Den aufrechten Gang hat er immer vorgelebt

Beim Tönnies-Kongress 2013  in Husum: Dr. Uwe Carstens. Foto: o
Beim Tönnies-Kongress 2013 in Husum: Dr. Uwe Carstens. Foto: o

Über den bedeutenden nordfriesischen Soziologen Ferdinand Tönnies liegt eine neue Biografie von Dr. Uwe Carstens vor / Im Interview erzählt er, warum dessen Werk immer noch aktuell ist

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24. Juli 2013, 03:59 Uhr

Nordfriesland/Kiel | Sein Buch "Gemeinschaft und Gesellschaft" zählt zu den Klassikern der Sozialwissenschaften - er selbst gilt als Begründer der Soziologie: Ferdinand Tönnies, 1855 in Oldenswort geboren und 1936 in Kiel gestorben, hat in doppeltem Wortsinn Geschichte geschrieben. Einmal, in dem er sich selbst in die Geschichtsbücher eintrug; zum anderen, weil er historische Abläufe und Zusammenhänge mit seiner Forschung erst begreifbar machte. Dr. Uwe Carstens (Jahrgang 1948) wurde wie Tönnies auf der Halbinsel Eiderstedt - in St. Peter-Ording - geboren. Nach Studium und Promotion an der Kieler Christian-Albrechts-Universität arbeitet der Soziologe, Politikwissenschaftler und Ethnologe seit 1992 als Geschäftsführer der Ferdinand-Tönnies-Gesellschaft (Sitz in Kiel). Am 9. Februar 2010 erhielt Uwe Carstens das Bundesverdienstkreuz am Bande für seine ehrenamtliche Forschungsarbeit. Jetzt hat Carstens eine neue Biografie des Soziologen vorgelegt: "Ferdinand Tönnies - Friese und Weltbürger".

Ferdinand Tönnies ist seit 77 Jahren tot. Was gibt es Neues über ihn, das eine weitere Biografie rechtfertigt?

Die Soziologie ist eine dynamische Wissenschaft und solange es Menschen gibt, wird sie sich weiterentwickeln. Um so erstaunlicher ist es, dass der Eiderstedter Bauernsohn Tönnies 1887 mit "Gemeinschaft und Gesellschaft" diesem Fach, das es vorher in der Wissenschaft nicht gab, Werkzeuge an die Hand gegeben hat, die zeitlos sind. Beispiel: Die neuen "Online Communities" haben ihn zu ihrem "Godfather" erkoren.

Worin besteht Tönnies herausragende Leistung?

Er hat ein neues wissenschaftliches Feld erschlossen, das sich erst durch sein Wirken von den anderen Fächern emanzipiert hat. Der von ihm geschaffene Begriff des "Volontarismus" (Lehre vom "Willen") begründet den Erkenntnisgegenstand der Soziologie.

Ist es ihm ähnlich ergangen wie so vielen großen Denkern, dass seine wahre Bedeutung erst viel später erkannt wurde?

"Gemeinschaft und Gesellschaft" erschien 1887 und war seiner Zeit weit voraus. Im Kaiserreich waren diese Begriffe einfach nicht besetzt. Erst 1912 entdeckte die Jugend - zum Beispiel die Wandervogelbewegung - den "Gemeinschaftsbegriff" und das Buch wurde zum "Bestseller". 1935 erschien durch einen mutigen Verleger die achte Auflage. Denn da hatte Tönnies bereits Schreibverbot durch die Nationalsozialisten, die ihn 1933 von der Universität gejagt hatten.

Was war Ferdinand Tönnies für ein Mensch?

Seine Tochter Franziska hat ihn einmal in einem Fernseh-Interview einen "ernsten, heiteren Mann" genannt. Jedenfalls machte er kein Wesens um sich: ein kleiner, fast zierlicher Mann, bärtig wie ein deutscher Professor. Man darf ihn sich fleißig ausschreitend auf dem Eiderstedter Deich vorstellen. Er war unerhört belesen. Sein Werkverzeichnis nennt mehr als 1000 Veröffentlichungen. Er war aber eben kein Opportunist. Tönnies verzichtete lieber auf die Karriere, als von einer Überzeugung abzuweichen.

Warum würden Sie Menschen raten, sich mit Tönnies und seinem Werk zu beschäftigen? Oder anders gefragt: Was hat er uns heute noch zu sagen?

Den "aufrechten Gang" kann man von Tönnies lernen. Gerade heute, im Wandel von der Industrie- zur Informationsgesellschaft, ist Tönnies Werk keineswegs überholt. Von großer Hellsicht für aktuelle Entwicklungen der westlichen Gesellschaften stellt es ein noch kaum genutztes Werkzeug zu ihrer Diagnose dar. Zum Beispiel eben zur Diagnostik einer sich jetzt realisierenden Weltgesellschaft, die nur in einem "virtuellen" Raum entsteht und wo der Kontakt und der Verkehr zwischen den Beteiligten ohne persönliche Bekanntschaft, ohne körperliche Nähe nur im Kopf stattfindet. Mit Tönnies Worten: rein "fiktiv" oder "imaginär".

Wenn Tönnies noch lebte, was meinen Sie wären die wichtigsten drei Fragen, mit denen er sich beschäftigte?

Hat sich meine Annahme, dass wir uns von der Gemeinschaft zur Gesellschaft entwickeln, bestätigt? Welche Bedeutung hat mein Fach in der heutigen Wissenschaft? Wie kann ich mir die neuen technischen Errungenschaften für meine Forschung nutzbar machen?

Und wie steht es mit der Soziologie selbst? Würde er sich nicht auch Sorgen machen, was die noch ausrichten kann in einer Welt, deren Lebensbereiche immer stärker kommerzialisiert werden?

Das alle Lebensbereiche nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten ausgerichtet werden, hat Tönnies früh thematisiert. Bereits 1920 befürchtete er, dass sich in moralischer Hinsicht der Markt nicht von allein zügeln lässt. Aber nach Tönnies droht mehr: Bedingungslose Marktgläubigkeit gefährdet letztlich die Demokratie - wie sie schleichend den Sinn für Gemeinschaft zerstört. Wir werden uns fragen müssen, ob wir in so einer Welt leben wollen. Tönnies hätte dagegen Stellung bezogen.

"Ferdinand Tönnies - Friese und Weltbürger", Nordfriisk Institut Bredstedt 2013, 416 Seiten mit zahlreichen, zum Teil farbigen Abbildungen.

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