Bürgermeister-Serie : Das Dorf, in dem sich alle duzen

Bürgermeister Jörg Nissen (58) stammt ursprünglich aus dem Lübke-Koog. Der Berufsschullehrer unterrichtet in Flensburg Jugendliche die noch nicht ausbildungsreif sind.
Bürgermeister Jörg Nissen (58) stammt ursprünglich aus dem Lübke-Koog. Der Berufsschullehrer unterrichtet in Flensburg Jugendliche die noch nicht ausbildungsreif sind.

Mit dem Bürgermeister von Rodenäs haben wir über Bienen und den dänischen Lebensstil gesprochen.

shz.de von
29. März 2018, 15:54 Uhr

Rodenäs | Herr Nissen, wenn man durch Rodenäs fährt, fällt einem als erstes auf, dass der Ort zweigeteilt ist. Warum?
Damit die Menschen mit innerörtlicher Geschwindigkeit mit dem Auto fahren, wollten wir vor rund zehn Jahren ein Ortseingangschild  in Neudorf haben,  und ein Ausgangsschild  in Oldorf.  Aber weil zwischen den beiden Teilen eine lange Straße  mit viel  Freifläche ohne Häuser  ist, durften wir das nicht.  Es gilt quasi nicht als in sich geschlossener Ort. Deshalb mussten wir in beiden, von der Straße getrennten Bereichen, je ein Ortseingangs- sowie Ausgangsschild aufstellen.

Was macht Ihre Gemeinde lebenswert?
Ich denke, unsere Grenzlage und die Lage zwischen Meer und Dänemark.  Außerdem ist Rodenäs eine alte Gemeinde die sich nur ganz langsam entwickelt und verändert. Über die letzten 100 Jahre gesehen ist die Einwohnerzahl immer bei rund 400 geblieben. Heute sind es 420 Menschen.  Das ist gut für die Dorfgemeinschaft, die Menschen, die hier herziehen, finden  schneller Kontakte, anders als vielleicht in Gemeinden mit großen Neubaugebieten, wo viele Menschen mit unterschiedlichen Interessen auf einem Mal in die Gemeinden strömen.

Gibt es weitere Vorteile?
Ja, wir sind seit zwei Jahren  eine Duz-Gemeinde.  Wir sind also der  Ort, an dem sich alle duzen. Zudem liegt Rodenäs nahe am Bahnhof Klanxbüll, und  daher  günstig für Sylt-Pendler. Und: Wir sind Bienenfreundliche Gemeinde und bemühen uns darum, ganz viel für Insekten und den Naturschutz zu tun.

Was genau tun Sie für die Bienen?
Wir haben vor zwei Jahren an dem  Nabu-Wettbewerb  der Bienenfreundliche-Gemeinde in Schleswig-Holstein teilgenommen. Zusammen mit den Jägern und dem Heimatverein  sowie der Gemeinde und Kirche haben wir überlegt, wie  wir Flecken setzen können, an denen  Blumen wachsen. Wir haben einen sehr aktiven Imker, der auch Revierförster war, der uns unterstützt hat. Dadurch, dass wir keine Straßenlaternen haben, gibt es bei uns keine Lichtverschmutzung, das kommt den Wildbienen und anderen Insekten außerdem zugute. Inzwischen säen wir  jedes Jahr rund fünf Hektar mit bienenfreundlicher Saat – darunter Wildblumen – aus.  Wir versuchen, spät auszusäen, damit die Bienen auch im Herbst noch Tracht finden, denn dann sind die Felder und Wiesen abgemäht.    Schon jetzt hört man, dass es bei uns wieder lauter wird – es summt in der Gemeinde.

Das klingt nach einem Erfolg, aber was muss in Rodenäs unbedingt auf den Weg gebracht  werden?
Im Moment sind wir gefühlt gerade vor. Wir haben  in den letzten Jahren viel gemacht, darunter  das Gemeindehaus, das Feuerwehrgerätehaus, und die Kirche. Eine Vision habe ich jedoch: Ich träume davon, einen rustikalen Veranstaltungsort  zu gestalten. Einen Ort, wo alle aus der Gemeinde sich treffen können, zum Beispiel  zum Weihnachtsmarkt und anderen Veranstaltungen. Das Gemeindehaus bietet sich dafür nicht an.

Was nervt Sie an der Kommunalpolitik am meisten?
Als Gemeinde haben wir zu wenige Möglichkeiten – das ist ein Problem, das die Bürgermeister vieler Gemeinden bemängeln. Es ist zum Beispiel schwierig, die Genehmigung zu bekommen,  um alte Häuser zu renovieren. In den sogenannten Streugemeinden sieht das Baugesetzbuch strikte Auflagen für den Außenbereich vor. Wie soll ich ein Haus energetisch in Ordnung bringen, oder ein Carport bauen, wenn ich es nicht darf. Dafür brauche ich, anders als für den Innenbereich, eine Baugenehmigung.  Das macht es für junge Leute schwer, die anbauen wollen. Im Grunde müssten sie sich dann ein anderes Haus suchen.

Warum sind diese Regeln in Streugemeinden so streng?
Ziel ist es, mit diesen Gesetzen, der Zersiedelung entgegenzuwirken, die Menschen sollen in den größeren Orten zentral leben. Das kann ich nachvollziehen, zum Beispiel, dass Menschen nicht einfach ein neues Haus bauen, obwohl es bestehende gibt. Aber ärgerlich ist dann, dass die Regeln so wenig flexibel sind.

Was stört Sie außerdem?
Mich stört, dass die Kosten nicht gerecht verteilt sind: Nur von zehn Prozent meiner Ausgaben  habe ich die Möglichkeit,  etwas zu verändern. Warum muss ich als Gemeinde die Kosten für den Kindergarten tragen? Das ist eigentlich Landes- oder Bundesaufgabe.  Ich werde als Bedarfsgemeinde quasi finanziell bestraft, wenn es Kinder in der Gemeinde gibt.

Wie ist die Altersstruktur im Ort?
Das ist eher verteilt. Mitte der 80er Jahre  gab es noch viele ältere Menschen, in den folgenden zehn Jahren fand dann ein Wechsel statt.  Es  kamen viele Junge, weil die Generation davor  weggegangen oder gestorben war.  Das kommt immer in Wellen: Im Moment überwiegen wieder die Menschen in meinem Alter, ich bin 58. Kinder haben wir leider relativ wenige, das liegt auch an den fehlenden Baugebieten, es können  also keine jungen Familien  zu uns ziehen, auch wenn es viele gibt, die das gern möchten.

Welche Angebote gibt es im Dorf für die jeweiligen Altersgruppen?
Es gibt das   Deich-Openair, das alle zwei Jahre gefeiert wird, außerdem macht die Feuerwehr Veranstaltungen und  die Interessengemeinschaft Kinderfest feiert  das Weihnachtsvergnügen; die Heinrich-Christiansen-Stiftung organisiert jedes Jahr das Geschenke-Verteilen mit den Kindern und auch das DRK ist aktiv. Außerdem haben wir das Zollhaus-Café mit seinen Workshops und Treffen für Trauernde. Ich glaube wir machen eine ganze Menge – wer will, der kann auch etwas machen.

Gibt es Geschäfte hier im Ort?
Nein, einen Kaufmannsladen haben wir hier nicht. In Klanxbüll und Neukirchen können wir für den täglichen Bedarf einkaufen. Praktisch ist zudem, dass die Läden in Aventoft auch am Wochenende auf haben. Aber eine Gaststätte haben wir und natürlich das Zollhaus-Café.

Einen Moment,  in dem Sie denken: Darum bin ich Bürgermeister geworden.
Verändern und Wirken macht Spaß, wenn man Gemeindevertreter an seiner Seite hat, die mit  an einem Strang ziehen.  Es ist toll, wenn man Dinge sieht, die man gemeinsam verändert hat. Wie jetzt das Gemeindehaus, oder die gute Ausrüstung der Feuerwehr. Dann macht Bürgermeister-Sein Spaß.

Wollen Sie im Mai erneut kandidieren?
Ja, ich trete noch einmal an. Im September 2012 bin ich ins Amt gewählt worden, als mein Vorgänger das Amt abgab. Mein  Plan ist es, noch einmal zu kandidieren. Dann schauen wir, was in fünf Jahren ist, ich wollte dann eigentlich Rentner werden, dachte ich mir, und mal ein bisschen wegfahren (lacht).

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen