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Nordfriesland Tageblatt

17. August 2017 | 00:02 Uhr

Brückenbauer zwischen Völkern

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Der persische Schriftsteller und Übersetzer Ali Ghazanfari trug Gedichte aus seinen Bänden „Und auch die Steine reden“ sowie „Falsche Züge“ vor

„Gesättigte Schritte der Individuen – getauft mit Dummheitswasser, ist erwünscht – und die Hirne – eingeweicht in Akzeptanz – ohne Widerwille – ohne wenn und aber – durchgewaschen mit einer Flut – aus versprochener Zukunft – im Himmel – und vorbestimmt – dein Verhalten hier. – Machst du mit – bist du ein braves Kind – sonst – machen sie dich! – Interpretation – Ist nicht deine Aufgabe – Vergiss nicht – Akzeptanz!“

Die Stimme von Ali Ghazanfari (73) während seines Vortrages ist ruhig. Doch seine Worte sitzen, regen die Zuhörer zum Nachdenken an. 50 wurden im Ladelunder Pastorat erwartet, erschienen sind zum Lyrikabend viel mehr. „Mach mit“ stammt aus seinem fünften, in Deutschland erschienenen Werk „Falsche Züge“ (2011, Engeldorfer Verlag Leipzig). Elf Gedichte hören die Besucher an diesem Abend. Und sie handeln stets von Liebe, Mitmenschlichkeit und Tod, Krieg, Frieden und Freiheit, Hoffnung und Courage. Mahnend, aufrüttelnd und auch Mut machend sind seine Texte. In jedem Falle verbindend. Pastor Hans-Joachim Stuck nennt Ali Ghazanfari, ob beruflich oder literarisch unterwegs, einen Brückenbauer zwischen Orient und Okzident.

Der Schriftsteller, Dozent, Übersetzer und Manager setzt sich für Gerechtigkeit, Freiheit und Menschlichkeit ein, will mit seinen Werken gesellschaftliche, politische und soziale Bereiche seines Landes und die der Welt thematisieren. „Ich werde oft gefragt, wie ein Technokrat dazu kommt, zu dichten und Kurzgeschichten zu schreiben“, sagt Ali Ghazanfari. Begonnen hat alles vor dem Studium. „Mit 15 habe ich mein erstes Gedicht geschrieben. ,Mach weiter‘ hat mir mein Uni-Professor geraten.“ Ghazanfari hat den Rat beherzigt. „Durch Kunst – vor allem durch Lyrik und Romane – ist es viel leichter, Brücken zwischen Völkern zu bauen und Missverständnisse zu beseitigen.“ Aber es bedeute eine Menge Arbeit. „Ich bin von der Politik seit mehr als 32 Jahren getrennt. Und ich bin fest überzeugt: Politiker sind Gäste der Geschichte, Künstler sind die Gastgeber.“

Guido Wandrey, er lebt als freier Grafiker und Illustrator in Fahretoft, sorgt in den Lesepausen mit seiner Laute für Momente der Besinnung. Die Musik bewirke bei den Zuhörern eine tiefe Konzentration, lobt Manfred Grüter aus Fahretoft. Er und seine Ehefrau Gisela, beide von der Hafis Gesellschaft Hamburg und häufige Gäste im Iran, haben neben vielen Projekten auch diesen Abend mit Ali Ghazanfari seit einem halben Jahr geplant und mit vielen Helfern vorbereitet.

Nach der Lesung wird die Veranstaltung, völlig zwanglos, im benachbarten Antiquariat „Bücher ohne Grenzen“ fortgesetzt. Tee aus dem Samowar, persische Süßigkeiten, Autogramme, entspannte, orientalische Atmosphäre. Eine Zuhörerin kommt mit dem Buch „Die Pappenschläfer“ zu dem Autor. „Ich hätte es nicht genommen“, gesteht dieser der erstaunten Besucherin. „Sie müssen weinen. Selbst ich weine noch, wenn ich es manchmal lese.“ Ob er nicht manchmal als Professor an der Uni in Teheran bei seinen Vorträgen Angst davor habe, dass unter seinen Studenten jemand sei, der ihn für seine Offenheit in Misskredit bringen könnte, will eine Besucherin wissen. „Die Studenten waren begeistert, dass der Dozent die Wahrheit erzählt“, lautet seine Antwort. Spontan singt eine Besucherin ein türkisches Lied, Ali Ghazanfari trägt ein bewegendes Gedicht auf Persisch, anschließend die deutsche Übersetzung vor. „Danke für den Mut, den Sie in die Worte hineinpacken“, sagt ein Zuhörer beim Abschied zu dem Künstler. „Ich glaube, es ist angekommen, auch, was Sie uns zwischen den Zeilen sagen wollen.“

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von
erstellt am 29.Apr.2015 | 10:52 Uhr

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