Im „Dreimaster“ am Gallberg : Auf ein Bier zu Wally

Umringt von den Stammgästen fühlt Wally sich am wohlsten.
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Umringt von den Stammgästen fühlt Wally sich am wohlsten.

Seit 58 Jahren steht Waltraud Fieroh hinterm Tresen. 1979 eröffnete sie die Kneipe zum Dreimaster am Gallberg.

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06. Januar 2018, 17:32 Uhr

Gelbes, schummriges Licht, der Geruch von Rauch liegt in der Luft. Von der Decke hängt ein ausgestopftes Krokodil und Fischernetze, an der Wand ein Rettungsring. An einem Ecktresen sitzen sechs Herren, die ihre Unterhaltung kurz unterbrechen, um zu sehen, wer der Neuankömmling ist, den sie höchstwahrscheinlich kennen. Eine zierliche, ältere Dame, die auch in die Unterhaltung involviert war, fragt sogleich, was es sein darf.

Wally hat das Kneipensterben überlebt und ist seit 1979 die Wirtin der Gallberger Kneipe „Zum Dreimaster“. Die 76-Jährige ist das Herz dieser urigen Gaststätte, die zugleich eine Zeitreise in die 70er-Jahre ist und die letzte ihrer Art im Gallberg. Wally heißt eigentlich Waltraud Fieroh, so nenne sie aber keiner, versichert sie. „Meine Schwiegereltern haben hier bis 1977 einen Milchladen betrieben und ich und mein Mann haben im ersten Stock gewohnt“, erzählt Wally, die immer noch in dem Haus lebt. Seit ihrem 18. Lebensjahr arbeitet sie hinterm Tresen, seit 1972 selbstständig.

Während Wally erzählt, springt Stephanie Heidemann, die Lebensgefährtin ihres Sohnes, hinterm Tresen ein. Es ist der erste Tag im neuen Jahr, an dem Wally wieder geöffnet hat, Grund genug für die Stammgäste einen auszugeben: „Stephanie, machst du mal eine Runde“, ruft Wally, die sicher gehen will, dass jeder Gast seinen Neujahrsschnaps bekommt. Inzwischen sind wieder ein paar Gäste dazugekommen, der Dreimaster kann sich nicht über zu wenig Kundschaft beklagen, im Gegenteil: „In den letzten fünf Jahren werden es wieder mehr“, stellt Wallys Sohn Olaf Fieroh fest, der sich mit auf die gepolsterte Eckbank vor dem Kamin gesetzt hat, um mit seiner Mutter die letzten Jahrzehnte Revue passieren zu lassen.

„Die 70er waren schon wild“, erzählt die Wirtin, sie habe aber nie Probleme mit den Gästen gehabt, bis heute gilt: „Die gehorchen mir schon, und wenn einer nervt, dann wird Klartext gesprochen.“ Heute ist das Publikum ruhiger geworden. Ganz allein steht Wally hinterm Tresen und bedient ihre Stammgäste, die oft schon vor 17 Uhr vor der Tür warten, dass sie endlich aufschließt. Aber es kommen auch immer mal wieder neue Gesichter dazu, an Freitagen kann es durchaus mal vorkommen, dass sich drei Generationen im Dreimaster aufhalten und zusammen feiern. „Wenn die dann in Fahrt kommen, dann wird das Radio ausgeschaltet und die Musikbox angemacht und getanzt“, erzählt Wally, die dann auch schon mal bis 3 Uhr morgens hinterm Tresen steht. Wenn sie genug hat, dann ruft sie ihren Gästen ein Taxi, die dann protestieren, dass sie keins gerufen haben: „Aber ich“, antwortet Wally dann.

Sie liebt ihren Beruf und sie liebt ihre Gäste, so sehr, dass sie gar nicht ohne sie kann. „2008 ist mein Mann verstorben und das war sehr schlimm für mich, da waren meine Gäste eine große Stütze, die haben mich wieder aufgebaut und ich habe weiter gemacht“, erzählt Wally mit glänzenden Augen. Seitdem fährt sie einmal im Jahr mit ihrem Sohn in den Urlaub, doch irgendwann wird sie hibbelig und muss zurück zu ihren Gästen.

Immer wieder geht die schwere Kneipentür auf und es strömen Gäste herein. Bevor sie Platz nehmen, wird Wally begrüßt, nicht selten mit Umarmung und einem kurzen Schnack.

Rund 40 Stammgäste kommen in den Dreimaster. „Weihnachten und Silvester kommen sie mit Blumen und Pralinen für Wally, sie wissen, was sie an ihr haben und umgekehrt. Seit 15 Jahren zögert die Wirtin das Ende der Ära Dreimaster hinaus: „Ich verlängere immer um fünf Jahre“ sagt Wally, der nach einer langen Nacht die Knie schmerzen. „Wenn ich am Rotieren bin, ist alles gut, doch wenn ich danach zur Ruhe komme, dann merke ich schon, dass ich nicht mehr die Jüngste bin.“ Deshalb wird der Dreimaster nur an vier Tagen geöffnet. Montags, dienstags, donnerstags und freitags.

Zurück hinterm Tresen ist Wally wieder in ihrem Element und wahrscheinlich steht sie auch mit 80 noch da und hält die Stellung im Dreimaster.

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