Das Rätsel der sprechenden Steine

Historische  Grabsteine gibt es auch an  der St.-Clemens-Kirche in Nebel auf Amrum. Foto: kta
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Historische Grabsteine gibt es auch an der St.-Clemens-Kirche in Nebel auf Amrum. Foto: kta

Der berühmteste Grabstein auf Föhr erinnert an den "glücklichen Matthias"

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30. Januar 2012, 06:52 Uhr

Föhr | Die Insel Föhr ist bekannt als Touristenziel. Doch nur wenige Menschen kennen die "sprechenden Steine". Es gibt auf drei Föhrer Friedhöfen diese rätselhaften Grabsteine. Warum sie so heißen? Es gibt natürlich keine Grabsteine, die wirklich sprechen. Aus ihnen sprechen alte Geschichten über das Leben der früheren Inselbewohner. Die drei Föhrer Friedhöfe mit den vielen Gräbern sind auf der ganzen Insel verteilt: St. Laurentii in Süderende, St. Johannes in Nieblum und St. Nikolai in Boldixum.

Ein Merkmal vieler Grabsteine sind Bibel- oder Sinnsprüche. So findet sich auf dem Friedhof in Nieblum ein Grabstein von Antje Arfsten (1742 bis 1823) mit folgendem Spruch: "Kinder bleibet fromm und gut, dann habt ihr stets frommen Muth." Und weiter: "Das war der Zuruf der Witwe Antje Arfsten, aus Alkersum, deren irdische Hülle dieses Grab umschließt, an ihre Kinder."

Auch bei der Verzierung gibt es typische Merkmale. Wenn ein Seemann auf dem Schiff gestorben ist, so segelt dieses mit vollem Segel. Wenn man abgetakelte Segel sieht, dann ist der Seemann an Land gestorben.

Die "sprechenden Grabsteine" entwickelten sich über mehrere Jahrhunderte. Erst gab es fliesenähnliche Sand- und Kalksteinplatten mit einer Bohrung, durch die ein Holzstab oder Walknochen gesteckt wurde, so dass sie in schräger Lage gut Halt fanden.

Nach 1700 kam Wohlstand durch Walfang nach Föhr. Von da an konnten sich die Föhrer größere und damit auch schwerere Grabsteine leisten, die aufrecht stehen konnten. Sie waren circa 160 mal 70 Zentimeter groß. Ärmere Leute, die sich keinen eigenen Grabstein leisten konnten, ließen alte Steine abschleifen und neu gestalten.

Der Föhrer Nickels Olufs (71) befasste sich lange mit den Föhrer Grabsteinen und sagte uns: "Die alten Grab steine erkennt man daran, dass sie versucht haben, die gesamte Lebensgeschichte darzustellen." Und so wurden manche Grabsteine erst Jahre nach der Beerdigung der verstorbenen Personen aufgestellt, weil die Gestaltung der Grabsteine sehr aufwändig war.

Der älteste der "sprechenden Steine", welchen wir gefunden haben, steht an dem Grab von Cateryne Knutsen. Als eine Sturmflut die Heimathallig Caterynes versenkte, zog sie nach Föhr, wo sie 1604 starb. Der wohl berühmteste Grabstein auf Föhr ist der des Matthias Petersen, genannt der glückliche Matthias. Er war ein Walfänger, der mit 20 Jahren Kommandeur auf einem Schiff wurde. Er hatte auf 19 erfolgreichen Fahrten 373 Wale gefangen. Durch seinen Reichtum hatte er der Kirche zwei Kronleuchter vermacht, die noch heute in der Kirche in Süderende zu sehen sind. Er verstarb in Oldsum am 16. September 1706.

Die auf den drei Friedhöfen verteilten, "sprechenden Steine" berichten noch heute vom Leben und dem Alltag der Seeleute von Föhr zu früheren Zeiten. Jeder ist einzigartig und erzählt von den Fahrten, Erfolgen und Schicksalen dieser Menschen. Sie bringen die Geschichten und Traditionen der Insel ihren heutigen Einwohnern und Besuchern näher.

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