Niebüll : Bürgerhilfe-Projekte: Es droht ein Fiasko

Suchen nach neuen Lösungen: Paul Vogel,  Rüdiger Hut und Helga Christiansen (vorne, alle  vom Jugendförderverein Seebrise) sowie  (hinten v.  l. ) Bernd Funk, Heinrich Jensen (beide von der Diakonie), Axel Scholz und Renate Fedde (beide vom Kreis NF). Foto: Stephan Bülck
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Suchen nach neuen Lösungen: Paul Vogel, Rüdiger Hut und Helga Christiansen (vorne, alle vom Jugendförderverein Seebrise) sowie (hinten v. l. ) Bernd Funk, Heinrich Jensen (beide von der Diakonie), Axel Scholz und Renate Fedde (beide vom Kreis NF). Foto: Stephan Bülck

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16. Januar 2011, 03:18 Uhr

Niebüll | Die Niebüller Projekte Sozialladen, der S2-Möbelladen und das Buffett des Nordens stehen vor dem Aus. Träger ist seit drei Jahren der Verein Bürgerhilfe mit Geschäftsführer Peter Hansen an der Spitze. Er nennt als eine Ursache den stetigen Rückgang an zugewiesenen Zusatzjobbern. "Ohne sie aber geht es nicht. Zugesichert wurden uns in einem jährlich zu erneuerbaren Vertrag vom Kreis Nordfriesland mindestens acht Zusatzjobber - jeweils für den Möbelladen S2 sowie für die Sozialläden Niebüll und Leck", erklärt Hansen.

Dunkle Wolken haben sich schon seit Längerem abgezeichnet. Aus Hansens Sicht begann alles im August 2010. "Da haben wir festgestellt, dass wir gerade im Projekt Sozialladen Niebüll weniger Zuweisungen von Zusatzjobbern durch das Niebüller Sozialzentrum bekommen haben." Zum Vergleich: Waren es im Januar 2010 für dieses Projekt noch rund 30 gewesen, so liegt die Zahl nun - ein Jahr später - gerade mal noch bei drei. "Der Wegfall der Zusatzjobber bedeutet für uns im eigenlichen Sinne das Ende unserer Projekte." Peter Hansen beklagt, nicht ausreichend über die Gründe informiert worden zu sein.

Im Kreishaus gab es dann am 16. Dezember 2010 eine Aussprache. "Dort wurde uns mitgeteilt, dass unsere Verträge zum 31. März 2011 gekündigt und uns als Träger der Sozialläden keine Zusatzjobber mehr zugewiesen werden", berichtet der Geschäftsführer. "Auf die Frage, warum dies so sei, bekamen wir die Antwort, das jeder Sozialzentrumsleiter selbst entscheiden darf, welche Projekte Zusatzjobber bekommen und welche nicht." Unbeantwortet blieb die Frage, warum Zusatzjobber in jüngster Zeit vorzeitig und ohne vorherige Absprache abgezogen und auf andere Projekte verteilt worden sind, kritisierte Hansen. Er vermutet finanzielle Gründe.

Ernsthafte Probleme, so versichert er auf Nachfrage, habe es mit den Mitarbeitern oder unter ihnen nicht gegeben. "Wir waren zwar nicht die Schnellsten bei den Beurteilungen, aber wir hatten auch nur wenige Abbrecher, standen immer im Kontakt mit dem Fallmanager." Das Ganze sei wie folgt strukturiert: "Der Kreis ist der Auftraggeber, der Fallmanager für den Ablauf zuständig. Wir sind die Einsatzstelle."

In den Projekten Leck und Husum hat es diese Kürzungen nicht gegeben, wundert sich Peter Hansen. Dort sei alles in Ordnung. "Dort werden wir von beiden Sozialzentren unterstützt." Und auch in Niebüll lief es in der Vergangenheit gut. Weit mehr als die acht Zusatzjobber fanden hier wieder eine Beschäftigung. "Es kamen immer neue Anfragen vom Sozialzentrum."

Für die Betreuung der von den Sozialzentren zugewiesenen Arbeitskräfte und deren Vorbereitung auf die Rückkehr in den Arbeitsmarkt gab es vom Kreis pro Teilnehmer für die Bürgerhilfe eine Maßnahmenpauschale (den Overhead) in Höhe von 180 Euro pro Teilnehmer und Monat.

Geschäftsführer Peter Hansen räumt ein, dass die Bürgerhilfe seit August 2010 für das Gebäude in Niebüll dem Sylter Eigentümer die Miete schuldig geblieben ist. "Wir hatten das Geld nicht mehr", sagt Hansen und räumt selbstkritisch ein: "Eine Institution wie unsere ist, wenn sie keine Miete mehr zahlt, untragbar. Aber es ist schwer, wenn die rechenbar vertraglich zugesicherten Einnahmen wegbrechen. Ich hatte mich auf den Vertrag vorbereitet, habe Arbeitsplätze vorgehalten."

Hätte er angesichts rückläufiger Zahlen bei den Zusatzjobbern nicht früher reagieren müssen? Peter Hansen: "Ja natürlich, im Nachhinein betrachtet kann man das immer sagen. Aber wir waren auf den Regelfall von 20 bis 30 Zusatzjobbern eingestellt. In schlechten Zeiten waren es mal 15." Hansen gibt zu, dass er den Personalbedarf unterschätzt hat. "Mit acht Leuten pro Laden wird es ganz haarig." Denn schließlich gebe es die Öffnungszeiten von 9 bis 18 Uhr, Arbeitszeiten die bei etwa zehn Stunden pro Woche im Durchschnitt liegen und Urlaubsansprüche. "Da reichen nur acht Leute nicht."

Zum 31. Januar muss die Niebüller Bürgerhilfe nun ihre Büros und Läden in der Lorenz-Jannsen-Straße 2 räumen. Dazu gehören das Kontor sowie die Lagerräume für Wäsche, Möbel und Haushaltsartikel. Hierfür kündigt Peter Hansen für den 17. bis 21. Januar von 10 bis 13 Uhr einen Lagerverkauf an. Der Geschäftsführer ist zuversichtlich: "Das soll nicht das Ende sein. Wir versuchen einen Neuanfang."

Zunächst einmal versucht er, den Sozialladen und die Lebensmittelausgabe solange wie irgend möglich aufrechtzuerhalten - mit eingeschränkten Öffnungszeiten. Das "Babykisten"-Projekt (benötigt werden pro Tag und Säugling 35 Euro) ist nach wie vor durch Spenden und Patenschaften gedeckt, wird aber nun nach Kassenlage geführt. Das bedeutet: In Leck und Niebüll werden jeweils noch zehn Säuglinge bedacht.

Axel Scholz vom Kreis Nordfriesland (Fachbereich Jugend, Soziales, Arbeit und Senioren) korrigiert, dass es sich bei den der Bürgerhilfe in Aussicht gestellten Zusatzjobbern von acht pro Projekt nur um einen Richtwert und keine untere Grenze gehandelt hat. " Es können auch immer weniger sein. Wir können keine Belegungsgarantien geben. Träger sollten daher nie ihren Fokus auf die Anzahl der Zusatzjobber legen."

Die Bürgerhilfe sei immer ein willkommener Partner bei der Vermittlung von sogenannten Zusatzjobbern gewesen. "Es gab nicht nur unzufriedene Momente." Allerdings sind mit der Vermittlung auch gewisse vertragliche Verpflichtungen verbunden, betont Scholz. Denen sei die Bürgerhilfe nicht immer nachgekommen. "So wurden wir mit Verwendungsnachweisen nicht gut bedient."

Auf die Frage, ob es Beschwerden von vermittelten Kräften gegeben hat, räumt Scholz ein, es habe sie gegeben. "Sie betrafen Art und Umfang der Betreuung." Wer auf den Arbeitsmarkt vorbereitet werde, müsse im Kassenwesen und in der Warenkunde ausgebildet werden. Das sei in einigen Fällen nicht erfolgt.

Renate Fedde, Leiterin der Fachausrichtung "Aktive Leistung und Projekt-Management" beim Kreis Nordfriesland, erinnert sich, dass das Thema "Management" bereits vor zwei Jahren eines bei der Bürgerhilfe gewesen sei. Schon damals hätten sich Probleme abgezeichnet, aber die Bürgerhilfe habe nicht ausreichend reagiert.

Eine Gruppe, und da sind sich Bürgerhilfe sowie Kreis, das Diakonische Werk Südtondern und der im Januar 2010 gegründete Jugendförderverein Seebrise einig, soll unter den Umständen nicht leiden: die Bedürftigen. So haben sich die beiden zuletzt genannten Organisationen bereit erklärt, erst einmal übergangsweise für den Februar - ohne finanzielle Beteiligung des Kreises - die Lebensmittelversorgung für Notleidende zu gestalten. Wo das genau sein wird, steht noch nicht fest. Bernd Funk, Geschäftsführer des Diakonischen Werkes Südtondern: "Es soll keine Lücke entstehen. Wir treffen uns heute zum ersten Mal. Das Modell ist hier und heute entstanden. Wir wurden erst vor wenigen Tagen über die finanzielle Situation der Bürgerhilfe informiert und betrachten die Hilfe für Bedürftige als moralische Verpflichtung."

Axel Scholz: "Angedacht ist in naher Zukunft, eine Art Sozialkaufhaus und die Ausgabe von Lebensmitteln über eine Tafellösung aufrecht zu erhalten. Wir hoffen von Februar, vielleicht auch von März an." Hierfür seien nach wie vor Sponsoren und Spender nötig. Eines steht für ihn fest: "Ein Angebot, wie es die Bürgerhilfe in Niebüll, Leck, Bredstedt und Husum vorgehalten hat, wird es künftig aber nicht mehr geben. Insgesamt stehen uns weniger Bundesmittel, vormals waren es vier bis viereinhalb Millionen Euro pro Jahr, für Maßnahmen nach dem Sozialgesetzbuch II zur Verfügung." Axel Scholz spricht von einem "Diktat des Bundes".

Als eine der ersten sei nun die Bürgerhilfe betroffen. "Wir müssen sehen, wo wir aufrechterhalten, modifizieren oder reduzieren." Ein Laden in Leck wird laut Scholz wohl nicht zu erhalten sein. Und auch das Niebüller Angebot werde deutlich kleiner. "Das sind bittere Einschnitte."

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