Reise in die Vergangenheit : Aus Gefangenschaft wurde Freundschaft

Die vierjährige Annick Tusseau (damals noch Juvin) im Jahre 1946.
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Die vierjährige Annick Tusseau (damals noch Juvin) im Jahre 1946.

In den 40er-Jahren geriet Jens Johannsen aus dem Gotteskoog in französische Gefangenschaft und arbeitete auf dem Bauernhof der Familie Juvin. 1984 ging Jens Johannsen in Frankreich auf Spurensuche - und fand neue/alte Freunde.

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15. August 2008, 07:24 Uhr

Niebüll | "Saint Sulpice des Landes" - ein 800-Seelen-Dorf in Frankreich im Jahre 1945: Auf einem Bauernhof arbeitet im Garten ein junger Mann. Ein vierjähriges Mädchen beobachtet ihn, macht sich einen Spaß daraus, die Pflanzen, eben gesetzt, wieder aus der Erde zu zupfen. Annick Juvin, so heißt die Kleine, hängt an dem Mittdreißiger, der da unter der Woche auf dem Anwesen ihrer Großeltern arbeitet. Sonntags morgens begleitet sie ihn zum Gefangenen-Lager, holt ihn abends wieder ab - alleine. Jens Johannsen kommt aus dem Gotteskoog. Seit 1941 schon ist der Soldat der Luftabwehr in Frankreich, gerät 1944 schließlich in Kriegsgefangenschaft. Ein viertel Jahr arbeitet Jens Johannsen auf dem Hof der Familie Marie und Francis Ploteau. Dann wechselt er zum Betrieb der Juvins - Annicks Großeltern. Ein Jahr verbringt er hier - eine unvergessliche Zeit. Beeindruckt ist er von der - trotz der Umstände - freundlichen und herzlichen Art der Menschen.

Nach insgesamt sieben Jahren kehrt Jens Johannsen 1948 nach Deutschland zurück. Über seine Erlebnisse während des Krieges spricht der Vater von vier Kindern zu Hause kaum.
Rückkehr nach "Saint Sulpice des Landes"
Das ändert sich allerdings. 1984 erfüllt sich Jens Johannsen einen Traum. Er will nach "Saint Sulpice des Landes" zurückkehren, nach den Juvins suchen. Zusammen mit Ehefrau Amalie, Tochter Catharine und Schwiegersohn Peter Meseritzer macht er sich auf den 1 300 Kilometer langen Weg. "Das Dorf hatte sich kaum verändert", erinnert sich Jens Johannsen heute noch. Auch der Hof sieht 1984 noch so aus, wie er ihn kennt. Doch inzwischen leben hier Colette und Raimone Brillet. Das Paar weiß Rat, hilft den Deutschen, das jetzige Haus der Familie Juvin zu finden. Als Jens Johannsen durch die Tür tritt, wird er von einer in schwarz gekleideten Frau mit Basken-Mütze begrüßt: Annicks Großmutter. "Jens - grand Filou", begrüßt sie den Gast - ein sicheres Zeichen des Wiedererkennens - nach 45 Jahren. Das erste Zusammentreffen mit Annick dauert nur ein paar Stunden. Was damals in ihren Köpfen vorging, wollen beide auch heute noch nicht verraten. "Das ist unser Geheimnis", sagt Annick Tusseau mit einem Lächeln.

Sie ist 64 Jahre alt und mit Joel Tusseau verheiratet. Jens Johannsen ist mittlerweile stolze 97. Zwischen ihren Familien hat es bisher zwölf Treffen gegeben, das jüngste bei Catherine und Peter Meseritzer geht am heutigen Sonnabend zu Ende. Begleitet werden Annick und Joel von ihrer Nichte Anne Champagne, einer Lehrerin, ihrem Ehemann Patrice sowie den Kindern Gabrielle (8) und Jules (4). Anne übersetzt fleißig, was mit Händen und Füßen nicht mehr vermittelbar ist.
Zeitreise
Vieles hat Jens Johannsen seit dem ersten Wiedersehen vor 24 Jahren erfahren: dass Francis Ploteau inzwischen verstorben war, dessen Frau Marie in einem Pflegeheim. "Wir haben sie besucht, und sie hat meinen Vater noch erkannt - Tränen überströmt", erinnert sich Catharine Meseritzer.

Mit einem Wiedersehen hatte auch Annick seinerzeit nicht gerechtet: "Ich wusste gar nicht, dass Jens noch am Leben war", gesteht sie. Und noch eines: Da sie damals erst vier Jahre alt war, hat sie kaum Erinnerungen an die Zeit. Die sind bei Jens Johannsen dafür umso lebhafter. So weiß er auch, dass er an jenem Tag die vierjährige Annick bei der anfänglich geschilderten Geschichte im Garten gebändigt hat, in er sie mit einem Tau um den Leib an einer Mauer festgebunden hat. "Na ja, Freunde geblieben sind wir trotzdem", lacht Annick. Und die Freundschaften wachsen stetig, erfassen auch die Nachkommen - mittlerweile die dritte Generation. "Wir sind gute Vertreter der deutsch-französichen Freundschaft", sagt Anne Champagne fröhlich.

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