Bredstedt : Aufgalopp für Stromnetz-Ausbau

Die Notwendigkeit des Netzausbaus hatte Staatssekretärin Tamara Zieschang aus Sicht der Landesregierung erläutert. Foto: hjm
Die Notwendigkeit des Netzausbaus hatte Staatssekretärin Tamara Zieschang aus Sicht der Landesregierung erläutert. Foto: hjm

Nordfriesland geht neue Wege bei der Bürgerbeteiligung / Zweite Regionalkonferenz am 10. November in Bredstedt

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05. November 2011, 08:09 Uhr

Nordfriesland | Kurze Wege durch wenig rot markierte Bereiche: Dies wäre zunächst auf dem Papier der optimale Verlauf für die geplante 380-Kilovolt-Leitung entlang der Westküste. Eine Trasse, die möglichst direkt - ohne große Schlenker - zwischen Niebüll und Brunsbüttel gebaut werden dürfte, würde für den Netzbetreiber - die niederländische Tennet TSO GmbH - geringere Kosten verursachen. Bei Rot kommen die Bürger ins Spiel: In Gegenden, wo Christoph Herden und sein Team Karten großflächig mit dieser Signalfarbe versehen haben, muss mit Konflikten gerechnet werden: Neben Naturschutzaspekten kann hier vor allem die Nähe zu Wohngebieten Stoff für Diskussionen liefern. Herden hat für die Gesellschaft für Freilandökologie und Naturschutzplanung mbH Kiel (GFN) im Auftrag von Tennet Varianten für die Trassenführung ermittelt. Diese stellte der Fachmann im Kreishaus in Husum bei der ersten von zwei für Nordfriesland organisierten Regionalkonferenzen zum Höchstspannungs-Netzausbau vor.

Die Kriterien, auf denen diese Vorschläge basieren, sind erst im August in einer "Netzbeschleunigungsvereinbarung" zwischen Kreisen, zuständigen Ministerien und Netzbetreibern festgelegt worden:

möglichst direkte Verbindungen mit gestrecktem Verlauf,

möglichst Ersatz von Bestandsleitungen statt Neubau von Leitungen,

Bündelungen mit bestehenden Freileitungen und anderen vorhandenen oder geplanten linienhaften Infrastrukturen,

weitestgehende Umgehung von Siedlungsbereichen - insbesondere Wohngebäuden - mit dem Ziel bei Herstellung und Betrieb von Anlagen zur Energieversorgung die Summe aller Umgebungseinflüsse (Expositionen) durch elektrische und magnetische Felder im Rahmen der rechtlichen, technischen und wirtschaftlich sinnvollen Möglichkeiten zu minimieren,

weitestgehende Umgehung von Schutzgebieten und

Minimierung der Belastung von Wäldern, der Avifauna (Vogelwelt) und sonstigen wertvollen Natur- und Freiräumen einschließlich des Landschaftsbildes.

Varianten orientieren sich an der bestehenden 110-Kilovolt-Leitung und sind in einem Korridor von einem Kilometer angelegt. Sowohl Korridor wie Verläufe für die Trasse sind veränderbar, betonte Herden. Zwei Beispiele: So sei für den Abschnitt zwischen Heide und Husum - "voll mit Schutzgebieten" - ein östlicher Verlauf und für die Strecke Husum-Niebüll die westliche Variante "am günstigsten". Vorstellen dürfen sich die Nordfriesen jedoch keinesfalls bis zu 60 Meter hohe Strommasten, die die beiden Spannungsfelder 100 und 380 Kilovolt "vereinen": Ein Aufstocken ist nicht möglich - die neue Höchstspannungsleitung benötigt ihre eigenen Mast-"Riesen".

Ansprechpartner für die zahlreich erschienenen Bürger und Politiker waren außerdem Fachleute der Schleswig-Holstein Netz AG (zuständig für die Mittelspannungsebene), der Eon Netz GmbH (110-Kilovolt-Hochspannungsebene) und natürlich von Tennet (Höchstspannungsebene). Zuvor hatte Staatssekretärin Dr. Tamara Zieschang aus dem schleswig-holsteinischen Ministerium für Wissenschaft, Wirtschaft und Verkehr wie bereits vor gut einem Monat bei einer Sonderkonferenz für Bürgermeister und Amtsvorsteher (wir berichteten) unterstrichen, dass das Land mit dieser "vorgezogenen Bürgerbeteiligung, die keinesfalls spätere Rechte im Planfeststellungsverfahren beschneidet", Vorbild für ganz Deutschland ist. Und: In Sachen beschleunigter Netzausbau sind Nordfriesland, Steinburg, Pinneberg und Dithmarschen zur Pilotregion ernannt worden. Der "1. Dialogprozess" mit den Bürgern, deren Anregungen berücksichtigt werden sollen, läuft bis Jahresende, sagte Zieschang. 2012 könnten dann die Unterlagen für das Planfeststellungsverfahren erarbeitet werden und für 2015 steht der erste Spatenstich im Kalender. Dieser ambitionierte Zeitplan hat allerdings nur eine Chance, wenn der Bürger mit ins Boot steigt und nicht durch Klagen für jahrelange Verzögerungen sorgt. "Stuttgart 21 lässt grüßen" hatte Landrat Dieter Harrsen in seiner Begrüßung formuliert und für diese neue Kommunikation zwischen Bürgern und Netzbetreibern geworben. Der Verwaltungschef kündigte an, dass der Kreis Personalressourcen zur Verfügung stellen wird, um Bürgerfragen zur Westküsten-Leitung beantworten zu können. Einen entsprechenden Antrag hat die CDU-Fraktion bereits für den Kreistag am Freitag, 11. November, auf die Tagesordnung setzen lassen.

Von Seiten des Landes ist mit den Netzbetreibern ein Ausbau der Stromleitungen für Energie aus Windkraftanlagen auf 9000 Megawatt (MW) an Land und zusätzlichen 3000 MW im Meer bis 2020 abgemacht. "Sind die 9000 MW auf Kante genäht", hakte Dr. Markus Hirschfeld, Referatsleiter aus dem Wirtschaftsministerium, in der Diskussionsrunde nach. Ein "bisschen Luft" offerierte Martin Groll (Tennet) und erklärte, dass eine höhere Auslastung nicht möglich sei, da die 380-Kilovolt-Leitung zum europäischen Stromverbundnetz gehöre und es ansonsten technische Probleme geben würde. Erdkabel für 380-Kilovolt-Leitungen sind nicht "Stand der Technik", lautete die Antwort auf eine Frage von Amtsvorsteherin Karen Hansen (Nordsee-Treene). Konkrete Forderungen formulierten Dr. Hans-Ulrich Rösner (WWF-Wattenmeerbüro) und Hans Friedrichsen, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Husum-Eiderstedt. Rösner möchte geprüft sehen, ob "Teile der 110-kV-Leitung nicht als Ausgleich in der Erde verschwinden" könnten und die Option einer Hochspannungs-Gleichstromübertragung (HGÜ) "ernsthaft" verfolgt sehen. (Vorteile einer HGÜ sind unter anderem eine höhere Übertragungsleistung und nur ein bis zwei Leiterseile.) "Masten sollten über Knicks stehen, um die Bewirtschaftung auf den Feldern nicht zu stören", meinte Hans Friedrichsen - und: "Wir Landwirte wollen eine bessere Entschädigung."

Lernen aus Stuttgart 21 dürfe nicht bedeuten, dass Bürger nur "Dampf ablassen" sollen und "die Konzerne bestimmen dann, was wirtschaftlich ist", kritisierte ein Schobüller und fragte: "Warum steht bereits fest, wer Netzbetreiber ist - vielleicht will es die Windkraft-Branche ja selbst machen?"Die zweite Regionalkonferenz findet am Donnerstag, 10. November, von 19 Uhr an, im Bürgerhaus in Bredstedt, Theodor-Storm-Straße 2, statt.

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