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3. Reich in Niebüll : Aufwühlende Aufzeichnungen

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

von Dr. Charlotte Heidrich Niebüll in Krieg und Frieden: Die Stimmung ist zum Platzen

shz.de von
erstellt am 23.Apr.2015 | 05:00 Uhr

Die Ausstellung „Niebüll im Nationalsozialismus“ läuft noch bis zum 3. Mai im Richard-Haizmann-Museum in Niebüll. Zur Finissage stellt Albert Panten unter dem Titel „Dem Ende entgegen“ das Buch „Dr. Charlotte Heidrich, Niebüll in Krieg und Frieden, Briefe an ihren Mann 1945“ vor. Beginn der Veranstaltung ist um 16 Uhr. Ferdinand Hahn (Geschichtsverein) hat sich entschlossen, noch etwas zu berichten.

Es handelt sich bei dem bewegendem Buch um die minutiös geschilderten Vorgänge in Niebüll vor dem Hintergrund des Untergangs des „Dritten Reichs“. In ihren Feldpostbriefen schreibt Dr. Charlotte Heidrich quasi druckreif, was in ihrem persönlichen Umfeld geschieht, ein Zeitdokument von unschätzbarem Wert. Denn es ist so, wie die Autorin anmerkt: „Ich glaube aber, dass dieses die einzigen fast täglichen Aufzeichnungen sind, welche über die Zeit des Zusammenbruchs in Niebüll bestehen ...“

Albert Panten hat nach reiflicher Überlegung nicht das ganze maschinengeschriebene Manuskript – das Dr. Charlotte Heidrich einst dem früheren Bürgervorsteher Johannes Schwensen überlassen hatte – veröffentlicht. „Die Auswahl beschränkt sich auf Ereignisse, die, die lokale und persönliche Auswirkungen des 2. Weltkrieges jenseits der offiziellen Propagandameldungen in Niebüll veranschaulichen.“

Deutlich wird, dass man auch in Niebüll noch an den Endsieg glaubte. So am 1. Januar 1945: „Wir hörten noch die Führerrede. ... Ich glaube jeder, der es gerade gut hatte, freute sich daran, und wer nicht, der versprach sich nichts. Brandkommissar Jensen orakelte, dass dies Jahr in England die Revolution ausbräche und wir dort Sieger würden. Nach einem Jahr würde Russland aufgeteilt ... Frau G. glaubt offenbar noch an den Sieg.“ Am 30. Januar gibt es zum Jahrestag der Machtergreifung eine Kundgebung vor dem Amtsgericht. Der Kommandeur und Kreisleiter Michselsen sprechen. „Alle sind gedrückt, misstrauisch, verzweifelt. Tolle Gerüchte gehen um über unsere Vernichtungswaffen ...“

Bewegend sind vor allem ihre Berichte über die Zerstörung der deutschen Städte, das unendliche persönliche Leid. „Köln verloren, Bonn ein Trümmerhaufen, das Ruhrgebiet verloren, Stettin nur noch ein Brückenkopf ...“ An der Ernährung mangelt es: „Zu viert haben wir nur noch ein Pfund Haferflocken und ein Pfund Grieß im Monat ... Abend für Abend Schießereien ... Die englischen Jäger sind jede Nacht hier und suchen Züge.“ (2. März)

„Das Elend der Zeit ist himmelschreiend. Jeden, den man anspricht, steckt so in furchtbarem Leid, dass man am besten in seinen vier Wänden bleibt.“ (12. April). Inzwischen kommen die Flüchtlinge, Niebüll ist überfüllt. Der Strom wird abgestellt, es gibt kein Brennmaterial mehr. „Die Stimmung unter den Flüchtlingen wird immer schlechter, da Nahrungsmittel fehlen.“ (17. April). „Wir haben nun immerzu Alarm, nachts und oftmals am Tage ... Am anderen Morgen war eine Bombe zwischen Krankenhaus und Bahnhof niedergegangen (22. April). Die Stimmung ist zum Platzen.“

Auf dem Lande haben sich zahlreiche hohe Offizieren und Parteiführer versteckt beziehungsweise einquartiert. Ganz Niebüll gleicht einem Heerlager. „Es wimmelt von Generalen, Generalstäblern, mit und ohne Damen ... Sie sehen alle nicht so aus, als wollten sie sich wegen Hitlers Schande erschießen ...“ (4. Mai). Dann ist der Krieg plötzlich zuende. Die überaus korrekten und überraschend freundlichen Engländer sind bereits da. 9. Mai 1945: „Der erste Tag, an dem Frieden ist. Das Wort ist noch ganz unfassbar.“

Dr. Charlotte Heidrich berichtet weiterhin eindrucksvoll, anschaulich und detailliert, wie die Umbruchzeit bis zum 2. Juli verläuft. Der Übergang zur Demokratie verläuft stockend, doch man überlebt. Es ist ein atemberaubendes Tagebuch, das derzeit in Niebüller Buchhandlungen zu erhalten ist.


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