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Traditions-Gaststätte : Das „Hilton“ ist nun Geschichte

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Das Ehepaar Johannsen schließt für immer die Gaststätten-Türen. Viele Geschichten ranken sich um den historischen Gasthof.

shz.de von
erstellt am 30.Dez.2015 | 18:24 Uhr

Wer im neuen Jahr an der Gaststätte Johannsen in der Dorfstraße 96 anklopft, steht vor einer verschlossenen Tür. Nach dem Grund gefragt, kommt von Gastwirtin Elfriede Johannsen (76) auch die Erklärung dafür. „Ich halte auf“, sagt die vermeintlich noch rüstige „Krögerin“. „Wir wollen unser Rentner-Dasein noch genießen, darum werden wir unser ‚Hilton‘ schließen“, heißt es offiziell im Anzeigenteil unserer Montagausgabe.

Doch im Gespräch mit unserer Zeitung nennt sie den tieferen Grund. Die Zeit sei gekommen, da sie nicht mehr die Kraft hat, die enormen Belastungen in der Küche durchzustehen. „Ich kann nicht mal mehr den Grünkohl im Kochtopf durchrühren“, fügt sie hinzu. „Schade“ werden viele ihrer Stammgäste sagen, jedoch ihr und ihrem Mann „Hanni“ alles Gute für den endlich beschlossenen Ruhestand wünschen.

Die Adresse des auf einer kleinen Anhöhe gelegenen Gasthofes atmet Dorfgeschichte, aufgeschrieben von Thea Herrmannsen und erforscht vom Chronisten Sönke Namanny. Das Anwesen der Johannsens stammt aus dem 17. Jahrhundert. Zuerst wird Andreas Sünnichsen als Besitzer genannt. Ihm folgen Johann Andresen und der nach seinem Tode geborene Sohn mit demselben Namen und dem Beinamen „Krauer“ (Kröger), bei dem es in der Folge auch bleibt. Mit Karsten Johannsen ist er der erste der Johannsens, dem Sönke (1890) und Johann (genannt Hanni) ab 1935 folgen.

Johann Johannsen heiratet 1962 die Gastwirtstochter Elfriede Lass aus Goldebek, die wertvolle Kenntnisse aus ihrer familiären Haus- und Gastwirtschaft und als gelernte Weißnäherin in die Ehe mitbringt. Beste Voraussetzung also für ihre Zukunft in Risum, wo es in einer kombinierten Land- und Gastwirtschaft auch hieß, dass der Mann den bäuerlichen und die Frau dem gastronomischen Part übernimmt.

Elfriede Johannsen bediente in ihren Anfängen zunächst Stammgäste wie Hermann Breuker und Johann Bielenberg und bot Fremdenzimmer an. Doch schnell kam sie auf den Dreh, das Haus Vereinen, Gruppen, Familien und anderen Gruppierungen mitsamt einem Rundumservice anzubieten. Schneller als gedacht sprach sich ihre Speisekarte herum: Rouladen für die Angler, Kohlpudding für den und den – und vor allem Grünkohl.

Grünkohl, auf Friesisch „Grainküülj“, mauserte sich schnell zu einem Markenzeichen. Zuerst war es der Grünkohl, der nach dem ersten Frost vom Feld kam und mühsam gesäubert und entsandet wurde, dann der aus der Dose. Gekocht wurde er auf Omas Küchenherd auf einem Holzfeuer. Die Zutaten wie Kochwurst, Schweinebacke und Kasseler kamen von bestimmten Schlachtern. Doch zweitwichtigstes Markenzeichen aus Elfriede Johannsens Küche waren ihre Bratkartoffeln, hochgelobt von Gästen nah und fern.

Grünkohlgäste von Oktober bis zum Frühjahr waren unter anderem Feuerwehr, Ringreiter, Familien, die Koogsrechnung, Gemeindevertretung sowie 20 Jahre ein Skatklub und 17 Jahre Vertreter der Stadt Niebüll mit ihren Bürgermeistern Heinz Loske und Wilfried Bockholt. Die kleine Gastwirtschaft an der Dorfstraße 96 hatte längst Kultcharakter.

Ob weinselig oder in Bierlaune: Man gab der gemütlich-urigen Kneipe auch den Spitznamen „Hilton“. Eine Reisegesellschaft schickte einmal aus Chicago briefliche Grüße an das „Risumer Hilton“. Mancher Witz wurde auch über den „geneigten“ und längst in waagerechte Lage gebrachten Fußboden gerissen. So sollen die Punschtassen nie ganz voll gewesen sein, weil ein Teil ihres Inhalts sonst übergeschwappt wäre. Der schiefe Fußboden ist dem Umstand zuzuschreiben, dass das Haus auf mooringem Untergrund steht und teilweise absackte. Um das Risumer Kröger-Ehepaar rankte sich manch lustige Geschichte. Sogar das Finanzamt spielte mit und schickte einmal einen Steuerbescheid an das „Hilton“ in Risum. Nicht bekannt ist der Witzbold, der Elfriede Johannsen, den Spitznamen „El Shalom“ gab. Shalom kommt aus dem Hebräischen und bedeutet Friede. Das „El“ ist ein dem Spanischem entlehnter Artikel und steht für „der“.

Elfriede und Johann Johannsen hielten ihrerseits auf Brauchtum und Tradition. Bis auf unabdingbare Notwendigkeiten ist seit 1962 nur wenig verändert worden. An der Wand hängen noch dieselben Bilder wie früher. In der kleinen Anrichte stehen – wie einst – immer noch die Bier- und Schnapsgläser. Und: Birgit Drews steht ihrer Chefin Elfriede immer noch helfend zur Seite – und das seit 27 Jahren. Die Zeit scheint in der einen oder anderen Gaststube stehen geblieben zu sein. Und es ist auch herzlich und gemütlich in diesem kultigen Dorfgasthof geblieben. Das ist nicht zuletzt den Johannsens zu verdanken – vor allem aber der Wirtin „El Shalom“ aus dem „Hilton“, die sich in Jahrzehnten ihrer Gastgeberrolle ein herzliches Dankeschön von ihren Gästen verdient hat – und nicht nur wegen ihres Grünkohls und ihren wunderbaren Bratkartoffeln. Am Neujahrstag  hatten ihre Gäste Gelegenheit, noch einmal mit ihr anzustoßen.

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