Ein selbstloser Helfer : „Das war selbstverständlich“

Sie verbindet ein dramatisches Erlebnis mit glücklichem Ausgang: Uwe und Dörte Franke mit ihrem Helfer Ahmad Jawid Sarwari.
Sie verbindet ein dramatisches Erlebnis mit glücklichem Ausgang: Uwe und Dörte Franke mit ihrem Helfer Ahmad Jawid Sarwari.

Dank an den selbstlosen Helfer: Ahmad Jawid Sarwari war sofort zur Stelle, als sich Uwe Franke bei einem Sturz schwer verletzte.

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02. Dezember 2017, 18:47 Uhr

Leck | Wenn man Uwe Franke fragt, wie es ihm geht, sagt er: „Gut.“ Ein bisschen flau fühle er sich allerdings noch. Kein Wunder: Es ist noch nicht lange her, dass der Niebüller schwer gestürzt ist und hilflos in einer riesigen Blutlache am Straßenrand in Leck lag. „Das hätte auch ganz anders ausgehen können“, sagt der 77-Jährige eine Woche später, als er gemeinsam mit seiner Frau Dörte auf der Couch von Ahmad Jawid Sarwari sitzt. Der 26-jährige Afghane lebt seit 2015 in Leck und hat sofort geholfen, als es auf jede Sekunde ankam.

Der Reihe nach: Am Donnerstag vor einer Woche sind Dörte und Uwe Franke mit dem Auto im Lecker Industriegebiet unterwegs. „Wir wollten für eine syrische Familie, die wir betreuen, ein Auto in Augenschein nehmen“, berichtet Uwe Franke. Die Suche nach der richtigen Adresse gestaltete sich allerdings schwierig; „deshalb bin ich ausgestiegen, um nach dem Weg zu fragen.“ An einer rund fünf Zentimeter hohen Bordsteinkante kommt der 77-Jährige dann ins Straucheln und stürzt – „im freien Fall auf den Kopf“, erzählt der Niebüller.

Er ist Marcumar-Patient, nimmt also ein gerinnungshemmendes Medikament: „Er hatte eine riesige Wunde am Kopf, man konnte den Knochen sehen – und er hat unglaublich viel Blut verloren“, erzählt seine Frau Dörte. Die 79-Jährige steht geschockt neben ihrem schwer verletzten Mann, weiß nicht, wie sein Handy funktioniert, als sich plötzlich jemand nähert. Es ist Ahmad Jawid Sarwari, der gerade auf dem Rückweg von der Südtondern Tafel ist. Sofort stellt er sein Fahrrad ab, zieht sein Handy, wählt den Notruf und drückt es Dörte Franke in die Hand. „Ich kann aus gesundheitlichen Gründen nicht knien, konnte nur neben meinem Mann stehen. Herr Sarwari hat sich sofort neben meinen Mann gekniet, die ganze Zeit seine Hand gehalten und mit ihm gesprochen.“

Dann trifft fachkundige Hilfe ein, als Uwe Franke in den Rettungswagen geschoben wird, sagt er zu seiner Frau: „Adresse, Dörte, Adresse.“ Dörte Franke versteht sofort, was ihr Mann möchte: Sie soll die Kontaktdaten des unbekannten Helfers notieren.

Wenige Tage, nachdem Uwe Franke aus dem Krankenhaus entlassen wird, besucht das Ehepaar Franke Ahmad Jawid Sarwari in Leck, um ihre unendliche Dankbarkeit auszudrücken. Er sei niemand, der gerne in der Öffentlichkeit stehe, besonders nicht in seinem derzeitigen Zustand, sagt Uwe Franke und zeigt auf seine große Narbe auf der Stirn, die mit zwölf Stichen genäht werden musste. „Aber, es wird so viel Negatives über Flüchtlinge gesagt. Wir möchten mit diesem positiven und nachahmenswerten Beispiel zeigen, dass wir auch viel zurückbekommen können.“

Es sei für ihn selbstverständlich gewesen, zu helfen, sagt Ahmad Jawid Sarwari, der schon sehr gutes Deutsch spricht. Allerdings noch nicht gut genug; in Afghanistan hat der 26-Jährige als Ingenieur gearbeitet, hier muss er dafür noch ein Studium absolvieren. Deshalb büffelt er weiter fleißig Deutsch. Zudem engagiert er sich im ehrenamtlichen „Aktiv-Team“, das sich um Integration und mehr kümmert. Der 26-jährige unterstützt zum Beispiel als Dolmetscher – oder steht dieses und nächstes Wochenende mit einem Stand auf dem Lecker Weihnachtsmarkt, um Interessierten selbstgemachtes Fingerfood aus aller Welt näher zu bringen. Die Frankes haben den Stand gestern schon besucht; sie betreuen selbst nicht nur syrische Geflüchtete, sondern setzen sich zudem seit Jahren für Kinder aus der Ukraine ein. Sie empfehlen wärmstens, gerade nach der jüngsten Erfahrung: „Geht auf die Menschen zu, nehmt sie wahr und baut Vorurteile ab.“

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