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Die Kunst des Übersetzens : Der befremdliche Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Friedhelm Rathjen – Übersetzer aus Südwesthörn – stellt seine neuen Projekte vor.

Der Südwesthörner Friedhelm Rathjen macht wieder von sich reden. Der auf der Frankfurter Buchmesse mit dem Paul-Celan-Preis ausgezeichnete Übersetzer – damit ist er Deutschlands bester Übersetzer – hat gleich zwei Projekte realisiert.

Da ist zum einen die vielgepriesene, lange nicht mehr lieferbare Übersetzung von „Der befremdliche Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde“, von Robert Louis Stevenson, neu durchgesehen von Rathjen und wieder vorgelegt in einer Liebhaberausgabe. Die Ausgabe ist limitiert auf 99 signierte Exemplare.

„Der befremdliche Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ erschien 1886 bei Longmans in London und war mit 40  000 verkauften Exemplaren innerhalb von sechs Monaten Stevensons Bestseller zu Lebzeiten. Schon als Teenager schrieb Stevenson über diesen Fall ein Schauspiel. „Als Keim der Erzählung gilt die wahre Geschichte des Edinburgher Tischlers Deacon Brodie, der nachts ein geheimes Doppelleben führte und schließlich am Galgen endete“, erklärt Friedhelm Rathjen. „Unmittelbarer Auslöser der Niederschrift war aber ein nächtlicher Traum, den Stevenson im Herbst 1885 hatte, woraufhin er innerhalb weniger Tage eine erste Fassung der Erzählung schrieb.“

Stevenson, der von 1884 bis 1887 zur Gesundung im südenglischen Seebad Bournemouth lebte, hatte kurz vor besagtem Traum einen Blutsturz erlitten und war ans Bett gefesselt, wo er fast wie im Fieberwahn seinen Text niederschrieb. Friedhelm Rathjen versucht in der Übersetzung dem Feeling des Autoren nachzuspüren und gleichzeitig der damaligen Sprache gerecht zu werden. Das bemäkeln manche Kritiker, die sich darauf nicht einlassen wollen.

Doch mit Kritik hatte auch Robert Louis Stevenson zu kämpfen. An der ersten Fassung bemängelte seine Frau, er habe das, was eigentlich eine Allegorie sei, einfach wie eine Geschichte heruntererzählt; angeblich verbrannte Stevenson daraufhin die erste Fassung und schrieb innerhalb von höchstens einer Woche eine zweite Fassung. Friedhelm Rathjen lächelt. Und er zweifelt nicht an der Richtigkeit. Schreiben ist ein Kampf, Übersetzen auch.

„J“ von Howard Jacobson ist sein zuletzt übersetzter Roman, zum Glück für den Leser ist nicht nur der Übersetzer sondern auch der Autor „auf dem Höhepunkt seines Schaffens“ (The Independent). Howard Jacobson ist ein Autor, der in England mit den wichtigsten Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. „J“ ist ein Buch, das an „1984“ von George Orwell oder an ein Terrorregime wie das „Dritte Reich“ erinnert.

Geheimnisvoll. Hintergründig. Tiefsinning. „Mit verschiedenen Ebenen“, so Friedhelm Rathjen. Mit kleineren Zwischenstücken (Briefen, Tagebucheinträgen) wird das Momentum des Erzählers erweitert. Das ist eine Arbeit, die er schätzt. Die Spannung wird langsam aufgebaut, wird auf das geheimnisvolle Dahinter, die Vergangenheit, gelenkt. „J“ könnte für Jude stehen. Aber auch für Jazz ... diese Musik war damals (1933-45) verboten. Denksport für den Leser. Und für den Übersetzer. Denn der muss beispielsweise das Wort „Jump“ kongenial übertragen. Wie geht das?

Wenn es knirscht, setzt Friedhelm Rathjen sich auf das Fahrrad. Kämpft am Deich gegen den Wind, bis ihm das richtige Wort einfällt. „Ich habe in dem Buch, in dem der Buchstabe J die entscheidende Rolle spielt, das Wort Jählings als den Beginn der Aufforderung Jump gewählt“, erklärt er, der dabei nicht zu viel vom Inhalt des Buches verraten will. Es ist letztlich eine „Liebesgeschichte in einem schwierigen Umfeld“ (NDR). „Für mich ist die Sprache das Interessante“, meint Friedhelm Rathjen – und er findet sich mit wachsendem Vergnügen in den Duktus der Starautoren von James Joyce bis Robert Louis Stevenson ein. Die Ruhe in Nordfriesland hilft ihm dabei.

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erstellt am 06.Feb.2016 | 06:30 Uhr

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