Völkerverständigung : Auszeichnung für Harald Richter

Der niederländische Bürgermeister Henk Lambooij verleiht dem ehemaligen Pastor Ladelunds den „Ehrenpfennig“ der Gemeinde Putten

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05. Mai 2015, 05:00 Uhr

Harald Richter hat sich von den Gästen aus Putten verabschiedet und blickt nachdenklich auf die vergangenen Tage zurück. Er glaubt, dass die Botschaft „Dankbar für Versöhnung und Vergebung“ angekommmen ist. Der Pastor im Ruhestand wurde beim Besuch der Niederländer vom Puttener Bürgermeister Henk Lambooij mit der Auszeichnung „Ehrenpfennig“ belohnt – ein Verdienst, der damit erstmals an einen Nicht-Puttener ging und bei den Niederländern für besonderes Engagement steht. Seinem unermüdlichem Einsatz sei es zu verdanken, dass eine beispielhafte Geschichte der Versöhnung gewachsen sei. „Diese Auszeichnung gilt nicht nur mir, sondern allen, die sich für die Versöhnung eingesetzt haben“, betont hingegen Harald Richter.

Richter kam 1957 nach Ladelund. „Ich wusste damals nicht, dass es hier ein Außenlager des KZs Neuengamme gegeben hat. Ich wusste überhaupt nichts über diese ganze Geschichte.“ Sein Vorgänger, Pastor Johannes Meyer, klärte ihn auf. Meyer, ein überzeugter Nationalsozialist, Pastor in Ladelund ab 1938, beerdigte 1944 die im Lager 300 Verstorbenen – die innerhalb von nur sechs Wochen ums Leben kamen. Tote namenlos zu begraben, das wollte er nicht. Er gab ihnen Gräber auf seinem Friedhof, führte ein Totenbuch – und wandte sich nach dem Krieg an die Angehörigen. Bereits im August 1946 fand unter der Mitwirkung ehemaliger Häftlinge die erste öffentliche Gedenkveranstaltung an den Gräbern der Ladelunder KZ Toten statt. Am 31. Oktober 1950 kamen 130 Angehörige der KZ Opfer aus den Niederlanden nach Ladelund, um die Gräber zu besuchen und in der Ladelunder Kirche St. Petri der Toten zu gedenken. Johannes Meyer wurde 1958 vom jungen Hilfsprediger Harald Richter abgelöst. Dieser übernahm und verstärkte die Kontakte zu den Angehörigen der KZ-Opfer, die Arbeit des Gedenkens und der Begegnungen an den Gräbern. Er setzte Meyers Arbeit fort, intensivierte den Austausch mit Putten, baute am Rande des Friedhofes eine Gedenkstätte auf.

Dankbar ist Harald Richter vor allem den Gästen aus Putten, die am Erinnerungslauf zum Kriegsende vor 70 Jahren teilgenommen haben. Und dankbar vor allem denjenigen, die bereits 1951 nach Ladelund kamen. „Sie haben uns die Hand gereicht – uns, den Verbrechern.“ Er weiß: „Das Lager in Ladelund war das Schlimmste, was man sich vorstellen konnte. Es war ein Todeslager.“ Er sieht sich selbst in dieser Verantwortung, war als Heranwachsender von der Ideologie infiziert, sieht sich als Teil der Tätergeneration. „Ich habe als Soldat für dieses Regime gekämpft.“

Die Menschen in Putten und Ladelund haben über die Jahrzehnte zueinander gefunden. Inzwischen sind Kinder und Enkelkinder der ermordeten Angehörigen regelmäßig in Ladelund. Auch sie standen am Sonntag bei der Kranzniederlegung Arm in Arm auf dem Friedhof. Der frühere Bürgermeister, Jan van Putten (1997-2010), gehört zu den Aktiven der Völkerverständigung. Er kam extra noch zur persönlichen Verabschiedung im Hause Richter vorbei. „Der Kontakt vertieft sich mit jedem Besuch, mit jeder Generation.“

Es ist der christliche Glaube, der beide verbindet. Sie umarmen sich zum Abschied.

Harald Richter hätte sich insgesamt mehr öffentliche Resonanz erhofft. Die Landesregierung ließ sich entschuldigen, Anke Spoorendonk schickte immerhin ein Grußwort. Doch gern hätte der Pastor auch den Ministerpräsidenten Torsten Albig begrüßt. „Ladelund spielt keine so große Rolle in der Wahrnehmung“, so seine kritische Anmerkung. Ganz anders ist es in Putten. Das niedergebrannte Dorf hat für die Niederländer den Stellenwert als nationales Symbol wie der Massenmord im tschechischen Dorf Lidice oder das Dorf Oradour-sur-Glane, das Bundespräsident Joachim Gauck besuchte, es steht für die Grausamkeit der Nazi-Besatzung in Frankreich.

Am 5. Mai wird in den Niederlanden mit dem Bevrijdingsdag (Befreiungstag) das Ende der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg feierlich begangen; eine zentrale Feier findet in Putten statt. In den Niederlanden fand daher auch der Gedenklauf ein Riesen-Medieninteresse, überall wurde über den „Putten-Ladelund loop“ berichtet. „Etwas Positives wie die Entstehung der Freundschaft Ladelund/Putten findet in Deutschland zu wenig Erwähnung“, bedauert Richter abschließend. Es sei wichtig, dass das Miteinander weitergeht.

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