – im dazugehörigen Gotteskoog. Die meisten der insgesamt 80 Holmer Bürger leben seit ihrer Geburt hier. In den letzten Jahren hat aber ein Generationenwechsel stattgefunden. Ein weiterer Vorteil in Holm ist die schnelle Verkehrsanbindung zur Bundesstraße 5 (B 5), zum Uphusumer Bahnhof sowie nach Niebüll und Leck.

Wie ist die Altersstruktur in Holm?

Der jüngste Bewohner ist rund zwei Monate alt – der Älteste 79 Jahre. Jetzt, da ein Generationenwechsel stattfindet und viele junge Leute mit Mitte/Ende 20 in ihr Heimatdorf zurückkehren und Kinder bekommen, hat sich die Altersstruktur verjüngt. Das freut mich sehr, denn so kann man in unserem Rentnerdorf (lacht) wieder Kinder sehen.

Gibt es genügend Wohnraum für junge Neu-Holmer?

Ja, auf jeden Fall. Der eine zieht in einen Teil seines Elternhauses, das bisher vermietet war. Eine junge Familie hat das Elternhaus abgerissen und hier ein neues Reetdachhaus gebaut und ein anderes Holmer Kind hat ein schmuckes Einfamilienhaus errichtet.

Welche Angebote gibt es im Dorf?

Das ist wirklich schwierig bei uns. Wir haben, gemeinsam mit unseren Nachbargemeinden Uphusum und Bosbüll, ein Mal im Jahr Seniorentreffen. Viele gehen dort aber nicht hin, vermutlich fühlen sich die meisten noch zu jung dafür. Viele Jahre haben wir Dorffeste ausgerichtet. Die waren immer gut besucht. Es gab Spiele für die Kinder und Wettkämpfe für die Erwachsenen – zum Beispiel Treckerringstechen und Tauziehen. Leider besteht inzwischen kein ausreichendes Interesse mehr an diesen Treffen. Einzig das Feuer am Ostersonntag, das privat organisiert ist, funktioniert: Hier bringt jeder sein Getränk und Würstchen mit, Grill und Sitzgelegenheiten stehen parat. Sportvereine gibt es bei uns nicht – umso mehr freue ich mich über die Uphusum-Holmer Jugendfeuerwehr. Zur Zeit sind dort aber leider keine Holmer Jungen und Mädchen vertreten.

Wie sieht es im Ort mit Einkaufsmöglichkeiten und Unternehmen aus?

Eine Infrastruktur haben wir hier nicht. Wir haben keinen Kaufmann und keinen Bäcker mehr. Aber eine Kfz-Werkstatt gibt es sowie den Holmer-Peerstall. Dort verkaufen zwei Holmerinnen unter anderem Kinderbekleidung, die sie selber nähen.

Was muss in unbedingt verändert oder auf den Weg gebracht werden?

Wir sind eigentlich gut davor mit allem. Wir haben unter anderem einen neuen Bürgersteig und die Wirtschaftswege sind gut im Schuss. Das Problem ist, dass das wegen der geplanten finanziellen Beteiligung der Bürger für diesen Straßen-und Wegeausbau in Zukunft schlechter wird. Der Bürger wird immer mehr gebeutelt. Vor allem Rentner, aber auch junge Leute, die gerade gebaut haben, haben dieses Geld einfach nicht übrig. Ich versuche, die Kosten von den Bewohnern fernzuhalten, aber mir sind oft die Hände gebunden. Mit Einnahmen aus einem geplanten Windpark innerhalb unserer Gemeinde werden wir in Holm wahrscheinlich nicht rechnen können, weil das infrage kommenden Gebiet zum Landschaftsschutzgebiet erklärt werden soll.

Was nervt Sie an der Kommunalpolitik am meisten?

Was mich am meisten nervt, ist unser Baurecht. Wenn jemand hier zum Beispiel einen Resthof kauft, kann er ihn eigentlich auch gleich abreißen, weil er im Außenbereich nichts verändern darf. Zum Beispiel muss für einen Pferdeschuppen oder eine Garage eine schriftliche Genehmigung eingeholt werden. Obwohl wir als Gemeinde dem Bauantrag zustimmen, wird hieraus meist nichts. Oft schon habe ich Bauherren nach Husum zum Kreisbauamt begleitet, erklärt, dass seitens unserer Gemeinde keine Bedenken bestehen und bin dann so enttäuscht, wenn das trotzdem abgelehnt wird. Wenn das so weiter geht, werden wir hier im ländlichen Raum ausbluten. Es ist anscheinend wichtiger, dass industrielle Dinge, mit denen viel Geld verdient werden kann, häufiger genehmigt werden.

Einen Moment, in dem Sie denken: Darum bin ich Bürgermeister geworden.

Ach Gott. Wenn ein Lob oder Dank aus der Gemeinde kommt, dann freue ich mich immer.

Und wo sehen Sie Holm in zehn Jahren?

Ich hoffe, dass die Gemeinde noch lange selbstständig bleibt. Ob und wann Großgemeinden entstehen, hängt natürlich auch von der großen Politik ab. Der Vorteil einer eigenständigen Gemeinde ist auf jeden Fall, dass wir schlagkräftiger und schneller entscheiden können.

Zum Beispiel wenn ein Baum auf der Straße liegt, ein Gully verstopft ist, oder es um den Winterdienst geht.

Wollen Sie nach 17 Jahren im Mai erneut kandidieren?

Ich wollte das Amt eigentlich abgeben, damit mal ein Jüngerer rankommt. Ich bin der älteste in der jetzigen Gemeindevertretung. Aber hier sind sich alle einig: Du bist ja Rentner, du hast ja Zeit, sagen sie. Also: Wenn sie mich erneut wählen, dann mache ich weiter, auch wenn ich nach Ende der kommenden Amtszeit dann 72 Jahre alt wäre. Ich habe entsprechende Maschinen, um zum Beispiel umgestürzte Bäume zu fällen und wegzuschaffen oder Buschwerk zu schreddern – diese Arbeiten erledige ich in unserer Gemeinde selbst. Und dazu komme: Ich habe auch große Lust dazu (schmunzelt).

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