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Blickpunkt Landwirtschaft : Der Bauer als Handwerker des Systems

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Warum steht die Landwirtschaft in der Öffentlichkeit oft in der Kritik? Ein Interview mit Wolfgang Stapelfeldt vom Kreisbauernverband Südtondern

von
erstellt am 22.Apr.2015 | 05:00 Uhr

Wenn jemand zu einem Landwirt „du Bauer“ sagt, empfinden Sie das als Kritik?
Wolfgang Stapelfeldt: Nein, gar nicht.

Weil?
Weil es unsere Arbeit richtig kennzeichnet, unseren Umgang mit Land und Boden, unsere Verwurzelung mit der Region. Da passt der Name sogar besser als das Wort „Landwirt“. Ich lasse mich gern als Bauer bezeichnen. Und wenn man Umfragen glauben mag, dann ist das Vertrauen in die Tätigkeit eines Bauern sehr hoch. Der Beruf Bauer gehört demnach wie Arzt, Polizist, Rechtsanwalt oder Feuerwehrmann zu den hochgeschätzten Berufen.

Dennoch hat das Image der Landwirte gelitten. Woran liegt das?
Um das zu verstehen, muss man aufbröseln, wer die schlechte Stimmung verbreitet: Es sind einige Parteien, aber auch einige Medien. Sie alle vergessen, dass wir Landwirte einen wichtigen Arbeitsauftrag haben. Wir produzieren hochwertige Nahrungsmittel nachhaltig und sichern damit die Ernährung der Bevölkerung. Ökologischer Landbau ist richtig und sinnvoll, wird aber zu wenig nachgefragt. Die meisten Verbraucher kennen die Landwirtschaft gar nicht. Sie wohnen irgendwo im vierten Stock in der Stadt und haben keinen Bezug mehr zum Land. Für sie ist der Blick in einen Stall ungewohnt. Und was sie dann sehen, das erscheint ihnen schlecht. Obwohl ich nach wie vor überzeugt bin, dass es den Tieren heutzutage gut geht bei uns Bauern.

Was steht trotzdem am Pranger?

Zur Zeit gibt es am meisten Akzeptanzprobleme bei der Tierhaltung mit der intensiven Form der Stallhaltung, wo ohne Stroh aufgestallt wird. Auch die Milchviehhaltung in den Ställen, wo die Kühe nicht mehr auf die Weide kommen, sondern nur im Stall bleiben, steht unter Druck. Dort haben die Tiere aber freien Auslauf. Wir haben ja mittlerweile bei allen Tierhaltungsformen strenge Vorschriften. Es ist bei den modernen Boxenlaufställen beim Milchvieh mittlerweile Standard, dass die Kühe ihr ganzes Leben lang frei laufen können. Früher war das anders. Früher waren sie in einem dunklen Stall angebunden, bekamen Futter vorne vorgeworfen und schauten den ganzen Winter quasi nur gegen die Wand. Es geht den Kühen heute wesentlich besser in den modernen, tierwohlgerechten Ställen. Die Kritik ist aber verständlich. In Schleswig-Holstein und speziell Südtondern kommen in der Tat nur noch wenige Kühe auf die Weide, was verschiedene Gründe hat. Unter anderem lassen es die Marschböden nicht zu. Die Kühe trampeln sonst die Böden kaputt. Und 200 Kühe im Stall kann der Bauer auch nicht mehr morgens und abends reinholen. Bei den größeren Beständen, die wir vermehrt haben, ist das arbeitsorganisatorisch nicht mehr möglich.

Sie können den Unmut aber nachvollziehen?
Ja, natürlich. Aber auch im Stall geht es unseren Nutztieren gut. Heutzutage liefern die Tiere hohe biologische Leistungen, die früher undenkbar waren. Beispielsweise, kann eine Sau 25 Ferkel im Jahr großziehen und eine Kuh 9000 Liter Milch im Jahr liefern. Das zeigt uns Landwirten, dass die hohen Tierwohl-Standards richtig sind.

Wobei dabei auch Zuchterfolge eine Rolle spielen und gerade die hohe Produktivität in den Ställen viele stört.

Für mich sind das zum Teil Modetrends, wie auch der Veganer-Trend. Fleischlos zu leben ist absolut okay. Aber solche Ideologien der gesamten Gesellschaft aufzwingen zu wollen, das ist nicht in Ordnung. Einige Veganer machen Front gegen die Landwirtschaft, was wir mit Sorge betrachten. Auch gibt es radikale Tierschützer, die uns massiv in den sozialen Netzwerken attackieren. In manchen Bundesländern greifen die Radikalen sogar zu kriminellen Methoden und brennen Ställe ab. Wo soll das hinführen?

Ja, gute Frage, wo soll das hinführen?
Nach wie vor sind wir der Auffassung, dass die Bedingungen, unter denen wir hier Landwirtschaft machen, in Europa mit am vorbildlichsten sind, mit den höchsten Auflagen und Standards für die Tiere im Bereich Tierschutz und Tierwohl. Man sollte uns Bauern so weiter produzieren lassen. Sonst wandert die Produktion nur in andere Länder ab. Denken Sie an die Eierproduktion. In Deutschland war man stolz darauf, die Käfighaltung zu verbieten. Eine richtige Entscheidung. Aber daraufhin hat man die Käfige hierzulande einfach abgebaut und in den Osten umgesiedelt. Dann kamen die Eier von den Discountern aus Polen und wurden dort nach wie vor in Käfigen produziert. Und den Hühnern ist überhaupt nicht geholfen worden.


Ich greife zu den teureren Eiern.
Sehr lobenswert, aber da sind Sie leider die Ausnahme. Im Biobereich gibt es sehr gute Produkte. Leider werden sie nur mäßig nachgefragt. Einige Leute geben zwar bewusst mehr Geld für das bessere Produkt aus, mit dem besseren Gefühl, etwas für die Tierhaltung gemacht zu haben. Bloß unser Problem als Gesellschaft ist, dass die breite Masse der Bevölkerung gerade bei den Nahrungsmitteln spart – aus verschiedenen Gründen. Dazu gehört die normale Hausfrau, die zum Supermarkt geht und dort knallhart über den Preis einkauft. Bei vielen Verbrauchern ist aber auch das Monatseinkommen nicht ausreichend, um mehr Geld auszugeben.

Dann kommen doch wieder die billigen Lebensmittel in den Einkaufswagen.
Uns Landwirte macht betroffen, dass die Deutschen dieses Bewusstsein nicht haben oder nicht haben wollen. Wer als Verbraucher mehr Geld für Nahrungsmittel ausgibt, verbessert die Gesamtsituation. Aber der Durchschnittsverbraucher will nicht. Auch wenn die Grünen ständig etwas anderes behaupten. Wir stagnieren in sehr vielen Bereichen. Der Verkauf von Bio-Schweinefleisch liegt unter drei Prozent! Man könnte die Schweine auf Stroh halten, sie länger aufwachsen lassen, sicherlich auch mit einer besseren Fleischqualität. Aber dann müssten die Bürger auch bereit sein, für das Fleisch das Doppelte zu zahlen. Sind sie aber nicht.

Wie sehen die Zahlen in den anderen Bereichen aus?
Bei Öko-Eiern ist die Akzeptanz am weitesten fortgeschritten. Mehr als zehn Prozent des Gesamtverkaufs machen solche Eier aus. Bei Biomilch rechnet man mit fünf Prozent.

Also Kopf in den Stand stecken?

Jeder Bauer muss ein vernünftiges Einkommen erwirtschaften, um seinen Betrieb aufrechtzuerhalten. Es muss ein Umdenken großflächig in der Gesellschaft stattfinden. Wie man das Feuer dafür entzünden kann, weiß ich nicht. Wir als Landwirte können das nicht schaffen. In Frankreich gibt es eine ganz andere Esskultur, dort geben die Verbraucher wesentlich mehr Geld für Nahrungsmittel aus, die ökologisch produziert sind und mit noch besseren Tierwohl-Kriterien hergestellt werden. Auch in der Schweiz, in Norwegen, in Schweden. Und wir schaffen es hier nicht, auch mal umzudenken? Wir haben viel zu viele übergewichtige Kinder, ernähren uns viel zu viel von Fast Food. Die Deutschen haben ganz generell ein Problem mit ihrer Ernährung. Wir Landwirte sind nicht mehr bereit, für Fehlentwicklungen der Gesellschaft die Prügelknaben zu sein. Aussagen von Organisationen wie Greenpeace, die sich viel über Spenden finanzieren, kommen oft der Wahrheit überhaupt nicht nahe und dienen nur der Stimmungsmache. Warum demonstriert man nicht gegen die Gesellschaft? Die Landwirte sind quasi nur die Handwerker in diesem System, die ausführen, was nachgefragt wird.

Neben der Tierhaltung stößt auch die Vermaisung auf viel Kritik.
Die Gesellschaft will die Energiewende. Dann muss man auch bereits sein, die damit verbundenen Nachteile in der Region zu akzeptieren. Das sind beispielsweise Windkraft- und Biogasanlagen. Und das ist auch das Futter für die Biogasanlagen: also der Mais. Man muss ganzheitlich denken, die Zusammenhänge sehen. Auch bei den Erneuerbaren Energien sind wir nur die Handwerker für das Gelingen der Energiewende.

Viel Schelte. Ist „Bauer“ überhaupt noch ein attraktiver Beruf?
Es wundert mich selbst etwas, aber wir haben keine Nachwuchsprobleme. Die Klassen in den Berufsschulen und landwirtschaftlichen Fachschulen sind überlaufen. Die „grünen Berufe“ sind absolut in. Wir werden für die „grünen Studiengänge“ an den Unis im nächsten Jahr den Numerus clausus wieder einführen müssen.

Wie kann das wiederum sein?
Die Verbundenheit der Menschen mit Land und Natur ist immer noch groß. Landwirt zu sein ist eine Berufung und nicht nur ein Beruf. Die Aufgabe hat neben all den Nachteilen ja auch viele Vorteile. Wir arbeiten viel, 60 Stunden in der Woche sind keine Ausnahme, auch an Feiertagen. Wir sind dafür aber immer bei der Familie zu Hause, können gemeinsam essen. Und mittlerweile haben viele landwirtschaftliche Betriebe Angestellte, um auch mal in den Urlaub fahren können. Auch das verbessert die Lebensqualität auf unseren Höfen.

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