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Nordfriesland Tageblatt

25. September 2017 | 01:12 Uhr

Hilfsaktion : 20 Jahren aktiv für Tschernobyl

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Frauke und Paul Martin Nissen sind auf Spenden angewiesen, um Kinder aus der Ukraine weiterhin helfen zu können

von
erstellt am 02.Jun.2015 | 05:00 Uhr

2016 jährt sich die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl zum 30. Mal. Am 26. April 1986 kam es in Block 4 des Kernkraftwerks zu einer Explosion. Große Mengen an radioaktiver Materie wurden freigesetzt – mit verheerenden Folgen für Menschen, Tiere und die Umwelt. Auch wenn Alexander Lukaschenko, seit 1994 Weißrusslands Präsident, das Land mittlerweile für „sauber“ erklärt hat, sieht die Realität doch anders aus. Frauke Nissen: „Das Land ist und bleibt verstrahlt.“ Mindestens 14 Generationen werden die gesundheitlichen Folgen der Radioaktivität zu tragen haben. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Paul Martin setzt sich die heute 65-Jährige seit 20 Jahren für Kinder und Jugendliche aus der betroffenen Region ein, reist immer wieder nach Pinsk, um vor Ort zu helfen. „Hilfe zur Selbsthilfe ist unser wichtigstes Anliegen“, sagt sie. „20 Jahre – es ist uns ein Bedürfnis, auf diesem Wege allen zu danken, die uns über die Jahre immer wieder unterstützt haben – mit Summen von einem Euro bis hin zu Großspenden.“

Was ist aus den Plänen und Hoffnungen von 1995 geworden? Was wurde realisiert? Was blieben Träume? Mit der Gründung des Kinderschutzhauses in Pinsk – hierzu gehört auch eine Suppenküche – ist einer der Herzenswünsche Realität geworden. Vor 15 Jahren wurde das Projekt ins Leben gerufen. Etwa 70 Kinder und Jugendliche aus zerrütteten Familien finden hier täglich Ansprechpartner. Sie bekommen dort nicht nur zu essen oder Hilfe bei den Hausaufgaben, sie erleben auch schöne Momente. Hier haben sie ein Zuhause, erfahren auch menschliche Wärme, bekommen psychologische Betreuung und Hilfe bei sonstigen Fragen, wie dem Gang zum Arzt oder ähnlichem. Die Betreuung in der eigens angekauften Wohnung im Zentrum von Pinks (Frauke Nissen: „Der zunächst geplante Kauf eines Hauses auf dem Lande – also weit weg von der Zielgruppe – hätte einfach keinen Sinn gemacht“) übernehmen Projektleiterin Irena Awarin sowie Mitglieder des neu gegründeten Vereins „Unsere Kinder“. „Alle arbeiten ehrenamtlich“, sagt Frauke Nissen.

Zur Randgesellschaft gehören in Weißrussland immer noch Alte, Kinder und sozial Benachteiligte. „Man darf sie nicht in Stich lassen“, sagt die Niebüllerin. „Wir hätten uns den Weg leichter machen können, indem wir hin und wieder den einen oder anderen Schein über den Tisch geschoben hätten. Das ist dort üblich. Aber das wollten wir nicht. Also war unser Weg länger und schwerer, aber wir sind stolz darauf, dass wir es auch so geschafft haben.“ Gegen alle Widerstände. „Wir wurden von den Lehrern zunächst als Störenfriede angesehen. Denn es wäre einfacher gewesen, hör- und sprachbehinderte Kinder in Heime abzuschieben, statt sich um sie zu kümmern. Wir mussten sehr für die Kinder kämpfen.“ Gewachsen ist das Vertrauen zu den Behörden. Lange haben Frauke und Paul Martin Nissen um Anerkennung gerungen. Im Wege standen ihnen dabei die gehörigen Mentalitätsunterschiede. Seit etwas fünf Jahren haben sich die Kontakte zu dem Schulamt und dem Gesundheitsamt spürbar verbessert.

Vom 22. Juni bis zum 16. Juli kommen noch einmal 19 Kinder aus der Tschernobyl-Region nach Niebüll. Aber es wird wohl das letzte Treffen dieser Art hier sein, es sei denn, es finden sich Sponsoren, die die vierwöchigen Aufenthalte in Niebüll übernehmen. Frauke Nissen erklärt auch, warum: „Diese Aufenthalte sind für die Kinder und Jugendlichen sehr hilfreich und wichtig, aber sie sind auch sehr teuer.“ Für diese Aktion sowie die Arbeit in Weißrussland reicht das Geld nicht mehr aus. Man müsse sich entscheiden, Prioritäten setzen. „Mir ist es daher noch wichtiger, den Kindern vor Ort intensiver zu helfen. Wir sind auch weiterhin auf Spenden angewiesen“, sagt Frauke Nissen. „Das Projekt ist mein bester Lehrmeister, beispielsweise in den Bereichen Selbstwertgefühl und Dankbarkeit.“ Was die Arbeit für sie und ihren Mann bedeutet, sagt sie mit diesen Sätzen: „Wir haben lebenslänglich. Wir geben nicht auf – niemals, und wir machen solange weiter, wie wir es gesundheitlich irgendwie schaffen und freuen uns über jeden, der uns hilft.“

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