Bürgermeister-Serie : „Das Geld reicht nicht“

Helmut Stender (66) ist seit rund zehn Jahren Bürgermeister der Gemeinde Uphusum.
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Helmut Stender (66) ist seit rund zehn Jahren Bürgermeister der Gemeinde Uphusum.

In einer Interviewserie stellen wir alle 30 Gemeinden Südtonderns vor heute: Den Bürgermeister von Uphusum Helmut Stender.

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06. Januar 2018, 04:17 Uhr

Uphusum | Herr Stender, was macht Ihre Gemeinde so besonders? Warum sollte jeder nach  Uphusum ziehen?

(Lacht.) Es ist eine überschaubare Gemeinde, die man nicht mit Leck oder Niebüll vergleichen kann.  Es ist  eine Gemeinde, in der  jeder der rund 400 Einwohner noch jeden kennt und jeden grüßt. Das macht den Reiz dieser Gemeinde aus, dass das Leben  nicht fremd und unpersönlich ist. Für die Gemeinde spricht zudem, dass wir – zusätzlich zu den Bussen – einen eigenen Bahnanschluss haben. Die Züge fahren nach Niebüll und Tondern.

Wie ist die Altersstruktur in Uphusum?

Junge Leute in Massen haben wir hier nicht, wie zum Beispiel in einigen Neubaugebieten in Niebüll oder Süderlügum.  Trotzdem haben wir keine Schwierigkeiten damit, ausreichend junge Leute für die Freiwillige Feuerwehr zu bekommen.

Gibt es denn genügend Angebote und Möglichkeiten für die verschiedenen Altersgruppen?

Naja, die Senioren werden hier gut versorgt mit Angeboten – darunter monatliche Treffen mit  Theater oder Skatspielen.

Für die Jugendlichen sieht es anders aus, richtige Angebote gibt es für sie  nicht. Bis Ende der 1970er Jahre gab es hier Sportvereine, die sind inzwischen alle nach Süderlügum verlagert worden.

Wie sieht es im Ort mit Einkaufsmöglichkeiten und Unternehmen aus?

Ja, Unternehmen gibt es: Darunter einen Partyservice, eine Schlachterei und kleinere Elektro-Firmen. Aber Lebensmittelläden, Bäcker und Kneipen gibt es nicht mehr. Die letzte Kneipe, das  „Friesenheim“  hat   vor rund 20 Jahren zugemacht.

Woran hapert es?  Wieso will niemand solche Institutionen weiterführen?

Ich glaube, das schlimmste sind immer die neuen bürokratischen Auflagen. Jemand kann einen Betrieb so lange führen wie er möchte; unabhängig davon, wie der Zustand ist. Aber sobald jemand anderes den Laden übernimmt, stürzen sich die Ämter auf ihn: Dann ist plötzlich die Küche nicht mehr in Ordnung und die Sanitäranlagen müssen erneuert werden. Das schreckt die meisten Interessenten ab – sie haben Angst vor einem Schuldenberg.

Sind das ähnliche Gründe, die für die Schließung von Kaufmannsläden gelten? Das Problem ist ja bekannt aus vielen kleinen Gemeinden.

Ich denke, hier sind hauptsächlich die Menschen selbst Schuld. Denn jeder sucht sich  das Günstigste und kauft die großen Mengen bei den riesigen Supermarkt-Ketten im Umland – beim kleinen Höker im Ort werden dann höchstens mal ein paar Dinge besorgt, die vergessen wurden. Davon kann kein Ladeninhaber leben.

Ein weiterer Grund ist, dass die Dorfbewohner  heute nicht mehr dort arbeiten wo sie wohnen. Die Landwirte und Handwerker waren früher im Ort. Heute arbeiten viele in größeren Kommunen und kaufen dann auch dort ein.  

Was muss in unbedingt verändert  oder auf den Weg gebracht werden?

Ein ganz wichtiger Punkt ist, dass kleine Bedarfsgemeinden  wie Uphusum  mehr Geld bekommen, damit  etwas verwirklicht werden  kann und wir handlungsfähig sind.

Wir sind eine  Gemeinde, die keine Windkraft-Anlagen bauen darf, weil das infrage kommende Gebiet  Schutzgebiet ist. Wir haben also kaum eigenen Einkünfte – zeitgleich steigen die Kosten für Kindergärten und Schule   rapide.  Die Bilanz ist also  negativ. Im Gegensatz dazu wissen andere Gemeinden nicht, wohin mit dem Geld, das sie mit den Windkraft-Anlagen einnehmen.  Wir hingegen müssen um jeden Cent betteln.  Das Geld reicht nicht zum überleben und das macht sowohl als Bürgermeister, als auch als Gemeinde und Bürger keinen Spaß mehr.

Es ist Mangelverwaltung überall; und das  ist schade, denn die Menschen fühlen sich ja wohl hier.  Dieses Problem muss ganz nötig angepackt werden, aber meine Versuche waren bisher nicht von Erfolg gekrönt.

Welcher Art waren Ihre Versuche als Bürgermeister?

Nur Gespräche. Mehr  Möglichkeiten gibt es da nicht. 

Was nervt Sie an der Kommunalpolitik am meisten?

Ganz eindeutig am meisten stört mich, wie eben schon angesprochen, die prekäre  finanzielle  Situation Uphusums und meine Machtlosigkeit demgegenüber.

Wollen sie, angesichts dieser negativen Erfahrungen, erneut kandidieren?

Wenn die Bürger das wollen, werde ich weitermachen. So deprimiert bin ich nicht (lacht laut).

Einen Moment oder eine Situation an die Sie denken: Darum bin ich Bürgermeister geworden.

Ich erinnere mich an ein Erlebnis, noch bevor ich ins Amt gewählt wurde, das den Anstoß dazu gegeben  hat, Bürgermeister zu werden.  1995 wurde das Gemeindehaus gebaut, im überwiegenden Teil durch die Dorfbewohner. Alles, was irgendwie selbst gemacht werden konnte, von den Erdarbeiten bis zum Malen und Dachdecken, ist von Freiwilligen gemacht worden. Das hat mich fasziniert. Ich dachte, wenn du so ein tolles Dorf hast, und dann vielleicht noch  eigene Ideen mit einbringen kannst, das ist gut.  Eine Gemeinde ohne diesen Zusammenhalt ist für mich unvorstellbar.

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