Befreit von Unwesentlichem

Dr. Uwe Haupenthal mit der Orth-Skulptur „Die Tanzende“.
Dr. Uwe Haupenthal mit der Orth-Skulptur „Die Tanzende“.

Vernissage im Richard-Haizmann-Museum: Plastiken und Zeichnungen von Karl August Orth

shz.de von
19. Mai 2018, 12:05 Uhr

Im Richard-Haizmann-Museum wurde die Vernissage von Karl August Orths „Plastiken und Zeichnungen“ eröffnet. Musemsleiter Dr. Uwe Haupenthal zog in seiner Rede einige Parallelen. Karl August Ohrt kam 1924 in die Landeskunstschule in Hamburg, um Maler zu werden. Wenige Monate zuvor kam auch Richard Haizmann in die Stadt, um eine Galerie zu eröffnen. Da stelle sich doch beinahe von selbst die Frage, ob sich beide gekannt oder doch zumindest voneinander gewusst haben. „Eine Bekanntschaft ist mehr als wahrscheinlich. Und das nicht nur, weil beide Künstler in Karl Ballmer einen gemeinsamen Freund hatten.“

1932 schuf Ohrt im Ohlendorffhaus seine ersten Großskulpturen. Auch Haizmann hatte dort sein Atelier. 1933 wurden die ersten Skulpturen am Lerchenfeld ausgestellt. Ohrts frühe Plastiken, die Figurengruppe „Tanzende Mädchen“ von 1935 oder das 1937 entstandene „Schwanenpaar“ lassen zudem deutlichen Einfluss der Hamburger Secession und damit auch denjenigen von Richard Haizmann erkennen. Seine erste größere Plastik „Tanzende Mädchen“ wurde später von den Nationalsozialisten als entartet eingestuft.

Orth und Haizmann – ein Gegensatz. „Hier Haizmanns gedachte, durchgeistigte und daher von vorn herein von der Natur entfernte, zeichenhafte Form und auf der anderen Seite Ohrts aus der Natur abgeleitete kubische Form, die sich freilich von der Natur weit entfernen kann und die dennoch stets eine konkrete, besser eine plastisch konkretisierte Vorstellung von Natur vermittelt“, formuliert Dr. Uwe Haupenthal.

1953 wurden im Rahmen der Gartenbauausstellung IGA Stars wie Henry Moore neben Orth platziert: Mit der Skulpturenausstellung zeitgenössischer Künstler aus dem In- und Ausland präsentierte sich Hamburg als moderne Großstadt des neuen Deutschlands. Eine ganze Reihe der Arbeiten von Orth stehen seitdem auch im öffentlichen Raum in Hamburg. Dr. Uwe Haupenthal: „Für Karl August Ohrt war die IGA so etwas wie ein zweiter künstlerischer Startschuss, zumal mit dieser Ausstellung eine deutliche Veränderung im öffentlichen Auftragsverhalten einherging. Die zwei Jahre später ausgerichtete erste documenta leistete in diesem Zusammenhang ein Übriges. Das war das Feld, auf dem Ohrt offensichtlich arbeiten wollte. Großplastiken wollte er schaffen. Mit öffentlichen Plastiken und Platzgestaltungen ist Ohrt in Hamburg populär geworden.“ Ohrt befasste sich zunächst mit Tierbildern, mit Plastiken von Ziegen und Vögeln. „In der Figur eines fliegenden Mannes, der nur mit dem Becken punktuell auf einer schmalen Plinthe aufsitzt und dessen Arme und Beine sich unterschiedlichen Richtungen den Raum durchfahren, hob er die Anmutung des natürlichen plastischen Schwergewichtes fast vollständig auf“, konstatierte der Museumsleiter. „Überhaupt ordnete er den menschlichen Körper nunmehr nach plastisch-autonomen Gesichtspunkten.“

In den 1960er Jahren vereinfachte Ohrt seine figurale Auffassung noch einmal. „Mit Konsequenz trieb er das Figurale in den Hintergrund, nur, um das Formensemble danach in veränderter, freier Konstellation wieder an das Figürliche anzubinden. Was indes stets erhalten blieb, was auf diese Weise gesteigert wurde, war die neuerliche Verbindung zwischen plastisch-freier, kubischer Form und dem sie umgebenden Raum und der figuralen, jedoch nicht länger abbildlich bestimmten Präsenz“, erklärte Haupenthal.

Das permanente Aktzeichnen schulte Orths Blick und erschloss neue figurale Möglichkeiten, die eben nicht aufgesetzt wirkten, sondern vielmehr unmittelbar aus der Natur geschöpft. In Landschaftszeichnungen und Aquarellen eignete sich der Künstler durch die offene Linienführung des Zeichenstiftes den notwendig freien plastischen Fluss an, der ebenso zu konzeptuell neuen Lösungen führen konnte.

„Ohrt befreit seine Figuren ganz bewusst von allen unwesentlichen Einzelheiten, macht sie zu Klötzen oder Kuben, baut und ordnet sie aus steinernen oder bronzenen Massen – konsequent aber meidet er eine Simplifikation zum rationalen Skelett, zur nackten Mathematik. Immer bewahrt er in seinen Findungen die sinnliche Wärme des Lebendigen, die darin verborgene Natur“, beschrieb im Jahr 1969 Günter Busch, Direktor der Bremer Kunsthalle.

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