Kleingarten-Idylle : Anbauflächen zu Wohlfühl-Oasen

Viele Gestaltungsmöglichkeiten: Im Garten von Gabriele Behrendt steckt viel Liebe und Arbeit. Fotos: Stephan Bülck
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Viele Gestaltungsmöglichkeiten: Im Garten von Gabriele Behrendt steckt viel Liebe und Arbeit. Fotos: Stephan Bülck

Einst dienten die Kleingartenanlagen in Niebüll der Versorgung ganzer Familien. Heute ist die Aufzucht von Gemüse Nebensache. Die Gärten dienen der Geselligkeit und Erholung, sind ideale Plätze für Kinder. Dennoch sinkt das Interesse.

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08. August 2008, 07:16 Uhr

Niebüll | "Als Kinder sind wir hier auf einem Feldweg entlang zur Wehle gelaufen", erinnert sich Hans Krämer. "Da war hier noch keiner." Das hat sich inzwischen geändert. Auf dem fünf Hektar großen Areal zwischen Malmesbury-Park und Mühlenstraße ist ein Kleinod entstanden. Hier hat sich in den ersten Jahren nach Kriegsende der Kleingartenverein angesiedelt. "Vor dem Krieg gab es in Niebüll mehrere Anlagen", sagt Hans Krämer. Der 77-Jährige ist zweiter Vorsitzender der Gemeinschaft.

Die Gartenanlage wuchs - peu à peu. "Zuerst wurde eine Wiese in Parzellen aufgeteilt und der eine oder andere Zaun gepflanzt." Schließlich beherbergte das Gelände, es befindet sich im Eigentum der Stadt, stolze 110 Gärten - zwischen 200 und 400 Quadratmeter groß.
"Da haben die Leute von gelebt"
Die Kleingartenkolonie entstand in Zeiten, die alles andere als rosig aussahen. Gemüse und Obst einkaufen - und das bei der Größe damaliger Familien - das konnte sich kaum jemand leisten. Also wurde angepflanzt und gesät, was das Zeug hielt, das Angebaute sorgsam gepflegt. "Da haben die Leute von gelebt", sagt Hans Krämer.

"Das Bild hat sich gewandelt", sagt Gabriele Behrendt. Sie ist die Vorsitzende des Vereins und beklagt die mangelnde Bereitschaft einiger Pächter, sich zu kümmern. "Obwohl die meisten viel mehr Zeit als früher zur Verfügung haben, pflanzen sie kaum noch was an." Ja, zuerst sei das Interesse noch da. "Doch das lässt schnell nach." Kaum jemand wisse noch die Freude darüber, etwas selbst Angebautes aus dem Boden zu ziehen, zu schätzen. "Die Lebensmittel sind im Grunde genommen durch die Subvention der Landwirtschaft immer noch zu billig", meint Hans Krämer. "Da sagen sich viele: Warum mache ich mir überhaupt erst die Mühe?".
Berührungsängste
Dabei ist die Pacht eines Kleingartens, inklusive der Mitgliedschaft und einer Umlage, mit 70 bis 80 Euro/pro Jahr, je nach Größe, verhältnismäßig erschwinglich."Das muss man mal auf den Monat umrechnen", sagt Hans Krämer. Und auch der Arbeitsaufwand halte sich in Grenzen. "Wer jeden Tag zwei Stunden was tut, der hat seinen Garten in Schuss." Allerdings muss jeder Pächter einen Anteil an gemeinschaftlicher Arbeit leisten, beispielsweise dabei helfen, die Wege sauber halten oder Zäune schneiden. Das macht ganze sechs Stunden aus - auf das Jahr verteilt wohlgemerkt. Doch damit scheinen einige der Kleingarten-Pächter überfordert zu sein. Gabriele Behrendt: "Es ist schade, aber viele kommen nicht zu den gemeinsamen Arbeitsstunden." Die 53-Jährige will noch einen anderen Grund für das Desinteresse von Familien an Kleingärten ausgemacht haben. "Ich denke, die junge Generation hat vielleicht Berührungsängste." Eine Sorge von Familien sei es, dass sich die Kinder nur eingeschränkt bewegen dürften. "Das ist hier nicht so", versichert Hans Krämer. "Kinder gehören in die Anlage."

Noch mehr Kopfzerbrechen bereitet der Vereinsvorsitzenden die vorkommende, schlechte Zahlungsmoral. "Ungefähr fünf Prozent zahlen ihre Beiträge schleppend oder gar nicht." Viel Arbeit, Lauferei und hohe Mahn- und Anwaltskosten seien die Folge, denn ohne diesen letzten Schritt komme der Verein in besagten Fällen nicht zu den dringend benötigten Beiträgen. "Das sind so Sachen", seufzt die Vorsitzende kopfschüttelnd, "aber das scheint in Mode zu sein."
Treffpunkt der Generationen
Es hilft nichts. Inzwischen werden nur noch 80 Kleingärten bewirtschaftet. Die übrigen wurden aufgegeben, liegen brach. "Wir wollen die Anlage verkleinern", sagt Hans Krämer und bedauert das. "Dabei haben wir hier ein Kleinod mit einem hohen Erholungswert", ergänzt Gabriele Behrendt. Ein Plan schwebt den beiden Vorstandsmitgliedern vor: "Es gibt immer noch Kinder, die nicht wissen, wie Gemüse wächst. Wir würden gerne in die Schulen gehen, ihnen anbieten, eine Parzelle kostenlos zu nutzen, damit sie hier ihren Unterricht abhalten oder beispielsweise einen Kräutergarten anlegen. Bedingung ist natürlich, dass der Garten gepflegt wird. Das wäre doch eine schöne Sache." So könnte sich die Kleingartenanlage zu einem Treffpunkt der Generationen entwickeln. Gabriele Behrendt: "Viele Menschen aus den Seniorenheimen kommen schon jetzt hier zu einem Schnack über den Zaun vorbei, wollen sich einfach mal unterhalten und suchen nach Abwechslung in ihrem Lebensrhythmus."

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