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09. Dezember 2017, 04:04 Uhr

Für die Sternenkinder werden am zweiten Adventssonntag auch im nördlichen Nordfriesland Kerzen angezündet. Denn immer am 10. Dezember wird den Mädchen und Jungen gedacht, die kurz nach oder schon vor ihrer Geburt sterben. „Ein Verlust, der dadurch so schwer zu ertragen ist, dass den Eltern die Erinnerungen fehlen, die so wichtig für die Trauerarbeit nach dem Verlust eines Kindes sind“, weiß Heike Behrens-Schulz, die für das Wilhelminen-Hospiz in Niebüll in der Kinder- und Jugendarbeit tätig ist. Ein Angebot für diese früh verwaisten Eltern gibt es in Niebüll noch nicht. Doch vor gut einem Jahr rief Ute Matthiesen eine monatliche Trauergruppe für verwaiste Eltern im Haus Underwood neben dem Wilhelminen-Hospiz ins Leben. Das Fazit der Trauerbegleiterin fällt nach dem ersten Jahr positiv aus. Höhepunkt war Ende Oktober eine Fahrt mit vier verwaisten Müttern, fünf verwaisten Vätern und drei Kindern, die ein enges Familienmitglied verloren haben, in den Harz, bei der auch Heike Behrens-Schulz und weitere Betreuer mit dabei waren.

In einem kleinen Ort nahe Seesen hatte die Gruppe ein altes Fachwerkhaus in der Natur ganz für sich. Ein geschützter Raum, mehrere Tage zusammen mit Menschen, die lernen müssen, mit einem vergleichbaren Schicksalsschlag zu leben. „Das bot eine ganz andere Nähe, eine Basis, die ermöglicht, das auszusprechen, was die Betroffenen sonst nicht äußern können, nicht mal in den Gesprächskreisen“, sagt Heike Behrens-Schulz.

„Natürlich sind viele Tränen geflossen, dennoch taten diese Tage auch so gut, sie haben Energie geschenkt und so viel Vertrauen wachsen lassen, die Gruppe ist richtig zusammen gewachsen“, sagt Ute Matthiesen. Und das auch in Gesprächen und bei Aktionen ganz ohne die Trauerbegleiter, zum Beispiel bei Gesprächen am Kamin, bei der Fertigung von Collagen in der Natur oder bei Gesellschaftsspielen. „Es gibt Situationen, da werden wir gar nicht gebraucht. Wichtig war, diesen besonderen Rahmen für den Austausch zu schaffen“, betont Heike Behrens-Schulz. Ein ganz wichtiger Bestandteil dieser Tage war das Kennenlernen – also das gegenseitige Vorstellen – der verstorbenen Kinder, der verstorbenen Mutter. „Das war sehr nah, sehr emotional“, beschreibt Ute Matthiesen. Dabei hat sie beobachtet, „dass die frisch Betroffenen so hungrig sind, zu erfahren, wie andere mit einem so großen Verlust in der ersten Zeit umgegangen sind, was gut getan und was geholfen hat.“

Möglich wurde diese kostbare Auszeit durch die NDR-Spendenaktion „Hand in Hand für Norddeutschland“, die in der vergangenen Weihnachtszeit den Hospizen gewidmet war. 8800 Euro gingen aus diesem Topf für die Harzfahrt nach Niebüll. Geld von den Kassen gibt es für ein so wichtiges Angebot der Trauerarbeit nicht. Auch die Gesprächsangebote des Wilhelminen-Hospiz vor Ort müssen durch Spenden finanziert werden. „Natürlich war am Ende der Wunsch groß, eine weitere Fahrt anzubieten – das würde ich in den kommenden Jahren auch sehr gerne tun“, sagt Ute Matthiesen, die hofft, dass sich dafür nochmal eine Finanzierung findet.

Ihre monatliche Trauergruppe besuchen im Schnitt sechs bis sieben verwaiste Eltern, auch schon mal zehn Mütter und Väter. „Größer sollte die Runde gar nicht sein“, sagt die Trauerbegleiterin, die vor 17 Jahren selbst ein Kind, ihren damals 21 Jahre alten Sohn verloren hat. „Viele können nicht verstehen, dass ich mich diesem schweren Thema so intensiv widme, aber es tut mir gut, ich bekomme so viel zurück“, sagt sie. Für die Trauerbegleitung sei es gut, selbst genau zu wissen, wovon die betroffenen Eltern sprechen. Ihre Trauergruppe trifft sich jeden zweiten Mittwoch im Monat von 19 bis 20.30 Uhr im Haus Underwood im Westersteig 6. Vor dem ersten Besuch der Gruppe bittet Ute Matthiesen um ein Gespräch unter der Telefonnummer 04661/ 6070755.

„Auch aus der Region Niebüll kommen immer wieder Anfragen von früh verwaisten Eltern. Gerne würden wir mittelfristig auch für sie ein Angebot schaffen – das sollte aber gut vorbereitet sein“, sagen beide Trauerbegleiterinnen. Bis dahin können für die Sternenkinder am 10. Dezember aber zumindest Kerzen angezündet werden.

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