Fleischabsatz : Bauern fordern faire Preise

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Russland-Embargo und Discount-Konkurrenz: Südtonderns Landwirte beklagen Dumping-Bedingungen beim Fleischverkauf.

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05. Januar 2015, 10:10 Uhr

Wolfgang Stapelfeldt, Jahrgang 1962, kann sich noch gut daran erinnern, wie seine Mutter immer sonntags den Braten dampfend aus dem Ofen nahm und der Familie servierte. Zwei oder drei Mal in der Woche kam Fleisch auf den Tisch, häufiger nicht. „Das war noch etwas Besonderes“, sagt der Vorsitzende des Kreisbauernverbands Südtondern. Lange sei es her.

Heute liegt die Geflügelbrust zum Spottpreis in den Theken, aufs Schweinehack gibt es Rabatt, und auch beim Rind wird zum Rotstift gegriffen. Fleisch ist billig – was die Landwirte teuer zu stehen kommt. In Deutschland sind die Lebensmittel weit günstiger als in den meisten anderen europäischen Ländern – was seine Gründe hat. Zum einen zeigt das Russland-Embargo Wirkung. Mit ihm ist ein wichtiger Teil des Exportgeschäfts der Landwirte weggebrochen. „Den Wirtschaftszweigen, die von den Sanktionen gegen Russland hart getroffen werden, muss geholfen werden, was die Bundeskanzlerin jedoch nicht tut“, ärgert sich Stapelfeldt. Denn laut dem Vorsitzenden des Kreisbauernverbands verdienen die Landwirte eigentlich jeden vierten Euro über den Export.

Als weiteren Auslöser des Preisverfalls sieht die Branche aber auch den hohen Wettbewerb hierzulande. „Wir haben Riesenprobleme mit den Discountern wie Aldi und Lidl, die mit ihren Ramschpreisen für Grundnahrungsmittel Hausfrauen in die Läden locken“, bemängelt Stapelfeldt. Mittlerweile erfolge 60 Prozent des Fleischabsatzes über jene Discounter. „Und die drücken die Preise bis unter die Schmerzgrenze.“

Stapelfeldt rechnet vor: Ein Schweinemäster müsste 1,70 Euro pro Kilogramm Schlachtgewicht erhalten, um seine Kosten zu decken. Derzeit aber bringe das Kilo 40 Cent weniger ein, was bei 90 Kilo-Schlachtgewicht bereits 36 Euro ausmacht. „Bei beispielsweise 2500 verkauften Schweinen im Jahr ist das eine gewaltige Summe.“

Seiner Meinung nach eine katastrophale Entwicklung, die dafür sorge, dass weitere Betriebe – besonders die kleineren – aufgeben müssen. „Die größeren Betriebe werden wiederum noch größer, was die negative Meinung der Bevölkerung über die Landwirtschaft verstärken wird.“

Von Massentierhaltung sprechen die Kritiker. Ob Medikamentenmissbrauch, Futtermittelskandale, Güllemassen, die Liste der Vorwürfe gegen diese Art der Tierhaltung ist lang. „Wir brauchen aber vernünftige Größen, um dem wirtschaftlichen Druck standhalten zu können.“

Immer noch habe die Landwirtschaft ein Imageproblem. Die Vorstellung der Konsumenten von der Arbeit eines Bauern und die Realität lägen weit auseinander. „In modernen Ställen sind die Haltungsbedingungen deutlich besser als früher“, gibt Stapelfeldt zu verstehen. „Trotzdem ist es keine Kuscheltierhaltung, sondern eine Nutztierhaltung.“

Und doch sieht auch Wolfgang Stapelfeldt ein Weg aus der Misere. Die Einstellung der Konsumenten müsse sich ändern. Der Verbraucher solle beim Fleischer oder Lebensmittelhändler vor Ort kaufen, wo Frischware aus der Region in der Theke liegt.

Ein Preis müsse fair sein. 40 Cent mehr pro Kilo – und die Landwirte wären den Dumpingpreisen nicht mehr ausgeliefert. Dann könne investiert werden – beispielsweise in den Tierschutz. „Initiative Tierwohl“ heißt das bundesweite Projekt, das gemeinsam vom Bauernverband und der Lebensmittelwirtschaft ins Leben gerufen wurde, um die Haltungsbedingungen weiter zu verbessern. In einem Schweinmastbetrieb als Beispiel bedeutet dies, dass weniger Tiere pro Quadratmeter gehalten werden, diese auch Raufutter wie Heu und Stroh statt nur Kraftfutter erhalten und der Lichteinfall in den Ställen durch mehr Fenster verbessert werden könnten. Wolfgang Stapelfeldt: „So etwas ist aber nur möglich, wenn der Preis stimmt und die Landwirte kein Minus machen.“

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