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Nordfriesland Tageblatt

19. Oktober 2017 | 20:25 Uhr

Parkinson-Gruppe : Annehmen statt verdrängen

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Die Mitglieder der Parkinson-Gruppe und deren Angehörige gehen offensiv mit der Krankheit um. Regelmäßiges Tanzen gehört zur Therapie.

von
erstellt am 04.Jan.2014 | 08:00 Uhr

„Nicht so faul, Herrschaften“, ruft Tanzlehrerin Sonja Stümer fröhlich in die Menge. Auf der Tanzfläche drehen sich die Paare elegant zu Walzerklängen, haken sich bei schnellen Liedern unter, geben beim Square-Dance alles. Sie klatschen, sind fröhlich und gut drauf. Hier findet keine Party statt, dafür wäre es um zehn Uhr morgens auch zu früh am Tag. Die Menschen, die sich an jedem Montag im DRK-Haus in Leck treffen, verbindet ein gemeinsames Schicksal: Sie haben Parkinson, oder sie begleiten ihren Partner, der betroffen ist. Und: Sie haben sich nicht verkrochen, sondern der Krankheit gestellt, sie angenommen und kämpfen aktiv gegen die Symtome an, die so unterschiedlich wie die Betroffenen sind.

„Bewegung ist das A und O, um dieser fürchterlichen Krankheit zu begegnen“, sagt Ursel Steffens, die Leiterin der Parkinson-Gruppe Niebüll/Leck. Regelmäßig kommt daher Sonja Stümer, Tanzpädagogin und Trainerin, zu Besuch – wie heute. „Tanz bedeutet extreme Freude. Die Teilnehmer sollen diesen speziellen Moment genießen, etwas Schönes erleben.“ Doch zunächst stehe die Überwindung an, sich wieder zu bewegen. Eine Stunde lang singen und tanzen– dadurch wird vieles leichter. „Und es ist so gut für die Seele. Am Ende des Unterrichts spürt man, dass jeder von ihnen ein Stück lebendiger ist.“ Ursel Steffens ergänzt: „Der Parkinson ist nichts Fröhliches, aber wir versuchen, ihn so fröhlich wie möglich zu stimmen. Wir zeigen uns von unserer besten Seite, aber in uns brodelt es.“ Seit 30 Jahren gibt es die Parkinson-Gruppe Niebüll/Leck. „Ich bin oft angesprochen worden, ob auch ich erkrankt bin – weil ich immer von ,Wir‘ spreche“, berichtet Ursel Steffens. „Dem ist nicht so. Aber ich gehöre trotzdem dazu. Und: Ich weiß meine Gesundheit jetzt zu schätzen.“

Kein Parkinson ist mit einem anderen zu vergleichen. Die Symptome, körperlicher und psychischer Natur, sind bei jedem anders – und so unterschiedlich sind auch die Medikamente und die Dosierungen. „Man muss sehr aufpassen, sie pünktlich und genau nach Anweisung einnehmen, um Vergiftungen zu vermeiden“, erklärt Steffens. Die Medikamenten-Pläne erstellen Neurologen. „Der Körper rächt sich, wenn man die Anweisungen nicht befolgt, die Pillen zum falschen Zeitpunkt nimmt. Aber ohne diese ekligen Dinger geht es nicht.“ Eine Reihe von Fachkliniken in Deutschland widmet sich den Patienten. Hier werden sie entsprechend „eingestellt“.

„Wir sind eine nette Truppe, trotz der erschwerten Bedingungen“, sagt Ursel Steffens fröhlich. Den Entschluss, bei den Treffen vorbeizuschauen und zu erkennen, dass die Gemeinschaft gut tut, muss jeder selber fassen. „Hierherzukommen kann ein Teil sein, die Krankheit anzuerkennen. Es geht darum, das Schicksal anzunehmen und nicht zu fragen: Warum gerade ich? Sonst zerstört man sich und die Familie.“ Angehörige leiden genauso unter den Folgen von Parkinson wie die Patienten. Beim Umgang damit seien häufig die Partner die Treiber. „Ansonsten würden sich die Patienten hinsetzen und nichts mehr tun.“ Sind diese erst einmal aktiv geworden, spüren sie: „Wenn ich etwas tue, dann geht es mir besser.“

Fröhlichkeit, Geselligkeit, der Austausch und das Reden miteinander sowie ein liebevoller Umgang werden in der Gruppe groß geschrieben. Neben dem Tanzen gibt es weitere Möglichkeiten, dem Parkinson und der fortschreitenden Abnahme der Beweglichkeit bei der Parkinson-Erkrankung entgegenzuwirken. George Eggerstedt (52) aus Schafflund führt die BIG-Therapie vor: „Rasches Aufstehen, große Schritte und Bewegungen machen, Hände spreizen, Körperanpannung aufbauen, lautes Mitreden. Das und andere Übungen helfen, die Sprechgeschwindigkeit zu erhalten und die Gesichtsmuskulatur zu entspannen.“

Der ständige Umgang mit der Krankheit schärft den Blick, berichtet Ursel Steffens. „Man erkennt häufig Betroffene, die selber noch nicht einmal wissen, dass sie an Parkinson erkrankt sind.“ Das Problem: „Viele nehmen ihr Schicksal nicht an. Verdrängen aber ist das Schlimmste.“

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