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Nordfriesland Tageblatt

20. August 2017 | 04:51 Uhr

Als Radio-Mitarbeiterin in Togo

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Seit sechs Monaten arbeitet die 19-jährige Niebüllerin Emily Wilbrand im Rahmen eines Freiwilligendienstes in Afrika

Emily Wilbrand, 19 Jahre alt, traute sich etwas. Die Niebüller Abiturientin entschloss sich, ein Jahr in Afrika zu leben und zu arbeiten. Über ihre Erlebnisse in der fremden Welt berichtet sie im Nordfriesland Tageblatt.

„Letztes Jahr stand ich wie viele tausend andere Schüler vorm Abitur. Dadurch blieb wenig Zeit nach links und rechts zu schauen. Theoretisch hätte ich weiter stur geradeaus fahren können, Studium direkt beginnen, um möglichst schnell ins Berufsleben zu verschwinden. Aber ich habe mich anders entschieden: Der Entschluss, einen Weltwärts-Freiwilligendienst in Westafrika zu machen , war der beste, den ich hätte treffen können. Seit sechs Monaten lebe ich nun schon in dem französischsprachigen Togo. In meinem Projekt arbeite ich in einem Radiosender, wo ich jeden Tag Nachrichten aus aller Welt zusammenstelle und um Punkt zwölf live präsentiere. Außerdem habe ich vor kurzem mit einer eigenen kleinen Sendung angefangen, in der ich naturwissenschaftliche Fragestellungen mit einfach verständlichen Erklärungen beantworte. 90 Prozent der Einwohner Togos hören regelmäßig Radio, daher kann man sagen, dass meine Arbeit einen Beitrag zur Sensibilisierung und Aufklärung der Bevölkerung leistet.

Wow, ich, ein kleiner Weltverbesserer. Mit Nichten. In einem Freiwilligendienst geht es nicht darum, Entwicklungshilfe zu leisten. Im Gegenteil. Meistens befinde ich mich auf dem Platz des Lernenden. Ich habe außerdem festgestellt, dass das Projekt dem Ganzen zwar einen sinnvollen Rahmen gibt, aber ich eigentlich wegen etwas anderem hier bin: Erfahrungen, Erfahrungen und nochmals Erfahrungen. Bis jetzt habe ich in dieser völlig fremden Kultur so viele neue Eindrücke gewonnen, neue Freundschaften geknüpft . In meinem Projekt bleibt mir viel Zeit, die Dinge zu machen, auf dich ich einfach Lust habe. Oft gehe ich in die Stadt, um bei einem Straßenkünstler zu malen. Oder ich mache Ausflüge und Reisen in die wunderschöne westafrikanische Natur. Eine schöne Zeit zu haben ist zwar ganz nett, aber für die schwierigen Situationen und Hindernisse, die ich bis jetzt erlebt und überwunden habe, bin ich mindestens genauso dankbar. In einem fremden Land bin ich insbesondere am Anfang außerhalb meiner Komfortzone. Für mich bedeutet das, nicht zu wissen, wie der Hase läuft, oft falsch zu liegen und angestrengt von dieser anderen Kultur zu sein. Bei meiner Arbeit hatte ich einige Probleme mit meinem Chef, die unter anderem durch unsere kulturellen Unterschiede entstanden sind. Ich bin zum Beispiel nicht an so eine hierarchische Ordnung gewöhnt. Von mir als junge weibliche Freiwillige wird hier erwartet, dass ich nicht so viele Fragen stelle und nicht so direkt sage, was ich möchte. Während dieser Zeit voller Herausforderungen habe ich mich im Affekt manchmal nach Hause gewünscht, da wo ich alles kenne. Aber gerade dadurch, dass ich irgendwie mit der Situation umgehen musste, habe ich sehr viel über mich selber und andere Menschen gelernt. Heute fühle ich mich viel resistenter und verständiger als vor meiner Ausreise.

In meiner Gastfamilie lebe ich ohne fließend Wasser oder Küche (es gibt bei uns nur eine Feuerstelle und einen Kurbelbrunnen). Ich bekomme mit, wie Krankheiten nicht richtig behandelt werden können oder dass junge Menschen nicht gut ausgebildet werden können, weil das Geld fehlt. Durch diese täglichen Erfahrungen schätze ich Deutschland heutzutage viel mehr wert! Ich wusste schon vorher, dass wir in einer Luxusblase leben. Aber richtig verstehen kann ich das erst durch diesen Freiwilligendienst.

Den Rahmen für dieses außergewöhnliche Jahr gibt mir das staatlich geförderte Programm Weltwärts und die Entsendeorganisation Eine Welt Netz NRW e.V. in Münster.

Wenn ich in sechs Monaten Togo wieder verlasse, um anzufangen zu studieren, werde ich wieder auf die Karriereautobahn fahren. Von da an werden mich aber meine neuen Erfahrungen begleiten, die mich den Rest des Weges für immer mit anderen Augen sehen lassen werden.“

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erstellt am 21.Feb.2017 | 16:00 Uhr

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