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Nordfriesland Tageblatt

21. Oktober 2017 | 05:32 Uhr

Andere Länder, andere Riten an Heiligabend

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Für den gebürtigen Polen Gerard Rzaniecki gehört Fasten zur Weihnachtszeit, Ingeborg Stoermer denkt in den USA gerne an köstliche Weihnachts-Mahlzeiten in Niebüll zurück

Viel Wert auf Weihnachtsriten seiner Heimat legt Gerard Rzaniecki, Pfarrer der katholischen Gemeinde St. Gertrud. Während für viele hier die Weihnachtszeit mit reichhaltigem und viel Essen verbunden ist, gehört für den gebürtigen Polen traditionelles Fasten zur Weihnachtszeit dazu. Das bedeutet: kein fettiges Essen, kein Fleisch, kein Alkohol, keine Süßigkeiten – besonders nicht an Heiligabend. „Ich möchte konzentriert für meine Gemeinde da sein und den Menschen dienen“, sagt Rzaniecki. Gottesdienst oder Christmette mit vollem Bauch abhalten, das kommt für den Pfarrer nicht in Frage. Er selbst wird die Weihnachtsfeiertage bei den Gemeindegliedern auf Föhr verbringen, für die Gläubigen in Leck, Niebüll und auf Amrum, die auch zur Pfarrgemeinde gehören, bekommt er Unterstützung von Gastpfarrern.

Auf seinem Speiseplan steht höchstens eine leichte Fisch- oder Pflaumensuppe, „damit ich mich auf die Freude konzentrieren kann“. Und freuen dürfe er sich an Heiligabend gleich zwei Mal, nachmittags zum Gottesdienst mit Krippenspiel und abends zur Christmette. Zwischen den Gottesdiensten wird er sich zurückziehen, Musik hören und die Stimmung genießen, er habe für den Heiligen Abend bewusst keine Einladungen angenommen. „In Polen gehören der 24. und 25. Dezember der Familie“, berichtet er. Seine Eltern und Geschwister werden an Heiligabend in Nordpolen beisammen sein – und auch ihm einen Platz an der Weihnachtstafel einräumen. Denn fester Bestandteil des polnischen Weihnachtsessens ist ein zusätzliches Gedeck, das an Familienmitglieder in der Ferne und die Verstorbenen erinnern soll, derer man an diesem Tage besonders gedenkt – und für den Fall, dass ein unerwarteter Gast oder Bedürftiger an die Tür klopft. „Das erinnert auch daran, dass für die Heilige Familie kein Platz in der Herberge war.“

Gefastet wird in vielen polnischen Familien am Heiligabend bis zum Abendessen, das möglichst aus zwölf Gängen besteht, symbolisch für die zwölf Apostel. „Auch eine Tasse Kaffee, eine Süßigkeit vom Baum oder die Oblate können ein Gang sein.“ Die Teilung einer geweihten Oblate – als Zeichen der Versöhnung, der Liebe, der Freundschaft und des Friedens – ist laut Pfarrer Rzaniecki ein wichtiges Weihnachtsritual in Polen. Jeder bricht sich ein Stückchen der Oblate ab und teilt sie mit allen Anwesenden, wobei man sich gegenseitig die Erfüllung aller Wünsche ausspricht. Zudem ist der Tannenbaum wichtig: „Zum einen ist Grün die Farbe der Ewigkeit, zum anderen stellt der Tannenbaum eine Brücke zwischen dem Alten und dem neuen Testament dar, von Adam und Eva und dem Sündenfall im Paradies und der Geburt Jesu als Erlöser.“ Traditionell gehören in Polen Süßigkeiten, Äpfel, bunte Kugeln und selbstgebastelte Papierketten an den Baum.

Ingeborg (Nina) Stoermer, gebürtige Hjuler, ist Niebüllerin, lebt aber heute in Lombard, nahe Chicago/USA. Sie erzählt, wie sie Weihnachten feiert und erinnert sich auch an die nordfriesische Weihnacht in ihrer Kindheit. „Ich wanderte im Sommer 1963 nach Amerika aus. Das sind nun schon 52 Jahre. Wie die Kinder noch klein waren, oder später von der Uni Weihnachtsferien hatten, haben wir immer Heiligabend unser Weihnachtsessen und Bescherung gehabt. Während all dieser Jahre waren wir nur ein Weihnachten –1966 – in Deutschland, aber leider nicht in Niebüll, sondern in Zella Mehlis/Thüringen bei meinen Schwiegereltern. Im Januar 1967 ging es hoch nach Niebüll. Dort wurden dann auch mein Mann Hermann und ich kirchlich getraut, und unser Sohn Markus (1) wurde getauft.

Weihnachten wird auch hier in Amerika toll gefeiert. Heiligabend gehe ich jetzt immer zur Kirche, wie wir es ja auch als Kinder in Niebüll taten, allerdings war es nachmittags. Seit vielen Jahren singe ich „Stille Nacht, heilige Nacht“ solo auf Deutsch in der Kirche, und dann singt es die Gemeinde auf Englisch. Die letzten zwei Jahre sang nun des Pastors Tochter mit mir (sie die 1. Stimme, ich die Alt-Stimme). Aber dieses Weihnachten ist sie nicht da, und so werde ich dann auch nicht singen. Bis ich wieder zu Hause bin, ist es beinahe 21 Uhr, und dann bleibe ich lieber in meinem Haus. Am Weihnachtstag – wir haben hier ja nur einen – kommt dann mein Sohn Markus mit seiner Familie, und wir haben immer einen schönen Nachmittag zusammen. Dieses Jahr gibt es wieder Rouladen, das mögen meine beiden Enkel, John 18 und Joey 16, sehr gern. Alle Leute dekorieren drinnen und draußen sehr viel. Wir haben ja auch in Chicago einen riesengroßen „Christkindl Markt“. Und dann nach Weihnachten fangen ja die großen Verkäufe an, wo alles zum halben Preis angeboten wird.

Ich denke noch oft an Jahre zurück, wo wir Heiligabend (nachmittags) in der Niebüller Kirche waren und dann eine wunderschöne Mahlzeit zu Hause hatten – von unserer lieben Mutter gekocht – und dann wurde natürlich mit der Bescherung angefangen. Wir sahen zum ersten mal den geschmückten Weihnachtsbaum, sangen einige Weihnachtslieder, und dann gab es die Geschenke. “

Pfarrer Gerard Rzaniecki legt für das Weihnachtsfest noch nahe: „Keine Erwartungen haben, sondern das Warten zelebrieren. Neugierig sein, hungrig sein – auch im übertragenen Sinn – und sich überraschen lassen.“ Geschenke sollten seiner Meinung nach wortwörtlich als Präsente verstanden werden: „Wir sollten präsent, also anwesend sein und Gaben nicht materiell bewerten. Etwas Persönliches wie ein selbstgeschriebenes Gedicht zeigt viel eher, dass wir an den anderen gedacht haben.


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