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Nordfriesland Tageblatt

22. November 2017 | 16:10 Uhr

Vogelkiek : Besonderes Schauspiel am Himmel

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Die Saison des Vogelzugs geht dieses Jahr in die Verlängerungen – noch können die schwarzen Wolken bestaunt werden.

shz.de von
erstellt am 21.Okt.2017 | 06:00 Uhr

Dagebüll | Martin Kühn kommt in diesen Tagen gar nicht aus dem Schwärmen über die imposanten Vogelschwärme hinaus, die derzeit an der Westküste für beeindruckende Naturschauspiele sorgen. Seit 2004 ist der gebürtige Berliner Nationalpark-Ranger. Sein Büro liegt in Schlüttsiel und damit mitten in dem Gebiet, in dem er seiner liebsten Aufgabe nachgeht – dem Vögel zählen. Am Donnerstag zog es ihn dafür in den Fahretofter Westerkoog nach Dagebüll.

„Dieser ist selbst vielen Einheimischen nicht bekannt, ein echter Geheimtipp für den Vogelkiek“, sagt Kühn. An sich sollte der Höhepunkt der Rastzeit von Millionen Zugvögeln an der Westküste bereits überschritten sein. Doch das milde Wetter und die vielen durch starke Regenfälle überfluteten Marschflächen sorgen in diesem Jahr dafür, das noch fast alle Vögel länger bleiben. „Der Vogelzug ist allgegenwärtig. Ich kann nur allen raten, geht raus und erlebt dieses Schauspiel mit allen Sinnen“, sagt Martin Kühn.

Das gilt auch für die Wattflächen und küstennahen Gebiete Südtonderns, über die sich Schwärme von zig tausend Vögeln noch immer zu Wolken im Himmel sammeln und Formationen fliegen. Zu den Attraktionen für Vogelbeobachter im Amtsgebiet zählt auch der Gotteskoogsee – dort kann mit etwas Geduld und Glück auch der mächtige Seeadler beobachtet werden. Dieses Erlebnis bekommt Martin Kühn auch bei seiner Zählung am Donnerstagnachmittag geschenkt: „Meine Tagesration Seeadler-Beobachtung gab es diesmal mit mindestens einem Jungvogel.“ Seine Rastvogelzählung im Fahretofter Westerkoog erfordert vier Stunden volle Konzentration. Auf der 55 Hektar großen Fläche zählt er 4278 Individuen von 34 unterschiedlichen Wat- und Wasservogelarten, also die Singvögel nicht mitgerechnet. „Das ist ein vergleichsweise geringes Zählergebnis, da der Südost-Wind viele Vögel im Vorland verweilen ließ. Wenn dort das Wasser nicht so hoch aufläuft, rasten viele Arten bevorzugt draußen im Nationalpark“, sagt Kühn, der seinen Beruf als „Geschenk“ bezeichnet. In dem Koog südlich von Dagebüll erfreuten der Nationalpark-Ranger vor allem sechs Zwergschwäne, die in den letzten Tagen mit den ersten Vertretern aus ihren Brutgebieten in der arktischen Tundra eingetroffen sind. Eine weitere Besonderheit im nördlichen Nordfriesland sind herbstliche Ansammlungen von Isländischen Uferschnepfen, 78 im Fahretofter Westerkoog und 54 im Mittelbecken des Hauke-Haien-Koogs zählte Kühn.

Als Ranger ist er nicht nur für die Vögel, sondern für den komplexen, weltweit einzigartigen Lebensraum zuständig. „Wir verstehen uns auch als Teil des touristischen Betriebs. Die Vögel sind unserer besten Botschafter“, sagt der Ranger. Der Vogelkiek eigne sich bestens, um Gäste und Einheimische für die Einzigartigkeit und die Schutzwürdigkeit des Weltnaturerbes Wattenmeer zu begeistern.

Warum ist die Westküste für Zugvögel ein so beliebter Rastplatz? Zum einen gebe es reichlich Muscheln, Würmer, Fische, Schnecken und die Pflanzen der Salzwiesen, um sich satt zu essen. „Zudem ist ist die Küstenlinie der Nordsee eine bedeutende Orientierungsmarke, die die Schwärme immer wieder hierhin zurück führt“, sagt Kühn, der auf seinen Führungen viele Fragen gestellt bekommt, sehr oft diese: Was macht der Alpenstrandläufer an der Nordsee? „Er heißt so, weil er in alpinen Lebensräumen brütet, also auch in Nordnorwegen. Auf dem Weg von dort macht er im Herbst in riesigen Schwärmen bei uns Rast“, erklärt Kühn. Warum stoßen die Vögel selbst in diesen imposanten Schwärmen niemals aneinander? „Der Mensch sieht in einer Sekunde bis zu 18 Bilder, ein Vogel etwa 150. Diese viel größere Auflösung verhindert Zusammenstöße.“ Faszinierend – wie das Schauspiel des Vogelzugs selbst, der derzeit in der Region beobachtet werden kann – ganz ohne Eintritt.  

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