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Nordfriesland Tageblatt

12. Dezember 2017 | 13:56 Uhr

Lebenswerk : 2000 Seiten voller Zeitgeschichte

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Der Chronist Manfred Clausen (86) aus Leck interessiert sich seit seinem 14. Lebensjahr für die Geschichte seiner Region.

von
erstellt am 08.Aug.2014 | 06:45 Uhr

9. September 1923: Geld ist knapp – oder in Hülle und Fülle vorhanden – wie man es auch sehen möchte. Die Inflation beschert der Bevölkerung immer mehr Scheine, deren Nennungen ins Astronomische klettern. In Leck findet eine Vorführung von kalt- und warmblütigen Pferden im Gespann statt. Um 14 Uhr beginnt das „Schön- und Hindernisreiten“. „Bis zum 25. August haben sämtliche `Kreiseingesessenen´ Zeit, sich bei Tierarzt Dr. Carstensen anzumelden“, heißt es in einem Zeitungsbericht. Da niemand das wertlose Geld mehr haben möchte, wird in Naturalien bezahlt. „Die Nennungsgebühr richtet sich nach der ersten Septembernotierung für Roggen an der Hamburger Börse: Für Warmblut, zweispännig, 40 Pfund Roggen; für Warmblut, einspännig, 25 Pfund Roggen; für Kaltblut, zweispännig, 30 Pfund Roggen; für Kaltblut, einspännig, 20 Pfund Roggen. Ist die Zahlung nicht am 5. September erfolgt, muss der Tagespreis am Zahltage erhoben werden.“

Diese Auszüge aus dem Lecker Anzeiger vom 14. August 1923 sind ein Zeitdokument – enthalten in der „Chronik des Reit- und Fahrvereins Südtondern“. Der Ordner ist wiederum Teil der heimatkundlichen Sammlung von Manfred Clausen aus Leck. Als Mitglied einer Besuchergruppe war der heute 86-Jährige im Oktober 2004 bei der Besichtigung der Anlagen und Stallgebäude am Schmörholmer Weg auf erstes Material gestoßen. Wöchentlich besuchte Clausen von da an zwischen November 2004 und Juli 2005 das Husumer Kreisarchiv, vervollständigte das bis dahin erst ab 1992 lückenlos vorhandene Material, durchstöberte die Ausgaben des Lecker Anzeigers, der Südtondernschen Zeitung, des Südtondern-Tageblatts und des Nordfriesland Tageblatts. Herausgekommen ist eine einzigartige Sammlung. In vier Abschnitten unterteilt dokumentiert er auf 274 eng beschriebenen und bebilderten Seiten die Geschichte des Reit- und Fahrvereins zwischen 1920 und 1999. Die Arbeit, die Manfred Clausen in das Werk gesteckt hat, ist unverkennbar und doch kaum zu würdigen. Man glaubt nicht, dass er lediglich ein halbes Jahr benötigte, um all die Informationen zusammenzutragen. Und doch ist es so. „Ich habe die alten Zeitungsartikel kopiert und dann abgeschrieben“, sagt er. „Nur dann behalte ich es auch.“

„Die Geschichte des Reit- und Fahrvereins ist auch eine Geschichte über die Nutzung der Pferde in unserer Heimat“, schreibt Clausen in seiner Chronik. „Südtondern war eines der Kerngebiete der Zucht des Pferdes der Rasse „Schleswiger Kaltblut“, das vor der Motorisierung eine herausragende Rolle in der Landwirtschaft spielte. Der Arzt besuchte seine Patienten hoch zu Ross oder mit dem Kutschwagen, der Fuhrmann hatte seine wöchentliche Tour von Leck nach Tondern, nach Husum und nach Flensburg, um die örtlichen Händler mit Waren zu versorgen, und auch der Polizist aus Achtrup kontrollierte die ihm anvertrauten Dörfer als Reiter, den langen Säbel an der Seite. „Die Pferdezucht war damals ein bedeutender Wirtschaftsfaktor für die hiesige Bevölkerung. Ein Landwirt hatte häufig eine Stute und zwei Fohlen, die dann weiterverkauft wurden.“ Pferde waren in der Landwirtschaft nach 1920 noch unangefochten für weitere 40 Jahre die Zugtiere. Es war zumeist das „Schleswiger Kaltblut“, ein mittelschweres Pferd, das vor dem Pflug und Ackerwagen unentbehrlich war, aber auch vor der Kutsche, dem „Federwagen“, beim flotten Trab eine gute Figur machte.

Auch Manfred Clausen war als Kind bei den Veranstaltungen zu finden, hielt sich bei den Stuten und Fohlen auf und verdiente sich fünf Groschen. „Ich war stolz, dass ich sie rumführen durfte.“ Zu den Reit- und Fahrturnieren versammelten sich damals 4000 bis 6000 Besucher, die mit Sonderzügen herangekarrt wurden. Das Interesse am Schleswiger Kaltblut aber schwand mit der Motorisierung, und fortan gab es nur noch kleine Hallenturniere. Fahrturniere entfielen zunächst gänzlich.

Manfred Clausen war nie Mitglied des Reit- und Fahrvereins. Sein Interesse für die Materie ist rein privater Natur. „Ich bin aus freien Stücken heimatkundlich interessiert“, sagt er. „Ich möchte ein Stück Zeitgeschichte erhalten, die Atmosphäre von damals darstellen.“ Mit 14 Jahren fing er an zu sammeln, bis heute. Seit 1990 ist er im Ruhestand. „Meine Quellen sind alte Zeitungen, häufig bringen die Leute mir auch etwas, Dokumente und auch Fotos. Ich habe viele Vorgänger, auf die ich mich beziehen kann.“ Unter den Zeitzeugen sind auch Feldpostbriefe. „Sie sind häufig sehr bewegend, einige wurden vom Sterbebett aus geschrieben.“

Im Laufe der Jahre entstanden 477 Objekte, mal kurze Abhandlungen von einer Seite Länge, mal umfassende Chroniken. Unter anderem verfolgte er die Geschichte des ehemaligen Kaufmanns in Tinningstedt bis in das Jahr 1860 zurück. Eines ist ihm bei seiner Arbeit bewusst geworden: „Wir sollten froh sein, dass es uns heute so gut geht und dass wir in der Lage sind, anderen helfen zu können.“ Seine Reitvereinschronik hat er seinerzeit dem Verein geschenkt. Und genau das ist auch seine Devise: „Ich gebe alles, was ich erarbeitet habe, weiter. Ich sitze nicht drauf. Jeder, der etwas möchte, bekommt es auch.“ So steuert er auch vieles für die Facebook-Club-Seite „Leck früher und heute“ bei. „Ich hoffe, dass diese Zusammenfassungen der Notizen und Berichte vielen Bürgern Freude machen.“

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