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Nordfriesland Tageblatt

18. Oktober 2017 | 11:33 Uhr

Das etwas andere Konzert

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Bei einer Piano-Session im Andersen-Hüs war das Herumlaufen während der Darbietungen ausdrücklich erwünscht

von
erstellt am 18.Mai.2014 | 14:08 Uhr

Musikfreunde, denen der Unterschied zwischen einem straff organisierten Konzert und einer Session bislang noch nicht geläufig war, hatten an zwei aufeinander folgenden Abenden des vergangenen Wochenendes im Risumer Andersen-Hüs die Gelegenheit, ihn anlässlich zweier „Piano-Sessions“ kennenzulernen. Gestaltet wurden das jeweils knapp vierstündige, durch zwei Pausen unterbrochene Programm unter dem weit gefassten Thema „Blues & Boogie Woogie“ von drei leidenschaftlich engagierten und technisch brillant aufspielenden Hobby-Musikern, die sich beruflich ganz anderen Aufgaben widmen: vom evangelischen Pfarrer Christoph Zeitz, dem Psychologen Christoph Hampel (beide aus Leipzig) und dem Mediziner Michael Friemel aus Leck.

„Da wir alle keine Profis sind, kommt es uns einfach nur darauf an, unseren Zuhörern und uns selbst zwei gemütliche Abende zu bereiten, an denen alle ihre Freude haben.“ So ließ sich vor Beginn der ersten Session Christoph Hampel als Sprecher des Pianisten-Trios vernehmen. Er riet dem Publikum auch, sich während der Musikbeiträge frei im Raume zu bewegen und nicht hartnäckig auf ihren Sitzplätzen zu verharren. Dieser Tipp wurde jedoch nur von einem kleinen Teil der Zuhörer befolgt, um sich mit Getränken zu versorgen oder den jeweils agierenden Klavierspieler aus nächster Nähe zu beobachten.

Ein Programm wurde nicht ausgegeben, und den Zettel mit dem vorgesehenen Ablauf der Session hatte man – laut Christoph Hampel – „leider zu Hause liegen lassen“. Umso freier fühle man sich nunmehr bei der Gestaltung der Programmfolge. Deren Titel anzusagen oder nachträglich bekanntzugeben, kamen die Künstler nur in sehr begrenztem Umfang nach. Hatten sie doch hauptsächlich allgemein sehr bekannte Musik aus verschiedensten Bereichen der Musik ausgewählt. Musiziert wurde auf einem erstklassigen „Steinway“-Klavier, das Michael Friemel zur Verfügung gestellt hatte.

Im Verlauf der beiden ersten Drittel der Session lösten sich die Interpreten bei der Darbietung in viertelstündlichen Blöcken ab, wobei deutlich wurde, dass jeder von ihnen seinen eigenen Stil entwickelt hat. Christoph Hampel stimmte zum Auftakt ganz entspannt den „Basin Street Blues“ an, um anschließend dessen Tempo und Rhythmus dramatisch zu forcieren. Ähnlich handhabte er den Gershwin-Hit „Summertime“, den „St. Louis Blues“ und den zu einem rasanten Boogie Woogie umgeformten Poptitel „Lady, be good“. Christoph Zeitz, der – zusammen mit Christoph Hampel – allwöchentlich in Leipzig öffentlich musiziert, präsentierte eine besonders kräftige Spielweise, bei der sich die Melodien zumeist über einem hart angeschlagenen, rollenden Bass-Ostinato entfalten. Meisterlich wartete er unter anderem mit dem „Entertainer“ von Scott Joplin, einer Bearbeitung des Schlagers „In Peru“ und dem notengetreu wiedergegebenen Jazztitel „Touch me“ auf, der durch die Gruppe „Blood, Sweat and Tears“ bekannt wurde. Zeitz legte sich dabei dermaßen ins Zeug, dass sein Spiel den Kraftaufwand eines Schwerarbeiters vermuten ließ.

Vergleichsweise sanft erklangen dagegen die überwiegend ruhigeren Stücke, die Michael Friemel vortrug. Doch auch bei ihm blieben spontane Temperamentsausbrüche nicht aus. Alle drei Pianisten zeichneten sich durch eine fundierte Kunst des ideenreichen Improvisierens aus, die sie immer wieder aufzeigten.

Vor der zweiten Pause „zum Ausschütteln des Trommelfells“ (Hampel) erfreute die elfjährige Jana das Publikum durch eine Einlage auf dem Piano. Sodann folgte „auf die Pflicht die Kür“. Bei letzterer agierten zuweilen alle drei Künstler zugleich, indem zwei von ihnen drei- oder vierhändig das Klavier bedienten und dabei nach Slapstickmanier ständig die Seiten wechselten, während Christoph Hampel dazu in mitreißender Weise auf seiner Chromonika improvisierte.

Gegen Ende der Session erinnerte Christoph Zeitz an „Lili Marleen“, spielte Michael Friemel „In love with you“ und stimmte Christoph Hampel „Der Mond ist aufgegangen“ an. Dieser wurde vom Publikum mitgesungen, bis der Klaviersatz in ein furioses Finale einmündete.

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