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09. Juli 2015, 12:25 Uhr

Schulbegleiter oder Schulassistenz an Grundschulen – wo liegt der Unterschied? Wer hat welche Aufgaben? Wo geht der Weg hin? Vor diesen Fragen stand die Gemeindevertretung Leck in ihrer jüngsten Sitzung. Die Gemeinde als Schulträgerin hat die Beschlussfassung zum Thema Schulassistenz vorerst verschoben, bis das Land für mehr Klarheit in die Aufgaben des pädagogischen Zusatzpersonals gebracht hat. Jan Lietzau, Leiter der Grundschule an der Linde, versucht, Licht ins Dunkel zu bringen.

Sie geben keinen Unterricht und verteilen auch keine Noten. Was genau ist also die Aufgabe von den sogenannten Schulassistenten an Grundschulen?

Jan Lietzau: Ein Beispiel: Die Lehrer bringen den Kindern die Technik des Lesens bei. Um den Lernerfolg zu optimieren, helfen die Schulassistenten beim Lesenüben. Schulassistenten sollen sicherstellen, dass Schüler den größtmöglichen schulischen Erfolg haben. Dazu gehört auch Streit zwischen Schülern zu schlichten – das nimmt den Druck von den Lehrern und den übrigen Schülern, die sich auf andere Aufgaben konzentrieren können. Schulassistenten haben einen erzieherischen Auftrag auf professionellem Niveau.

Eigentlich sollten die zusätzlichen Schulassistenten, die das Land einsetzen will, bereits zum nächsten Schuljahr eingeführt werden. Wo liegt das Problem?
Es gibt Unklarheiten bei der Rollenbeschreibung. Die Abgrenzung von den Aufgaben der Schulbegleitung ist noch nicht eindeutig definiert.


Was ist der Unterschied?
Ein Schulbegleiter unterstützt ein einzelnes Kind, das als entsprechend hilfebedürftig eingestuft wird. Das kann zum Beispiel Hilfe bei Toilettengängen sein oder Unterstützung von Kindern mit starken emotionalen und sozialen Schwierigkeiten. Schulbegleiter werden von der Sozialbehörde des Kreises eingesetzt, die Schule hat keinen direkten Einfluss darauf. Wenn der begleitete Schüler umzieht, zieht auch die Schulbegleitung mit. Schulassistenten hingegen gehören zum System Schule, stehen im engen Austausch mit dem Lehrerkollegium und sind generell für alle Schüler zuständig, nicht nur für einzelne.

Braucht die Grundschule an der Linde Schulassistenten?
Ganz klar: Ja! Meine Wunschvorstellung: eine Schulassistenz pro Jahrgang, also für zwei Klassen. Das gibt es in diesem Umfang bereits in der Außenstelle Enge-Sande, finanziert von der Gemeinde. Und der Erfolg spricht für sich. Die Schüler und Kolleginnen genießen die zusätzliche Unterstützung. Auch in Leck haben wir bereits eine eigenfinanzierte Schulassistentin. Wir brauchen beides, Schulassistenten und Schulbegleiter, es kann nur ein „Zusätzlich“ geben, kein „Stattdessen“.

Schulassistenten sollen zur Inklusion beitragen. Wie wichtig ist dieses Thema an der Grundschule an der Linde?
Ich möchte, dass alle Kinder, die im Einzugsgebiet der Schulstandorte Leck und Enge-Sande wohnen, auch hier zur Schule gehen können und faire Bildungschancen haben. Kinder sind unterschiedlich. Ziel ist es, alle zum Lernen zu motivieren und sie zu befähigen, Verantwortung für ihr Lernen zu übernehmen. Dazu gehört auch, ihnen attraktive Alternativen anzubieten, damit sie nach ihren Fähigkeiten Erfolgserlebnisse erreichen können. Inklusion ist auch, alle Kinder sozial in die Schule zu integrieren.

Hier kommt die Schulsozialarbeit ins Spiel?
Genau. Ein Beispiel: Ein Kind kommt regelmäßig zu spät in die Schule. Wenn die Ursachen dafür im familiären Umfeld liegen, fällt die Organisation von Unterstützung für die Familie in den Bereich der Schulsozialarbeit. Sie stellt sicher, dass das Kind durch sein soziales Umfeld schulisch nicht benachteiligt wird. Im Bereich der Schulsozialarbeit arbeiten Grundschule und die Gemeinde Leck gerade an einem Konzept, Sozialarbeit in und außerhalb der Schule noch intensiver zu verbinden. Denn eine inklusive Schule funktioniert nach meinem Verständnis nur in einem inklusiven Ort.

Ist Leck auf dem Weg zum inklusiven Ort?
Es gibt in Leck viele Ressourcen und Familienangebote. Dazu gehören Einrichtungen wie Familie im Mittelpunkt, Sozialzentrum und die Hilfen über Tag, auch bekannt als „Wiki 44“. Letzteres ist ein verbindliches Angebot, das ein Teil unserer Schüler nutzt. Nach den Sommerferien sollen Schulsozialarbeit und Tageshilfen noch enger zusammenarbeiten und einander ergänzen. Fachkräfte des Diakonischen Werkes werden die Schulsozialarbeit und deren Vernetzung mit der Hilfe im Ort an unserer Schule kontinuierlich weiter entwickeln. Es ist mir nicht bekannt, dass diese Vernetzung anderswo in dieser Intensität so gut funktioniert.

Und warum funktioniert die Vernetzung in Leck so gut?
In Leck leiden wir nicht unter Kompetenzgerangel. Es geht allen um die Kinder. Die Institutionen stützen einander. Die Rahmenbedingungen stellt die Gemeinde. Bürgermeister und Gemeindevertretung kämpfen für uns und sind unglaublich engagiert, wenn es um das Thema Kinder geht.

Die Gemeinde Leck hat auch gerade die Fortführung der Mini-UNO-Klasse zugestimmt. Was steckt hinter diesem Begriff?
Der Begriff bezieht sich auf das Kartenspiel UNO und die „letzte Karte“. Diese Klasse besuchen Schüler mit massiven Schwierigkeiten im sozial-emotionalen Bereich. Die Klasse wendet sich an Schüler aus dem gesamten nördlichen Nordfriesland, allerdings kommen zwei Drittel aus Leck. Diese inklusive Maßnahme wird von Schulamt, dem Kreis Nordfriesland und der Gemeinde Leck unterstützt. Sie ist eine der oben genannten Alternativen, die Schülern hilft schulische Erfolge zu erreichen. Wir stellen die Räume und qualifiziertes Personal, mit dem Ziel, alle Schüler wieder in Regelklassen zu integrieren.

Schulbegleitung, Schulassistenz, Schulsozialarbeit, Mini-UNO-Klasse: „Früher ging das doch auch ohne dieses ganze Zusatzpersonal an der Grundschule.“ Ärgern Sie Sätze wie dieser?
Ob mich das ärgert, weiß ich gar nicht. Es stimmt, dass Grundschulunterricht früher anders war. Aber die Zeiten haben sich geändert. Und der Vergleich mit früher hilft uns nicht bei den Herausforderungen von heute. Ich glaube, wenn wir es schaffen, dass alle unsere Schüler gerne zur Grundschule gehen, haben wir viel erreicht, weil Bildung dann grundsätzlich positiv gesehen wird.


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