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Marschbahn nach Sylt : Demo in Klanxbüll: Wie Sylt-Pendler den Bahnverkehr lahmlegten

vom
Aus der Onlineredaktion

Kaputte Waggons, überfüllte Züge, zahlreiche Verspätungen: Aus Protest haben Sylt-Pendler den Marschbahn-Verkehr in Klanxbüll blockiert.

shz.de von
erstellt am 25.Okt.2017 | 10:20 Uhr

Klanxbüll | Rund 500 Sylt-Pendler haben laut Polizeiangaben am Mittwochmorgen den Bahnverkehr zwischen Klanxbüll und Westerland behindert. Der Veranstalter, die Facebook-Pendler-Initiative, sprach sogar von mehr als 600 Teilnehmern. Für drei Stunden blockierten sie zunächst einen Zug, der auf dem Weg nach Sylt um 7.12 Uhr in den Klanxbüller Bahnhof einfuhr. Dabei stieg rund die Hälfte der Demonstranten in die Waggons, stellte sich in die Türen und sorgte so dafür, dass diese nicht schließen und der Zug nicht abfahren konnte. Die übrigen Protestler - viele von ihnen Handwerker, aber auch Menschen aus Südtondern und von Sylt, die sich mit den Pendlern solidarisieren - versammelten sich auf dem Bahnsteig.  

Später wurde auch ein zweiter Zug, der aus Süden kommend auf dem gegenüberliegenden Gleis einfuhr, für rund anderthalb Stunden besetzt. Währenddessen konnte durch den Bahnhof kein Zug über den Hindenburgdamm von und nach Sylt rollen. Mit ihrer Aktion demonstrierten die Bahnkunden gegen verspätete und veraltete Züge auf der Marschbahnstrecke, die von Hamburg über Niebüll bis nach Sylt fahren. Sie wollen öffentlichen Druck auf die Verantwortlichen aufbauen und ein Zeichen  setzen.

Die Pendler hindern zwei Züge am Klanxbüller Bahnhof an der Weiterfahrt.

Die Pendler hindern zwei Züge am Klanxbüller Bahnhof an der Weiterfahrt.

Foto: Michael Staudt

21 DB Regio-Züge waren von der Blockade betroffen, entweder durch Ausfälle oder Verspätungen, teilte die Pressestelle der Deutschen Bahn mit, auch zwei DB-Sylt Shuttle  fielen aus. Rund zwei Stunden später als geplant verließen die blauen Autozug von Bahnkonkurrent RDC die Bahnhöfe in Niebüll und Westerland. Zu besonderen Zwischenfällen kam es laut Polizei im Rahmen der Aktion jedoch nicht - alles sei friedlich verlaufen.

 

„Die Stimmung ist unbefriedigend und unzumutbar. Wir wollen wieder ungestört zur Arbeit kommen“, sagte Achim Bonnichsen, der die Pendler-Initiative organisiert. Ziel der Aktion sei es, bundesweit ein Augenmerk auf die Situation auf der Marschbahnstrecke zu lenken. „Wir sind müde, kaputt und ausgezehrt“ - die Situation sei unerträglich für die Pendler. „Unsere Lebensader heißt Hindenburgdamm, und die ist momentan sehr gegängelt, sehr krank und da brauchen wir professionelle Hilfe.“ Über Lautsprecher, die an einem Auto installiert waren, informierte Bonnichsen die durchnässten Teilnehmer regelmäßig über den Verlauf der Aktion. Mit Regenjacken, Schirmen und Kaffee aus Pappbechern versuchten diese, Regen und Müdigkeit fernzuhalten: „Wir machen mit, weil wir betroffen sind, wenn die Kollegen jeden Tag zu spät kommen“, sagt Nils Kraumanns (19) aus Tinnum auf Sylt. Von insgesamt 40 Leuten im Betrieb, einem Sanitär-Unternehmen auf der Insel, kämen wegen der Bahn im Schnitt 20 bis 25 zu spät zur Arbeit.

 

Groß- und Außenhandelskaufmann Uwe-Jens Lornsen (56) arbeitet seit mehr als 30 Jahren auf Sylt, davon ist er zehn Jahre als Pendler unterwegs zwischen Klanxbüll und Westerland. Wegen der Situation auf der Marschbahnstrecke hat er seinen Job jetzt gekündigt, ab 1. November arbeitet er in Heide. „Das sind keine Zustände mehr. Sie klauen uns unsere Freizeit“, beklagt Lornsen. Aber auch Pendler auf der Insel sind Opfer der Zustände: „Meine Eltern arbeiten auf Sylt und ich bekomme jeden Tag mit, dass die Züge ausfallen oder zu spät kommen“, sagt Sina Kiose (15) aus Morsum. Sie ist selbst betroffen, wenn sie mit dem Zug zur Schule nach Westerland fährt. Oft muss sie dann von den Eltern gebracht werden.

Der Verein Sylter Unternehmer (SU) befürwortet die Aktion: „Wir sind Unterstützer und wollen ein Zeichen setzen mit den vielen Mitarbeitern auf dieser Insel und wir hoffen täglich auf Linderung nach 349 Tagen Ersatzkonzept“, sagt der 1. Vorsitzende Karl Max Hellner. Insulare Firmen, die den Protest unterstützen, arbeiteten mit einer Notbesetzung oder hatten den Betrieb ganz eingestellt. Unter ihnen eine Tischlerei, deren Inhaber ausdrücklich wollte, dass alle zehn Mitarbeiter mobil machen. Einige hatten dafür extra ihren Urlaub unterbrochen. 

Während auf dem Bahn-Gipfel diskutiert wurde, demonstrierten die Sylt-Pendler vor dem Amt Südtondern.

Während auf dem Bahn-Gipfel diskutiert wurde, demonstrierten die Sylt-Pendler vor dem Amt Südtondern.

Foto: Lea Sarah Albert
 

Die Bundespolizei  war am Morgen mit 15 Einsatzkräften vor Ort. „Wir sind nur zur Gefahrenabwehr hier - wir greifen nicht ein, weil wir nicht wollen, dass es eskaliert“, sagte Heiko Kraft, Pressesprecher der Bundespolizei. Ein Mann sorgte am Rande des Protestes allerdings für Aufregung, als er die Notbremse im Zug zog – und am anderen Bahnsteig zündeten Unbekannte einen Böller. Zu größeren Vorkommnissen kam es laut Bundespolizei jedoch nicht.

Durchgefroren machen sich die ersten Demonstranten nach rund zwei Stunden auf den Weg nach Hause. Die meisten Reisenden, die am Mittwochmorgen zum Klanxbüller Bahnhof kamen, waren Pendler, die schon von der Protestaktion wussten. Reisende, die am Bahnsteig wartend von den Blockaden überrascht wurden, reagierten jedoch teilweise verärgert. Unter ihnen auch eine 65-Jährige, die Freunde auf Sylt besuchen wollte. Zwei Stunden lang hatte sie im Regen ausgeharrt. „Ich war erstmal genervt“, sagt sie. „Aber ich habe Verständnis für die Situation der Pendler, weil ich dann mitbekommen habe, was hier los ist.“

Auf Verständnis trifft die Protestaktion aber nicht überall. Vor allem im Internet werden kritische Stimmen laut. Unter einer Protest-Ankündigung auf der Facebookseite „Störungen im Bahnverkehr“ häufen sich hämische Kommentare: „Ich würde den Zug einfach ohne Halt durch Klanxbüll jagen ...“ schreibt Nutzer. Ein anderer findet „DB Regio sollte sofort die Zusammenarbeit mit der Pendlergruppe einstellen. Das was DB Regio und Nah-SH hier mit den Pendlern kommuniziert, ist wohl einzigartig und das scheint wohl einigen ein wenig in den Kopf zu steigen. Also ab morgen Funkstille und dann können die Pendler mal lernen, wie es anderen Pendlern in Deutschland geht.“

Die Deutsche Bahn äußerte sich am Mittwoch rund eine Stunde nach Protestende zu der Aktion: „Wir können den Unmut der Pendler und Fahrgäste verstehen“, teilte DB-Sprecherin Angelika Theidig mit. Dem Unternehmen sei bewusst, „dass die Qualität trotz all der Anstrengungen nicht dem entspricht, was die Fahrgäste erwarten. Auch wir sind mit dieser Situation nicht zufrieden“. Es sei wichtig, dass alle Beteiligten an einem Strang ziehen und dadurch Verbesserungen ermöglichten.

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