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Gewalt gegen Frauen : Betroffene aus Südtondern bekommen nicht immer einen Platz in Frauenhaus

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Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

In Schleswig-Holsteins Einrichtungen für Opfer von häuslicher Gewalt wird es eng. Das spüren auch die Frauen in Südtondern.

shz.de von
erstellt am 14.Jun.2017 | 11:18 Uhr

Die Zahl der freien Plätze in Schleswig-Holsteins Frauenhäusern ist knapp: Während die Auslastung 2014 noch bei „nur“ 87 Prozent  lag, waren es 2016 schon durchschnittlich 96,94 Prozent, wie das Kieler Sozialministerium mitteilte (wir berichteten). Nicht  nur   der zusätzliche Beratungs- und Betreuungsbedarf  von Flüchtlingsfrauen macht den  15 Häusern im Norden zu schaffen, sondern auch der angespannte Mietwohnungsmarkt.

Viele Plätze in den Einrichtungen  sind  blockiert, weil Frauen, die wieder soweit gestärkt sind, dass sie ihr Leben eigentlich in eigene Hände nehmen könnten, keine Bleibe finden, sagt Kathrin Klockgether,  Chefin des Frauenhauses   Dithmarschen und  Sprecherin der  Arbeitsgemeinschaft  autonomer Frauenhäuser in Schleswig-Holstein. Diesen Platzmangel spüren auch die Frauen in Südtondern: Weil es hier keine  Unterkunft für Opfer häuslicher Gewalt gibt, müssen Betroffene aus dem Amtsgebiet in Frauenhäuser nach Flensburg oder  Heide gehen – teilweise  finden  sie auch in  Obdachlosenunterkünften  vorübergehend Zuflucht.

„Es kam in jüngster Vergangenheit zu zwei  Vermittlungen ins Flensburger Frauenhaus und zu insgesamt fünf  Absagen aus Flensburg und Heide,  da alle Plätze belegt waren“,  sagt Lene Kuhlhoff,  Beraterin bei der Frauenberatung & Notruf Nordfriesland in Niebüll. Viel tun könne sie nicht, wenn es schlicht keine Plätze gebe. Hinzu kämen Frauen, die  nicht zur Beratungsstelle gingen, sondern sich selbstständig direkt  mit dem Frauenhaus in Verbindung setzten und daher von ihrer Statistik nicht erfasst seien.  Wie viele das sind,   sei  unklar,  sagt die Expertin. Ein Umzug in ein Frauenhaus, das weit weg vom    Heimatort liegt, komme für viele  Betroffene mit Kindern nicht  infrage. Damit die Kleinen weiterhin im vertrauten Umfeld zur Schule gehen können, sei Flensburg oft die einzige Möglichkeit – und „selbst  das ist teilweise schon zu weit, sagt die Sozialarbeiterin.

Einige Frauen würden dann im Mien Tohus – einer Einrichtung  für Wohnungslose oder von Wohnungslosigkeit bedrohte Menschen   –  in Leck untergebracht. Hier wohnen allerdings auch Männer, was nicht immer leicht ist für die Schutzsuchenden. Trotzdem wünscht sich Kulhoff eine ähnliche Anlaufstelle auch in Niebüll, denn die „ländliche Struktur“  ziehe oft lange Fahrtwege mit sich: Aus eigener Erfahrung weiß sie, dass es besonders für Frauen ohne Führerschein wichtig ist, auch eine zentralere Unterkunft in Niebüll zu haben, von der aus sie leichter zum Einkaufen, der Arbeit oder Ärzten gelangen.

Dass es Sinn macht, auch in Südtondern ein Frauenhaus zu eröffnen, schließt Kuhlhoff nicht aus. „Es würde sich anbieten, wenn wir hier eine Schutzwohnung oder ein Haus mit bis zu zehn Plätzen hätten“, sagt sie. Am besten sei eine Mischform, in der sowohl Opfer häuslicher Gewalt als auch von Obdachlosigkeit bedrohte Menschen Unterschlupf finden. „Ich denke, dass das gut geht“, sagt sie auch im Hinblick darauf, dass im ländlich geprägten Südtondern die Zahl der bekannten Fälle geringer sei als in größeren Städten.   Anders als in Ballungsräumen sei es hier allerdings nicht möglich, ein anonymes Frauenhaus zu eröffnen. „Man kann es hier nicht verstecken – Männer können ihren Frauen leichter folgen“, sagt sie. Dadurch würde dann auch die Sicherheit der bedrohten Frauen gefährdet.  Und ob es Sinn macht, sie so nah an ihrem ursprünglichen Zuhause unterzubringen, dazu fehlten noch die Erfahrungen.

„Die Frauenhäuser sind voll“, sagt auch Sylke von Kamlah-Emmermann. Ob es allerdings sinnvoll und realistisch ist, in  Südtondern ein Frauenhaus zu eröffnen, bezweifelt  die  Gleichstellungsbeauftragte des Amtes Südtondern. „Es ist meist nicht zielführend, dass das Frauenhaus in der Nähe ist – eine räumliche Trennung zwischen Täter und Opfer ist wichtig“, gibt sie zu bedenken.  Die Frauen seien auf diese Weise nicht richtig geschützt – auch vor sich selbst. Denn häufig werde die Gewaltkette auch von den Frauen wieder durchbrochen, die ihren schlagenden Ehemann zum Beispiel wieder ins Haus lassen. Mit präventiven Maßnahmen versuche sie, dafür zu sorgen, dass es erst gar nicht dazu komme. An der bestehenden konkreten Gewalt in Familien könne sie damit allerdings nichts ändern.

Aber nicht immer müssen die Frauen gehen: Seit 2002  gibt es zudem die Möglichkeit, dass  die Männer die Wohnung verlassen müssen, wenn sie prügeln.   Das Gesetz § 201a (LVwG) „Wohnungsverweisung sowie Rückkehr- und Betretungsverbot zum Schutz vor häuslicher Gewalt“, sorgt dafür, dass die gewalttätigen Männer  für bis zu  14 Tage keinen Zutritt zur Wohnung haben.  In dieser Zeit kann die Frau dann in Ruhe entscheiden, wie es weitergeht.

Die Polizei sorgt  dafür, dass der Mann  geht und bei Freunden, Verwandten oder in einem Hotel übernachtet. „Manchmal haben wir zwei solcher Fälle pro Monat, manchmal keinen einzigen“, berichtet  ein Sprecher der Polizei in Niebüll von den eher unregelmäßigen Einsätzen.  Es sei unangenehm,  sein eigenes Heim zu verlassen – daher sei es sinnvoll, dass der Verursacher leiden müsse und nicht das Opfer. Die Frau kann sich solange überlegen, ob sie  gerichtlich gegen den Täter vorgehen will und ob sie in ein Frauenhaus geht.

Das Land  Schleswig-Holstein prüft  verschiedene Möglichkeiten, um wieder mehr freie Zimmer zu schaffen: Laut  Ministerium sollen  jetzt  für Frauen und Kinder, die  sich im Frauenhaus aufhalten, weil sie keine Wohnung haben,  Übergangswohnungen geschaffen    oder  vermittelt werden. Dadurch soll unter anderem die Verweildauer in einem Frauenhaus reduziert werden, sagte Ministeriumssprecher  Christian Kohl. Ob das  den    Einrichtungen  Luft verschafft, ist unklar.   Die Frauenhäuser  fürchten nämlich, dass die Zahl der hilfesuchenden Migrantinnen weiter  steigen wird.

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