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Urlauber-potenzial : Bekenntnis zum Tourismus gefordert

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Entspannt einkaufen, Radfahren und Nähe zum Weltnaturerbe Wattenmeer – mit diesen Themen könnte Niebüll ungenutzte Potenziale erschließen

„Der Trend zum Urlaub in Niebüll hält an. Neue Hotels, Pensionen und Gaststätten sind entstanden. Es wird weiter kräftig in die touristische Infrastruktur investiert. Die steigenden Umsätze durch den Tourismus sorgen in der Geschäftswelt für einen positiven Konsumklima-Index.“ Mit dieser Vision für das Jahr 2023 leitet der Vorsitzende Peter Schumann den wichtigsten Tagesordnungspunkt der Sitzung des Umwelt- und Wirtschaftsausschusses ein. „Niebüll im touristischen Wettbewerb – Chancen und Herausforderungen“ lautet der Titel des Sachstandsberichts von Prof. Dr. Anja Wollesen, Tourismus-Professorin an der Fachhochschule Westküste, der zahlreiche Wirtschafts- und Tourismusvertreter in den Sitzungssaal des Rathauses gelockt hat. Nach dem Vortrag und der sich anschließenden, lebhaften Diskussion steht fest: Von der genannten Vision ist Niebüll noch weit entfernt. Doch das Potenzial, das der Tourismus für die Stadt bietet, ist enorm.

„Und das ist etwas Besonderes. In den meisten Destinationen des Landes sind die Wachstumsspielräume schon ziemlich ausgereizt. Doch in der Region Niebüll geht noch einiges“, sagt Anja Wollesen. Ein Grund dafür ist, dass die Zahlen bisher bescheiden sind: fünf Beherbergungsbetriebe, 492 Betten, pro Jahr 25  275 Ankünfte und 69  799 Übernachtungen, eine durchschnittliche Aufenthaltsdauer von nur 2,7 Tagen. So lauten die Eckdaten des Statistikamtes Nord, die allerdings nur Betriebe mit mindestens zehn Betten abbilden. Ein leichter Aufwärtstrend sei erkennbar, starke Zuwachsraten wie beispielsweise in Dagebüll sind aber nicht in Sicht. Die Tourismus-Fachfrau hat die Erklärung dafür parat: „Niebüll muss seine touristischen Qualitäten stärker hervorheben, sich in der Region auffälliger profilieren.“

Wo steht Niebüll touristisch derzeit überhaupt? „Mitten in einer der bekanntesten Marken Deutschlands – der Nordsee“, sagt Anja Wollesen. Diese stehe laut einer repräsentativen bundesweiten Umfrage für eine hohe Qualität für einen Natur-, Bade-, Familien-, Wander-, Gesundheits- und Wellnessurlaub. „In diesen Bereichen macht die Nordsee für Niebüll schon ausreichend Werbung mit. Gäste entscheiden sich sowieso in der Regel nicht für einen bestimmten Ort, sondern für eine Urlaubsregion“, sagt Anja Wollesen.

Für Niebüll gehe es darum, innerhalb dieser Region mit ganz individuellen Vorzügen zu punkten. Die Stadt werbe vor allem mit Kultur, touristisch sei das aber nur ein Randthema. „Viel wichtiger für Gäste wäre die Information, dass es sich in Niebüll in schöner, persönlicher Atmosphäre gemütlich bummeln und in vielen kleinen Fachgeschäften entspannt einkaufen lässt“, erläutert Anja Wollesen. Perfekt dazu wären Tipps, wo man nach der Einkaufstour noch schön Kaffee trinken oder essen gehen kann. Doch von alledem findet sich bisher nichts auf der Homepage der Stadt, als deren Optik das wenig attraktive Rathaus dient. „Diese Plattform ist in erster Linie eine Orientierungsgrundlage für die 10 000 Niebüller“, sagt Bürgermeister Wilfried Bockholt. Natürlich ließe sich diese aber auch stärker für das touristische Marketing nutzen. Niebüll habe schon jetzt viel zu bieten, zum Beispiel eine hochwertige und in Sachen Barrierefreiheit landesweit vorbildliche Jugendherberge. „Was fehlt, ist ein klares Bekenntnis, Tourismusstadt sein zu wollen“, betont Anja Wollesen. Dazu zähle auch, die Vorzüge der Stadt einfach findbar zu machen. „Niebüll muss es den Gästen leichter machen. Diese wollen nicht suchen, sie wollen gelenkt werden“, sagt die Expertin.

Weitere Trendthemen, mit denen Niebüll stärker punkten könnte, sind das Weltnaturerbe Wattenmeer und das Radfahren. „Das Wattenmeer ist nach dem Kölner Dom die zweitbekannteste Welterbestätte bundesweit – Niebüll liegt nur zehn Kilometer von ihr entfernt“, begründet Wollesen. Was Niebüll zur Verbesserung des Radtourismus tun kann, könnte Inhalt eines Workshops sein, schlug sie vor. Ebenso, wie die Qualität der Quartiere verbessert werden kann. Dies tut not, denn: „50 Prozent unserer Unterkünfte sind aufgrund mangelnder Qualität derzeit an sich nicht vermietbar“, sagt Gerhard Neumann, Vorsitzender des Tourismusvereins Niebüll und Umgebung.

„Dieser Abend hat gezeigt, wie groß der Unterschied zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung ist“, sagt Stadtmanager Holger Heinke. Bisher habe sich Niebüll selbst gar nicht als Tourismusort gesehen. „Das sollten wir ändern, uns anders darstellen und versuchen, Investoren zu finden, zum Beispiel für ein Fahrradhotel“, sagt Heinke. Das Thema Tourismusförderung soll – so das Fazit des Abends – künftig Stadt, Politik und Wirtschaft sehr viel stärker beschäftigen. „Ich spüre eine Aufbruchstimmung“, freut sich am Ende einer langen Diskussion Peter Schumann.

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erstellt am 04.Feb.2017 | 14:00 Uhr

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