Südamerika : Arbeit im Schatten der Drogenkartelle

Normalerweise hilft Pater Robert Havens in Lateinamerika Opfern des Drogenkriegs – jetzt ist er in der Gemeinde St. Getrud in Niebüll zu Gast

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03. Januar 2015, 05:00 Uhr

Als die Männer des Sinaloa-Kartells mit Sturmgewehren bewaffnet in das Dorf kamen, war das ein Wendepunkt für die kleine Gemeinde im Norden Mexikos: Die Dorfbewohner hätten drei Stunden Zeit ihre Häuser zu verlassen, drohten die Gangster. Jeder, der nach Ablauf der Frist noch da sei, würde getötet. Und um zu beweisen, dass es sich nicht um eine leere Drohung handelte, trieben die Kartellmitglieder wahllos 14 Kinder, Frauen und Jugendliche zusammen und erschossen sie.

Es sind auch solche Erfahrungen, die Pater Robert Havens Arbeit mit Opfern des mexikanischen Drogenkriegs mit sich bringt. Sie begleiten den Missionspriester wie Reisegepäck auch bis nach Südtondern. Derzeit ist Robert Havens in der katholischen Gemeinde St. Gertrud in Niebüll zu Gast. Der 41-Jährige arbeitet sonst für mehrere wohltätige Vereine in Mexiko und El Salvador. Nahezu täglich ist der Ordensmann dort mit dem Terror der Verbrechersyndikate konfrontiert: Allein in Mexiko hat der Konflikt zwischen rivalisierenden Kartellen und dem Militär seit 2006 rund 70  000 Todesopfer gefordert. Seit Jahren kümmert sich der gebürtige New Yorker auch um Bauern, die von den Verbrecherorganisationen von ihrem Land vertrieben wurden und unterstützt sie mit landwirtschaftlichen Hilfsprojekten.

Jetzt hat der Pater über die Feiertage als Geistlicher die Gemeinde in Wyk auf Föhr betreut. Der Grund: „In Mexiko gibt es ein Phänomen: Vom 12. Dezember bis zum 6. Januar wird nicht gearbeitet – stattdessen wird gemeinsam gefeiert.“ Für den Kirchenmann entsteht so regelmäßig ein Korridor, den er nutzen kann, „um sich woanders nützlich zu machen“. Nach einer ersten Anfrage beim Bistum in Hamburg vor einigen Jahren stellte man dort den Kontakt nach Niebüll her. Hier ist Pfarrer Gerard Rzaniecki neben Niebüll auch für die katholischen Kirchen in Leck, Wyk auf Föhr und auf Amrum verantwortlich. „Ich bin für seine Unterstützung und seine Gesellschaft sehr dankbar – ich brauche ihn unbedingt“, sagt Gerard Rzaniecki und scherzt: „Als ein Mann aus der Karibik, passt er wunderbar in die nordfriesische Karibik.“ Für den Amerikaner Havens, der unter anderem in England, Frankreich und auch zuvor in der Eifel gelebt hat, ist besonders die Adventszeit in Nordfriesland immer wieder faszinierend: „Diese Zeit ist noch nicht so kommerzialisiert wie leider auch in Mexiko – hier ist sie noch christlicher.“

Seit Weihnachten und Jahreswechsel trennen den Geistlichen jetzt fast 10  000 Kilometer von Lateinamerika. Doch wenn er von seiner Arbeit in El Salvador und in Mexiko berichtet, wird der harte Alltag unter der Herrschaft der Drogenkartelle lebendig: „Die Schattenwirtschaft ist ohne Zweifel die Hauptwirtschaft in Mexiko, die sehr viel beeinflusst“, sagt Havens. „Die Korruption ist allgegenwärtig, und die sozialen Unterschiede sind enorm.“ Ein krasses Beispiel sei der aktuelle Fall der 43 vermissten Studenten, die offenbar von Polizei und Drogenmafia ermordet wurden. Ob die aufwallende öffentliche Empörung gegen die staatliche Korruption auf lange Sicht Veränderungen für das südamerikanische Land bringen wird, bezweifelt er.

Der Kirchenmann hat durch seine vielen Dienstreisen auch in abgelegene Gebiete guten Kontakt zu Einheimischen und kennt viele Facetten des zerrissenen Landes: „Natürlich gibt es auch Grund zur Hoffnung“, so Havens. „Mexiko ist sehr reich an Bodenschätzen und Kultur – zusätzlich sind die Mexikaner sehr schöpferische und kreative Menschen.“

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