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Volkstrauertag : Angst vor Terror als herrschende Macht

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Gedenken der Opfer von Gewalt: Pastor Hans-Joachim Stuck ging in seiner Ansprache auch auf die jüngsten Anschläge von Paris ein

shz.de von
erstellt am 15.Nov.2015 | 14:16 Uhr

Die KZ- Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund, die bundesweit einzige Einrichtung ihrer Art in kirchlicher Trägerschaft, beging den Volkstrauertag in gewohnt würdigem Rahmen. Zu den Teilnehmern zählte auch eine vielköpfige Gruppe aus der niederländischen Stadt Putten. Mit diesem Ort ist Ladelund seit Jahrzehnten schicksalhaft verbunden, stammen doch 111 der 300 von Pastor Johannes Meyer auf dem Friedhof beerdigten Gefangenen des Außenlagers des KZ Neuengamme von dort. Im Zuge der Versöhnungsarbeit regelmäßig erfolgte Besuche ließen – auf der Basis des christlichen Glaubens – eine tiefe Freundschaft zwischen beiden Orten entstehen, die auch durch regelmäßige Begegnungen Jugendlicher aus Putten und Ladelund intensiv gepflegt wird.

Das Programm des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus und die jüngsten Terroranschläge in Paris begann mit einem feierlichen, mehrsprachigen Gottesdienst in der Ladelunder St. Petri-Kirche. In dessen Verlauf trugen Lektoren aus Dänemark, den Niederlanden und Deutschland biblische Texte vor. Auch wurden die Lieder in deutscher, dänischer und niederländischer Sprache angestimmt. Für musikalische Beiträge und die Begleitung der Lieder sorgte der ortsansässige Kirchenmusiker Mirko March auf der Paschen-Orgel.

Die Predigt, die sich auf das angekündigte „Weltgericht“ (Matthäus 25) stützte, gestaltete Pastor Hans-Joachim Stuck (Ladelund). Noch spürbar erschüttert durch die drei Tage zuvor erfolgten Terroranschläge in Paris, zitierte er einleitend die Frage eines Rabbi an einen gläubigen Juden: „Wann weicht die Nacht dem Tag?“ Worauf er die Antwort erhielt, dies sei kein physikalisches Phänomen, sondern geschehe, „wenn der eine im Gesicht des anderen den Bruder oder die Schwester erkennt.“ Sei das nicht der Fall, sei die Nacht noch in ihm. „Wir leben in einer dunklen Welt“, so sagte Pastor Stuck. „Dies aber liegt nicht am tristen November, sondern daran, dass die Angst vor Terror und Gewalt die einzig herrschende Macht zu sein scheint.“ Genauso stelle sich die Frage: „Wie viel Nacht hat in den Menschen geherrscht, die im Namen des Nationalsozialismus Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübten, da sie der Meinung waren, für Menschen gelte nur das Recht des Stärkeren, über den Wert oder Unwert des Lebens anderer zu entscheiden. „Ein Christus gemäßes Leben aber bedeutet, Mitgefühl mit dem Nächsten zu erlernen.“ Vielen Menschen in Putten und Ladelund sei dies im Laufe der Zeit gelungen.

Nach dem gemeinsamen Singen des 84. Psalms, den die bei der Razzia 1944 gefassten Männer vor ihrer Verschleppung sangen, und der vom Gedenkstättenleiter Raimo Alsen vollzogenen Totenehrung begaben sich alle Versammelten an die Gräber der KZ-Toten, um der Niederlegung zahlreicher Kränze beizuwohnen. Diese vollzogen unter anderem der Generalkonsul der Niederlande, Dr. Ernst-Joachim Fürsen, Ard Kleijer für die Gemeinde Putten, Pieter Dekker für die „Stichting 44 Putten“, Fregattenkapitän Christian Würger für die Bundeswehr, Matthäus Weiß für den Landesverband der Sinti und Roma sowie Repräsentanten der Gedenkstätte Neuengamme, des Kreises und Kirchenkreises Nordfriesland, der Jugendbewegung Putten/Ladelund, der Gemeinde Wyk/Föhr und mehrerer örtlicher Gremien und Einrichtungen.

Die ohne Reden vollzogene Zeremonie wurde begleitet von Chorälen, die der Bezirksposaunenchor Südtondern am Dokumentenhaus der Gedenkstätte voller Andacht aufspielte. Ein weiteres Gedenken an alle Opfer beider Weltkriege erfolgte am Ehrenmal in der Ladelunder Dorfstraße. Im Pastorat warteten eine lange Reihe von Ehrengästen mit Grußworten auf. Generalkonsul Dr. Fürsen dankte Pastor Stuck für die zu Herzen gehende Predigt und nahm Bezug auf den Leitspruch der Gedenkstätte: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Er wertete diesen Satz, der auch für die in Ladelund ums Leben gekommenen Gefangenen gelte, als „Anfang eines Glaubensbekenntnisses jeder Demokratie.“ Ard Kleijer erinnerte als stellvertretender Bürgermeister der Stadt Putten an den im Mai 2015 durchgeführten Staffellauf von Putten nach Ladelund, der sowohl in den Niederlanden als auch in Schleswig-Holstein lebhafte Resonanz gefunden hatte und für alle Läufer eine einzigartige Erfahrung gewesen sei, hätten doch einige Teilnehmer zum ersten Mal am Grab ihres Groß- oder Urgroßvaters gestanden.

Im Dokumentenhaus der Gedenkstätte wurde die internationale Begegnung bei einer „Kopje Koffie“, anregenden Gesprächen und zwei kurzen Filmen fortgesetzt. Je einen von diesen hatten Puttener Jugendliche und die Ladelunder Pfadfinder gedreht. Danach begaben sich viele der Versammelten nach Karlum, um einer von Dr. Karin Tuxhorn in der St. Laurentius-Kirche getätigten Lesung beizuwohnen. Sie las aus dem im Jahre 1938 erstmals veröffentlichten, von Kressmann Taylor verfassten Buch: „Adressat unbekannt.“ Der Text zeigte auf, dass Mitgefühl der Motor für eine erfolgreiche Versöhnungsarbeit sein kann.

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