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Nordfriesland Tageblatt

18. August 2017 | 15:30 Uhr

„Das Gutachten ist irrelevant“

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Der Niebüller Gynäkologe Dr. Assem Hossein ist der Meinung, dass die drohende Insolvenz des Klinikums Niebüll in Husum verschuldet wurde

Auch seine Abteilung könnte den Sparplänen zum Opfer fallen: Dr. Assem Hossein leitet seit 2007 die Gynäkologie und Geburtshilfe in der Klinik Niebüll als Belegarzt. Im Gespräch mit dem Nordfriesland Tageblatt macht der Mediziner die Geschäftsführung des Klinikum Nordfrieslands für die aktuelle finanzielle Misere des Krankenhauses verantwortlich und verweist auf die Wichtigkeit der Versorgung vor Ort.

Dr. Hossein, was halten Sie von dem Krankenhaus-Gutachten, über das Anfang 2016 im Kreistag debattiert werden soll und das weitreichende Sparmaßnahmen im Klinikum Niebüll empfiehlt?

Dr. Hossein: Das Gutachten ist irrelevant und unqualifiziert. Was meine gynäkologische Abteilung betrifft, so sind die angeführten Zahlen falsch interpretiert. Es wird behauptet, dass wir hier im Jahr 133  000 Euro Minus machen. Dass sei der Grund, warum man die Abteilung schließen müsse. Diese Ausgaben gibt es. Dieser Posten beinhaltet das Gehalt für den Assistenzarzt und unsere Versicherung. Dagegen habe ich Einnahmen – allein im letzten Jahr 2014 – von 691  300 Euro, die das Haus durch mich verdient hat. Diese Einnahmen werden in dem vorliegenden Gutachten gar nicht berücksichtigt.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Der Gutachter ist eingesetzt worden, um das Versagen von Landrat Dieter Harrsen und Klinikum-Geschäftsführer Frank Petrowski zu verschleiern.

Ein Argument für die Schließung der Gynäkologie und Geburtshilfe in Niebüll ist die Patientensicherheit. Ist die Qualität der Behandlung hier schlechter als in Husum?

Nein – absolut nein. Teilen wir die durchschnittlich 550 Geburten in Husum durch die acht Ärzte – von denen fünf Assistenzärzte sind – so kommen im Jahr 60 Geburten auf jeden Arzt. Wenn wir aber Niebülls rund 250 Geburten durch unsere zwei Ärzte teilen, kommen wir auf 120 bis 130 Geburten. Soviel zu unserem Qualitätsstandart. Wenn Sie zu uns kommen, dann haben Sie direkten Zugang zu einem Facharzt.

Was würde es für Südtondern bedeuten, wenn Ihre Abteilung Ihre Türen schließen müsste?

Wenn diese Infrastruktur verlorengeht, dann werden sich es viele Menschen zweimal überlegen, ob sie hier hinziehen wollen. Auf absehbare Zeit hätten wir hier eine reine Rentnerstadt. Wenn die Strukturen einmal weg sind, dann bekommt man die Abteilungen nicht zurück.

Hätte das ganze Paket des Klinik-Rückbaus auch Gefahr für Leib und Leben von Patienten?

Aber wie! Vor kurzem habe ich dem Landrat berichtet, dass ich innerhalb von einer Woche zwei vorzeitige Plazentaablösungen behandelt habe. Hierbei muss das Kind innerhalb von Minuten geholt werden, sonst ist es tot. Oder es kommt – wie ebenfalls kürzlich – bei Frauen zu unvorhersehbaren, starken Blutungen. Sie haben darüber berichtet. Die Fahrt nach Flensburg oder Husum hätte diese Frau nicht überlebt.

Wie kann man die Belegungszahlen des Klinikums verbessern?

Die Menschen sollten sich häufiger für ihre Klinik entscheiden. Aber auch die niedergelassenen Kollegen könnten dazu übergehen, weniger Überweisungen nach Husum, Kiel, Flensburg oder Damp auszustellen.

Wie wichtig wird die Gynäkologie und Geburtshilfe in Niebüll auch im Hinblick auf die Erstaufnahmeeinrichtung in Leck?

Schon heute kommen täglich zwei Taxis mit Patientinnen aus der Erstaufnahme in Seeth. Dass ich die Sprache der Menschen spreche, ist natürlich ein Vorteil. Wir werden hier schon jetzt gebraucht.

 

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