Tierischer Küstenschutz : Deichschäfer aus Passion: Nonnengänse, Wölfe und Kurban Bayram

Wollte schon als Kind gerne Schäfer werden: Simon Lossau hat heute eine Herde mit 1150 Schafen.
Wollte schon als Kind gerne Schäfer werden: Simon Lossau hat heute eine Herde mit 1150 Schafen.

Landwirt Simon Lossau liebt seine Arbeit, hat aber mit etlichen Widrigkeiten – wie der Nonnengans – zu kämpfen.

shz.de von
09. August 2018, 06:00 Uhr

Emmelsbüll-Horsbüll | Von klein auf wusste Simon Lossau, dass er einmal Schäfer werden möchte. „Mein Vater hatte 20 Schafe als Hobby und ich bin überall arbeiten gegangen, um mir ein Schaf nach dem anderen dazu kaufen zu können.“ Heute ist er gelernter Landwirt, seit 2000 mit eigenem Betrieb in Nordfriesland selbstständig und hat eine Herde von 1150 Schafen.

In den Sommermonaten grasen seine Tiere auf dem Deich – eine Weidefläche, an die nur sehr schwer heranzukommen ist. „Ich habe eine andere Schäferei aufgekauft, die dort bereits Pachtflächen hatte und bin so an die Fläche gekommen“, sagt der 40-Jährige.

Durch die Beweidung betreiben die Schafe aktiven Küstenschutz: das Treten der Hufe und das Verbeißen des Grases, wodurch die Wurzeln stärker werden, verdichtet den Deich, wodurch er stabil bleibt. „Maschinell ist das gar nicht möglich“, so der Landwirt.

Vom Frühjahr bis in den späten Herbst sind die Schafe am Außendeich. Das Land ist eigentlich relativ günstig, bringt jedoch nicht nur Vorteile.

Natürlicher Wolfsschutz: Hütehunde auf dem Deich nicht erlaubt

Zum einen muss der Landwirt die Wasserstände genauestens im Blick haben: „Bei Hochwasserwarnung müssen die Schafe vom Vorland an den Deich getrieben werden – egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit.“ Und Hütehunde, die Schutz vor Wölfen bieten würden, dürfen nicht eingesetzt werden.

„Da immer wieder auch Spaziergänger dort sind, ist es nicht erlaubt. Die Hütehunde werden mit den Schafen groß, bleiben Tag und Nacht dort und verteidigen ihr Rudel ohne Skrupel.“ Von befreundeten Schäfer wisse er, dass der Wolf andernorts bereits zu einem großen Problem für sie geworden sei.

Nonnengänse futtern Schafen das Gras weg

Dem Emmelsbüller bereitet derzeit allerdings ein ganz anderes Tier als der Wolf große Probleme: die Nonnengans. „Im vergangen Jahr hatte ich auf 55 Hektar einen Totalausfall an Futter, das haben sie alles kahl gefressen.“ Eine Entschädigung vom Land gibt es zwar, aber die reiche gerade einmal, um das Futter zu kaufen, was er auf drei Hektar Land ernten würde. Und das Problem werde jedes Jahr größer.

170 Hektar Land bewirtschaftet Simon Lossau insgesamt. Nicht genug, um die Schafe das Jahr über mit Futter zu versorgen, so dass sie im Winter auch auf den Feldern von Rinderbauern oder in Solarparks grasen.

Auf die Frage, ob die Schäferei nach wie vor sein Traumberuf sei, antwortet Simon Lossau mit einem klaren „Nein.“ „Ich liebe meine Arbeit, aber es gibt wirklich Tage, an denen ich mich frage, wozu ich das alles mache.“

Wenn er zum Beispiel keine Zeit hat, um bei seiner Frau und der kürzlich geborenen zweiten Tochter zu sein, nachdem er sie von der Entbindung aus dem Krankenhaus abgeholt hat. Hätte er vorher gewusst, was er heute weiß, hätte er sich auf das Scheren konzentriert, dass er momentan nur noch nebenbei betreibt.

„Es gibt nicht so viele Scherer und damit kann man wirklich gutes Geld verdienen, gerade im Ausland wie Beispielsweise in Norwegen oder der Schweiz. Wenn ich das hauptberuflich gemacht hätte, hätte ich jetzt in Rente gehen können und viel Zeit für meine Familie gehabt.“

So schert er nur etwa 1000 Schafe pro Jahr – neben seinen eigenen – und nimmt aus Spaß auch regelmäßig am landesweiten Schafscherwettbewerb teil.

Die Wolle der Schafe ist allerdings uninteressant für den Landwirt, da sie kaum Geld einbringt, so dass sich der 40-Jährige auf Fleischschafe spezialisiert hat. Allerdings ist auch hier in Deutschland der Preis dafür gering, so dass die meisten der schlachtreifen Lämmer über einen Fleischhändler nach Frankreich verkauft werden.

Notschlachtungen durch Dürre: Schlachthöfe drücken Preise nach unten

„Bei uns kaufen alle das Lamm aus Neuseeland und unsere Salzwiesenlämmer gehen nach Frankreich. Die Franzosen sind bereit, mehr Geld für gute Lebensmittel auszugeben,“ sagt der Emmelsbüller. Eine Tatsache, die nicht nur ihm, sondern auch anderen Landwirten das Leben schwer macht.

„Gerade jetzt zur Dürrezeit nutzten die Schlachthöfe das eiskalt aus und treiben die Preise in den Keller. Viele müssen ihre Tiere früher zum Schlachten geben, weil kaum Futter da ist.“

Seine größten Abnehmer sind neben Frankreich vor allem die Bundesländer, in denen viele Muslime leben. Am 21. August ist Kurban Bayram, das höchste Islamische Fest und für den nordfriesischen Landwirt eine der größten Absatzquellen. Allerdings nicht in diesem Jahr: „Kein Landwirt kann momentan Schafe zurückhalten, das geht mit dem wenigen Futter nicht.“

Hungern müssen seine Tiere allerdings derzeit nicht: auch wenn der Deich vertrocknet ist, finden sie noch genug Nahrung. „Bei der Wärme fressen die Schafe insgesamt weniger“, so Lossau.

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