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Nordfriesland Tageblatt

20. August 2017 | 02:38 Uhr

Ehrung : Appell an Respekt für Andersdenkende

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Pastor Harald Richter wurde in der KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund für sein beeindruckendes Lebenswerk gebührend geehrt

Unmittelbar im Anschluss an die anlässlich des Antikriegstages erfolgte Kranzniederlegung des Deutschen Gewerkschaftsbundes an den Gräbern der auf dem Ladelunder Friedhof beerdigten KZ-Toten (wir berichteten), hielt der Historiker und ehemalige kommissarische Leiter der KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund, Dr. Stephan Linck, in deren Dokumentenhaus einen Vortrag über eine unrühmliche Phase der Nachkriegszeit. Sein Thema lautete: „Die Kirche, die Obrigkeit und die Demokratie. Oder: Als Bischöfe Pastoren durch den Verfassungsschutz bespitzeln ließen.“ Einer der von den Machenschaften Betroffenen, Pastor Harald Richter, war persönlich anwesend. Er wurde später für sein beeindruckendes Lebenswerk gebührend geehrt.

Zunächst jedoch hieß Propst Dr. Kay-Ulrich Bronk die zahlreich Versammelten willkommen und stimmte sie auf den Vortrag ein. So, wie er selbst als Kind reagiert habe, als er erfuhr, dass der Zweite Weltkrieg von Deutschland begonnen wurde, würden voraussichtlich viele Zuhörer nach den Ausführungen des Dr. Linck reagieren: „Das darf doch nicht wahr sein!“

Der Referent stellte die Frage: „Wie war es möglich, dass Prof. Dr. Hans Beyer und dessen Nachfolger Wolfgang Baader mit ausdrücklicher Billigung der kirchenleitenden Bischöfe eine landeskirchliche Pressearbeit aufbauen und über Jahrzehnte betreiben konnten, deren Strukturmerkmale der Tätigkeit des Sicherheitsdienstes der SS fatal ähnelten?“ Denn von Beyer, der seit Ende 1945 Kontakt zu Bischof Halfmann hatte, war bekannt, dass er SS-Hauptsturmführer und Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes gewesen war und sich deshalb vor der Entnazifizierung verstecken musste. Anstelle eines Arbeitsvertrages wurde schriftlich fixiert, dass ohne Zeugen geführte mündliche Absprachen gültig waren.

Der nachrichtendienstliche Charakter der Pressearbeit wurde noch dadurch verfestigt, dass Baader die Arbeitsweise seines Vorgängers professionalisierte und dabei eine ausgesprochen denunziatorische Praxis an den Tag legte. Nachdem sich im Dezember 1960, also zur Zeit der Ostermarschbewegung, die „Deutsche Friedensunion (DFU)“ gegründet hatte, welche die Abrüstung und ein neutrales, wiedervereinigtes Deutschland forderte, engagierten sich für deren Ziele auch zahlreiche Theologen aus dem Umfeld der kirchlichen Bruderschaften.

Der „Vertrauliche Informationsdienst“ wertete sie daraufhin als „politisch dumm“, denn „in dieser vom Osten gesteuerten und finanzierten politischen Partei seien auch noch Freidenker organisiert.“ In dieser erhitzten Atmosphäre fand ein ein Wahlaufruf viel Beachtung, den ein Dutzend Pastoren der Landeskirche vor der Landtagswahl an die Parteien versandten, unter ihnen auch Harald Richter (Ladelund). Darin setzten sie sich für Verständigung und Gespräche mit dem Ostblock ein und forderten militärische Entspannung, woraufhin man ihnen unterstellte, für die DFU zu werben, und sie in den Fokus des Verfassungsschutzes gelangten. Die daraus resultierenden Reaktionen in der Kirchenleitung stellte Dr. Linck anhand von recherchierten Belegen ausführlich dar.

Die lange Reihe der Lobredner auf Pastor Richters Lebenswerk eröffnete Evert de Graav, der viele Jahre als Vorsitzender der Puttener „Stifting ’44“ amtierte. „Sie, Herr Pastor Richter, und Ihre Frau haben uns Puttener stets mit Respekt liebevoll empfangen und auf der Basis des christlichen Glaubens eine tragfähige Brücke zwischen Putten und Ladelund geschaffen. Dafür sind wir Ihnen sehr dankbar.“ Auch Bischof Gothard Magaard würdigte die geleistete Versöhnungsarbeit des Pastors Harald Richter und sprach ihm dafür im Namen der Kirchenleitung wie auch als Privatperson Dank und höchste Anerkennung aus. „Bei der kritischen Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit brauchen wir Archive, Gedenktage und Gedenkstätten – auch diese in Ladelund in besonderer Weise – als Stütze und gemeinsames Korrektiv für unser gemeinsames Gedächtnis,“ so stellte er fest. „Wir sind stolz auf die Ladelunder, die nicht weggeschaut, sondern in den ausgemergelten Gesichtern der KZ-Gefangenen das Bild Gottes gesehen und geachtet haben.“

Propst Dr. Bronk attestierte Richter: „Ohne Sie wäre die Gedenkstätte in Ladelund nicht so entstanden, wie sie sich heute darstellt und wäre sie nicht so im Bewusstsein des Landkreises, des Kirchenkreises und der Landeskirche vorhanden: als Ort des Gedenkens und Lernens.“ Karin Penno, die langjährige Leiterin der Ladelunder Gedenkstätte, charakterisierte Harald richtet als „zutiefst politisch, christlich, pastoral, unbequem und wehrhaft.“

Nach seinem übergebenen Erbe befragt, sagte Harald Richter: „Man soll Andersdenkende respektieren und bei dem Bestreben, Ziele durchzusetzen, viel Geduld aufbringen.“

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erstellt am 04.Sep.2014 | 05:00 Uhr

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