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Nordfriesland Tageblatt

20. Oktober 2017 | 09:15 Uhr

Reetdach : Aufs Dach genäht und geklopft

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Tradition in Goldgelb: Die frühere Jugendherberge in Deezbüll wird derzeit mit Reet gedeckt. An der Technik des traditionellen Handwerks hat sich nur wenig verändert.

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erstellt am 18.Okt.2013 | 05:15 Uhr

Was einst die Hauslandschaft in ländlichen Regionen bestimmte, ist heute eher selten geworden: das Reethaus. Hier und da gibt es noch Dörfer, wie etwa die Gemeinde Risum-Lindholm, wo 350 der 1200 Häuser „weich“ gedeckt sind und alte Baukultur sichtbar wird. Und demzufolge gibt es ihn auch noch: den Reetdachdecker. Einem von ihnen kann man zurzeit in Deezbüll zuschauen, wo er einem Neubau auf dem Gelände der früheren Jugendherberge ein Reetdach aufsetzt.

Schon dem Laien wird deutlich, dass die Reetdachdeckerei Handwerkskunst pur ist. Natur pur war einst auch das zur Bedachung eingesetzte Baumaterial, das Schilf Ried oder Rohr – in Nordfriesland Reet genannt –, das als nachwachsender Rohstoff einst reichlich vorhanden war, jedoch heute überwiegend europaweit importiert werden muss.

An der Technik, das Material zu verarbeiten, hat sich nur wenig verändert. Um das Reet an der Lattung anzubinden oder anzunähen bedurfte es früher an der inneren Dachseite eines „Gegennähers“. Heute ist die alte Bindetechnik durch die Schraubbindetechnik von außen abgelöst worden. Schrauber und Klopfbrett sind im Grunde genommen auch das einzige Handwerkszeug des Dachdeckers. Seine Qualität wird heute mehr vom gestalterischen Geschick bestimmt, wie er das Reet formt, wenn es etwa eine Gaube umgeben oder eine andere schwierige Stelle im Dachbereich abdecken soll. Dabei hilft ihm einzig und allein das Klopfbrett, das Meister und Geselle traumhaft sicher „händeln“.

Auf dem Dach in Deezbüll sind Handwerker der Dachdeckerei Hansen am Werk. Dachdeckermeister Hauke Hansen (40) gehört der vierten Generation einer Deezbüller Dachdeckerfamilie an, begründet von Urgroßvater Godber Hansen und von Georg und Hans Martin Hansen weitergeführt. Hauke Hansen, der sowohl Reet-als auch Hartdächer deckt, legte seine Meisterprüfung in Mayen bei Koblenz ab. „Dass ich die Reetdachdeckerei in mein Leistungsangebot aufgenommen habe, ergab sich durch die Nachfrage“, sagt Hansen, der sich dieser Sparte jedoch auch familiär verbunden fühlt.

War das Reethaus einst ein Haus armer Leute, so wird es heute mit einer Vielzahl von Attributen versehen. Reethäuser, heißt es, strahlen anheimelnde Geborgenheit aus, sind schön und ein Traum, wenngleich es einiges kostend. Ein Reethaus sei Rückbesinnung auf die Natur und alte Baukultur. Zuweilen sei es auch die Verwirklichung einer alten und neu erwachten Liebe. Es sei auch von Denkmalspflege die Rede, von einem besonderen Wohnklima, von wohligem Befinden, von Ästhetik, Ökologie und sogar von Umweltschutz.

Reet, sagt der Fachmann, müsse von besonderer Qualität sein, damit es so an die 30 und mehr Jahre seinen Zweck erfüllt, im Winter die Wärme im Haus und im Sommer extreme Hitze fern zu halten. „Fragt man zehn Dachdecker, was für ein Reet es am besten sein sollte, bekommt man elf Antworten“, sagt Meister Hauke Hansen. Auf alle Fälle wissen er und seine Kollegen, dass ein schönes Reetdach Gefühle auslöst. Es macht seinen Besitzer stolz. Dem Betrachter ist es eine Augenweide. Und dem Meister und seinen Gesellen gibt es das Bewusstsein, ein Kunstwerk vollbracht zu haben.

 

 

 

 

 

 

 

 

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