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Handwerker auf der Walz : Abschied nach altem Brauch

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Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Mit Hut, Schlaghose und Charlottenburger: Zimmermann Jorge Payse (20) tippelt ab sofort als Zimmermann durch die Lande

shz.de von
erstellt am 04.Nov.2014 | 05:00 Uhr

Zuerst floss manch hochgeistiger Tropfen ins Glas und auf die Zunge. Anschließend flossen Tränen. Ja, und dann nahm der frischgebackene Zimmerergeselle Jorge Paysen (20) von seiner Familie und seinem nordfriesischen Heimatdorf Abschied, um für drei Jahre und einen Tag auf die Walz zu gehen, wie man die traditionelle Wanderschaft der Zimmerleute seit dem Mittelalter nennt.

Die Tippelei wird den jungen Burschen an ferne fachliche und weltliche Horizonte führen – zuerst an solche im deutschen Sprachraum und danach vielleicht in andere Kontinente. Bevor er auf die Wanderschaft startete, wurde am Abend vorher Abschied gefeiert. In einer Halle seines Ausbildungsbetriebs, der Zimmerei Hasselbrink am Kornkuugswäi, hatten sich 150 Personen versammelt – Freunde aus seiner Umgebung und aus seinem Metier. Es ging fröhlich dabei zu, „auch feuchtfröhlich“, wie Mutter Hilke berichtete.

Am Sonntag gegen 12 Uhr mittags versammelte sich eine nahezu genau so große Gesellschaft am Betrieb Hasselbrink, um dem jungen Gesellen hinterher zu winken. Kornkuugswäi, Dorfstraße, Risum: Seine vertraute Umgebung war schnell in den heimatlichen Horizont abgetaucht. Erstes Tagesziel war Hamburg. Eine Karte und eine Liste der Herbergen, in denen Wandergesellen nächtigen können, befand sich in seinem Gepäck.

Was er auf den Wanderschaft an und mit hat, erregt Neugierde. Von oben nach unten gesehen sind es der Hut, die Weste mit der Staude (Hemd) und dem hochgeschlagenen Kragen darunter, die Ehrbarkeit (Schlips/Bändel) um den Hals, das Jackett, die (Schlag-)Hose, den Charlottenburger umgehängt (Tuch mit allerlei Inhalt) und den Stenz (Wanderstab) in der Hand, den sich Jorge aus dem Langenberger Forst geholt und zurechtgeschnitzt hat.

Bei der Betrachtung wird deutlich, dass Tippelei und Walz traditionellen Regeln entsprechen – Bräuchen, wie man sie nur dort kennt, wo Deutsch gesprochen wird und vielleicht auch bei den französischen Nachbarn antrifft. Alljährlich, heißt es, seien einige hundert Gesellen unterwegs. Das in der Zunft geltende Reglement verlangt, dass der Wandergeselle nicht älter als 30 Jahre sein darf, den Gesellenbrief in Tasche haben, ledig , schuldenfrei und unbescholten sein muss. Wandergesellen sind in der Regel in sogenannten „Schächten“ (Gesellenvereinigungen) organisiert. Geltende Regeln müssen einerseits eingehalten werden, schaffen andererseits aber auch einigen Schutz. Gleichwohl gilt bei den Wandergesellen Freiheit und Selbstverantwortlichkeit. Symbolhaft dafür steht ihre Kluft in Schwarz und Weiß, die sie deutlich von den Mitmenschen unterwegs abgrenzt.

Vor dem Start oder „Losbringen“ verpflichten sich die Gesellen zur Einhaltung dreier Grundregeln. Das sind das Tragen der eben erwähnten Kluft, die Dauer der Wanderschaft und die „Fremdschreibung“, nach der sie dem Heimatort nicht als 50 Kilometer nähern dürfen. „Ein Handy darf er auch nicht mithaben“, sagt Mutter Hilke Paysen. „Aber telefonieren darf er wohl“, ist sie einigermaßen beruhigt. Jorge Paysen hat sich die Wanderschaft gewünscht. Sein Bruder, ebenfalls Zimmermann, hält nichts davon. Vater Alfred Paysen, auch Zimmerer von Beruf, respektiert die Position beider Söhne. Wenn Jorge heimkehrt, wird er sich auf die Suche nach einer Freundin machen. Die hat er sich vor dem Start ins Ungewisse versagt. „Alles hat seine Zeit“, sagte er sich und wischte sich die Tränen ab, die übrigens auch Eltern, Großeltern und Freude vergossen.

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