Eröffnung : Demenz gehört zur Gesellschaft

Ruthild Schiller (rechts) und Birte Schau am Alzheimer-Infostand auf dem Marktplatz.
Ruthild Schiller (rechts) und Birte Schau am Alzheimer-Infostand auf dem Marktplatz.

Bis 23. Oktober gibt es viele Beiträge über Chancen und Ideen für den Umgang mit der Krankheit.

shz.de von
16. September 2018, 16:29 Uhr

Die dritten Niebüller Demenztage starteten im Rathaus mit einem Eröffnungsvortrag von Anne Brandt vom Alzheimer Kompetenzzentrum Schleswig-Holstein. Nach der Begrüßung durch Bürgervorsteher Uwe Christiansen führte die examinierte Krankenschwester und Diplom-Sozialpädagogin aus, wie an Demenz Erkrankte durch Zuwendung und Naturerlebnisse aufleben können.

Uwe Christiansen verwies in seiner Rede auf die Bedeutung der Prävention hin: „Es ist wichtig, beweglich zu bleiben, zu lesen und Kontakte zu pflegen sowie Sport zu treiben.“ An Demenz Erkrankte müsse man ohne Angst begegnen, ihre Potenziale nutzen und deren Würde erhalten. Dr. Carsten Thoroe, Vorsitzender der Alzheimer-Gesellschaft Nordfriesland, betonte, dass es keine Ausgrenzung geben dürfe – getreu dem Motto „Demenz - dabei und mittendrin“ gehörten die Erkrankten zur Gesellschaft. Stadtmanager Holger Heinke verwies auf die breite Veranstaltungspalette der Niebüller Demenztage, die bis zum 23. Oktober spannende Vorträge und Aktionen anböten.

„Das gemeinsame Erleben in der Natur regt alle Sinne an, schafft Lebendigkeit und Wohlbefinden“, erklärte Anne Brandt. „Vorhandene Fertigkeiten könnten im Garten genutzt werden.“ Natur-Materialien wie eine bestimmte Blume weckten Erinnerungen, die Richtigkeit der Wahrnehmung sei nicht wichtig. Bedeutsamer sei eine positive Bestärkung. Der Kontakt miteinander schaffe soziale Teilhabe. Dies gelte für alle Menschen und natürlich auch für Menschen mit Demenz. Anne Brandt gab praktische Kommunikations-Tipps, wie im Gespräch kurze Sätze zu formulieren, nicht zu korrigieren, geduldig und einfühlsam zu sein. Ruhe und Zugewandtheit zu spüren, sei für den Erkrankten wichtig; ebenso vermittelt eine positive Körpersprache gute Gefühle, denn die Spiegelneuronen funktionieren noch. „Der dementiell Erkrankte ist immer auf der Suche nach Sicherheit“, erläuterte Anne Brandt.

Naturerleben hat gerade auf Menschen mit Demenz eine positive Wirkung. Bewohner, die in den Räumen der Einrichtung unruhig oder teilnahmslos wirken, blühen oft im Freien auf, sind interessiert und mitteilsam und können Situationen richtig interpretieren. Auch wenn vielleicht direkte kognitive Fähigkeiten verloren gegangen sind, werden Menschen mit Demenz auf einer tiefen emotionalen Ebene von Natur berührt. Dies kann durch eine Blume geschehen, es kann auch die grüne Wiese sein, die wirkt. Eine natürliche Umgebung, die Ruhe und einen schönen Ausblick gewährt, wirkt ausgleichend und entspannend und regt positiv an. Anne Brandt empfahl, Rituale zu pflegen, eine angenehme Atmopshäre zu schaffen und alles „von Herzen zu tun“.

Nach dem Vortrag entwickelten sich noch viele lebhafte Gespräche zwischen Publikum und Fachleuten. Anne Brandt betonte, dass jede Form der Demenz anders sei – und damit müsse auch der Umgang variabel gestaltet werden.
Internationale Studienergebnisse bestätigen diesen positiven Einfluss von Naturerleben und dem Aufenthalt im Freien auf Befinden und Verhalten demenziell erkrankter Personen. So ergab eine vergleichende Langzeitstudie in verschiedenen Einrichtungen mit und ohne Freibereich, dass die regelmäßige Nutzung des Außenraums einen Rückgang von herausforderndem Verhalten bewirkte und damit auch Verbesserung im Belastungserleben der Pflegenden brachte. Bei einem Test beeinflussten abgespieltes Vogelgezwitscher und Abbildungen von Tieren das oftmals schwierig durchzuführende Duschbad am Morgen.

Auch das Thema Licht ist wichtig: Die in Pflegeeinrichtungen übliche Beleuchtungsstärke von Kunstlicht ist nicht ausreichend. Bekanntlich hat helles Tageslicht eine normalisierende Wirkung auf den Schlaf- wach-Rhythmus. Auch das für den Knochenstoffwechsel und zur Vorbeugung von Herzkrankheiten notwendige Vitamin D kann vom Körper nur unter dem Einfluss von Sonnenlicht gebildet werden. So ist der regelmäßige Aufenthalt im Freien eine natürliche Alternative zu Ansätzen, dem Lichtmangel der Bewohner durch Lichttherapie mit hochdosiertem Kunstlicht zu begegnen.

Die Möglichkeit, sich frei bewegen zu können ist ein zentraler Bestandteil selbst bestimmten Handelns, besonders für motorisch aktive Bewohner mit Demenz. Für sie ist es wichtig, dass sie ihren Bewegungsdrang ungehindert ausleben können. Körperliche Aktivität stimuliert die Funktionen des Immunsystems, wirkt blutdrucksenkend, verbessert die Leistungsfähigkeit des Herzens und trägt durch Verbesserung des Muskeltonus und Beanspruchung des Gleichgewichtsinns dazu bei, das Risiko von Stürzen zu reduzieren.

Das gesamte Programm der Demenztage ist im Internet unter www.niebuell.de zu finden.

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