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Nordfriesland Tageblatt

23. August 2017 | 06:58 Uhr

Windkraft : Ansichtssache

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

68 neue Windkraftanlagen sollen in diesem Jahr in Südtondern entstehen. Kritiker bemängeln den „optischen und akustischen Terror“.

Amtsdirektor Otto Wilke kann sich noch gut an die Proteste der 90er Jahre erinnern, als die ersten Windkraftanlagen in der Region aufgestellt werden sollten und die Bürger in einigen Orten Sturm liefen. Wilke, gerade neu im Amt als Leitender Verwaltungsbeamter, musste sich damals in einigen Gemeindevertretersitzungen den Fragen von mehreren Hundert Bürgern stellen, wo üblicherweise kaum ein Dutzend zu den Versammlungen kamen. Mancherorts ließen wohlhabende Zweitwohnungsbesitzer aus dem Süden Deutschlands ihre Anwälte einfliegen, um die Windkraft-Projekte zu verhindern. Realisiert wurden sie dennoch.

In den vergangenen Monaten häufen sich die Proteste gegen geplante Windparks wieder, für Otto Wilke in der Intension jedoch nicht vergleichbar mit den früheren. Wer aber beispielsweise bei der letzten Infoveranstaltung vom „Bürgerwindpark Holzacker-Knorburg“ in Bergers Gasthof mit dabei war, konnte erleben, welches Konfliktpotenzial solche Vorhaben immer noch haben können.

Insgesamt sind es 68 neue Anlagen, die in Südtondern in diesem Jahr entstehen sollen (siehe Infokasten). „Die Kritiker sind aber deutlich in der Minderheit“, sagt Hans-Detlef Feddersen, der 1991 im Friedrich-Wilhelm-Lübke-Koog Mitbegründer des ersten Bürgerwindparks in Deutschland war und heute in der Branche beratend tätig ist. Die Akzeptanz der Anlagen sei flächendeckend sehr hoch. Umso schwerer haben es die Windkraftgegner, überhaupt Gehör zu finden. „Man gilt als Querulant. Dabei ist die Akzeptanz im Grunde nur erkauft“, beklagt Uwe Johannsen aus Stadum. Und macht sich damit keine Freunde, denn mit Wind als Ressource lässt sich bekanntlich Geld verdienen.

Bei den meisten Windparks hierzulande ist die Bevölkerung vor Ort auch beteiligt, was die Annahme dieser Vorhaben steigert. Die Rede ist von „Bürgerwindparks“ – ganz gleich, ob nur zehn oder mehrere Hundert Bürger das Projekt mitfinanzieren. Und wo immer solch ein Vorhaben strittig ist, stoßen Bürger auf Bürger. Der Konflikt ist vorprogrammiert.

Eigentlich niemand, auch nicht die Windkraftgegner, streiten ab, dass erneuerbare Energien die bessere Alternative sind. Die Vorteile gegenüber Gas, Kohle und der Kernenergie liegen auf der Hand. Kritik gibt es jedoch über die dafür auserwählten Flächen. Und je dichter diese an Wohnhäusern stehen, desto lauter ist der Protest. Schlagschatten, Infraschall, störende Warnlichter, eine Beeinflussung des Landschaftsbildes („optischer Terror“) sowie eine Wertminderung der Immobilien als Folge werden bemängelt. Häufigster Kritikpunkt ist jedoch die sogenannte Geräuschimmission („akustischer Terror“), die von den Anlagen ausgeht. Unumstritten ist, dass Windräder deutlich zu hören sind. Vergleichbar mit einem tickenden Wecker im Schlafzimmer stört sich manch einer maßlos daran, während ein anderer seelenruhig einschläft. Und nachvollziehbar ist auch, dass zumindest die Gesellschafter eines Windparks, die von jeder Rotation profitieren, solche Geräusche nicht als Lärm empfinden.

„Es geht bei allen Argumenten aber um gefühlte Beeinträchtigungen“, kommentiert Hans-Detlef Feddersen. „Jeder hält seinen Bereich, seine Umwelt für so schützenswert, dass er neue Maßnahmen schwer akzeptieren kann – zumindest am Anfang. Denn sind Veränderungen erst einmal da, dann gewöhnen sich die Menschen offensichtlich an sie. Das ist wie bei vielen anderen Projekten auch, angefangen bei dem Neubau von Autobahnen bis hin zu Kindertagesstätten in der Nachbarschaft“, ist er sich sicher.

Wer sich aber nicht daran gewöhnen will, muss gute Argumente nennen. Feddersen: „Kritiker haben im Grunde nur die Möglichkeit, zu kontrollieren, ob sozusagen alle Hausaufgaben fach- und sachgerecht erledigt wurden. Stimmen aber die Rahmenbedingungen, dann wird es schwer.“ Schließlich ist die Energiewende Ziel der Bundespolitik, dem sich partikuläre Interessen unterordnen müssen.

Zuständig für die Genehmigung der Windräder ist das Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR). Dort wird unter Beteiligung des Kreises mit Behörden wie der Bau-, Naturschutz- und Denkmalschutzbehörde umfangreich geprüft, ob alle rechtlichen Vorgaben eingehalten werden. Im Landesamt können Kritiker Akten einsehen und gegen Genehmigungen Widerspruch einlegen, was laut Hans-Werner Carstensen, Dezernatsleiter im Regionaldezernat Nord, nur selten vorkommt. „Der Knackpunkt ist meist der Lärm. Der Gesetzgeber mutet den Bürgern eine gewisse Geräuschkulisse zu. Werden die Richtwerte aber eingehalten, dann läuft der Protest ins Leere“, so Carstensen. Und doch kommt es vor, dass Argumente greifen. Beim Juliane-Marien-Koog in Dagebüll ist es die Sichtachse zur St. Dionysius-Kirche, die jüngst ein Repowering-Vorhaben vorerst lahm legte.

Amtsdirektor Otto Wilke spricht von einer Wertschöpfung, die mit Windkraftanlagen verbunden sei. Der Amtsdirektor hat dabei im Blick, was dank der Windparks in der wirtschaftlich schwachen Region bereits geschaffen werden konnte. Die hiesige Infrastruktur profitiere von den Parks, auch wenn sie stark in das Landschaftsbild eingreifen. Den Gemeinden komme über die Einkommenssteuer sowie Gewerbesteuer Geld in die Kassen, das wiederum der Allgemeinheit beispielsweise durch die Unterstützung von Einrichtungen und Vereinen zu Gute kommt. „Wir haben das große Glück, mit Wind reich beschenkt zu sein“, formuliert es Wilke. Die Gegner argumentieren hingegen anders. „Wir haben hier oben doch nur die Landschaft, mehr nicht. Und die können wir uns nicht verbauen“, sagt Michael Krüger, Windkraftgegner aus Stadum.

 

 

 

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erstellt am 07.Jan.2014 | 16:25 Uhr

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