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Norddeutsche Rundschau

24. November 2017 | 19:32 Uhr

Reportage : Zwischen Lammgeburt und Kuh-Magen-OP

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Mit Tiermediziner Dr. Sven Holland auf Visite: Der Schenefelder Tierarzt kümmert sich um totgeglaubte Hunde, Kuhgeburten und hustende Hannoveraner.

Strahlender Sonnenschein, frühlingshafte Temperaturen und ein zufriedenes Schmatzen: Das kleine Bullenkälbchen lässt sich die frische Milch aus dem Eimer schmecken. Einen Tag ist es alt – und putzmunter. Im Gegensatz zu seiner Mutter. Die Schwarzbunte frisst nicht, ist eingefallen, die Nachgeburt geht nicht ab.

Doch Hilfe lässt nicht lange auf sich warten. Dr. Sven Holland, Tiermediziner aus Schenefeld, hatte bereits einen totgeglaubten Dackel und zwei weitere Hunde in seiner Kleintierpraxis behandelt, bevor ihn der Anruf aus dem Kuhstall ereilte. Mit den richtigen Infusionen im Gepäck kommt er auf dem Milchviehbetrieb in Pöschendorf an. 300 von rund 117 000 Rindern im Kreis sind hier zu Hause.

Gründlich wird die Patientin abgehört und abgeklopft und per Hand von der Nachgeburt befreit, bevor sie Traubenzucker und Calcium für ihren gestörten Stoffwechsel bekommt – „bisschen Naschi“, wie der Landwirt sagt. Während die Infusion durchläuft, kontrolliert Sven Holland eine Stallkollegin, die er eine Woche zuvor besucht hatte: Bei der Rotbunten hatte er eine Labmagen-Operation durchgeführt, wobei der Labmagen mit wenigen Stichen von außen an der Bauchdecke befestigt wird. „Den Knoten kannst Du entfernen, der zwickt und zwackt sie ein bisschen“, weist er den Landwirt an. Ansonsten ist er zufrieden: „Die sieht schon wieder gut aus.“ Und auch seiner heutigen Patientin soll es bald besser gehen.

Ein paar Minuten später sitzt der gebürtige Hamburger wieder im Auto – und telefoniert mit „der Chefin“. Gemeint ist seine Assistentin Heinke Andersen. „Ohne sie würde nichts laufen, sie organisiert alles für uns“, erklärt er. Mit „uns“ meint er sich und seinen Kollegen Dr. Helfried Möller, mit dem er die Gemeinschaftspraxis seit elf Jahren betreibt. „Früher war ein Lebensmittelmarkt in dem Gebäude“, berichtet Holland. Danach haben er und sein Kollege die Räume von dem einstigen Betreiber des Marktes angemietet – „und die Frau gleich mit“. Dabei sei Andersen gar keine gelernte Tierarzthelferin, sondern kommt aus dem Finanzbereich. Ihr umfangreiches tiermedizinisches Wissen habe sie sich aus Interesse angeeignet. „Die Frau ist klasse!“, so Holland anerkennend.

„Wo muss ich hin?“, will er von Heinke Andersen wissen. „Nach Oldendorf – aber erst um 11 Uhr“, tönt es aus der Freisprecheinrichtung. Genug Zeit also, um schnell zu Hause nach dem Rechten zu sehen. Zwei Lämmer sind in den frühen Morgenstunden im heimischen Schafstall geboren. Zwar sind der kleine Skudden-Bock und seine Schwester wohlauf, aber Holland hatte sie noch nicht saugen sehen. Deswegen kontrolliert er, ob das Mutterschaf Milch hat. Mit geübten Handgriffen setzt er die Kleinen ans Euter und verhilft ihnen damit zu der wichtigen Biestmilch. Mission erfüllt, weiter geht es.

Dann führt es den Tierarzt weiter nach Oldendorf. Die Hannoveraner-Wallache Rodrigo und Lambrusco husten. Ihre Besitzerin Doris Lehmbeck vermutet, es liege an den Zähnen. Die beiden Dunkelbraunen leben ganzjährig im Offenstall an der frischen Luft – ganz ohne belastenden Stallmief. Sofort nimmt der Fachmann das Heu in der Raufe unter die Lupe. Treffer: Das Raufutter staubt verdächtig. „Du musst das Heu kräftig tränken“, rät er der 56-Jährigen, deren Tiere er bereits seit vielen Jahren begleitet. „Mach einen Gipskübel halb voll Wasser, Heu rein und drück den zweiten von oben darauf“, erklärt er. „Das Heu muss richtig unter Wasser sein.“ Von ihren eigenen vier Hektar Weideland stamme das Heu, erklärt Lehmbeck. Ein benachbarter Landwirt kümmere sich um das Mähen, Kehren und Pressen der Ballen, „als Gegenleistung gehe ich bei ihm Kühe melken“, so Lehmbeck.

Vorsichtshalber schaut Holland dem elfjährigen Rodrigo trotzdem ins Maul und tastet mit der Hand die hinteren Backenzähne auf Haken und scharfe Kanten ab. „Alles in Ordnung“, meint er und verabschiedet sich herzlich.

Weiter geht es zum nächsten Patienten auf Hufen. Der Isländer-Wallach Ragnar wohnt auf einem der zahlreichen Reiterhöfe, die Sven Holland zwischen Hademarschen und Kremperheide betreut. Aber auch viele Pferde, die hinterm Haus ihrer Besitzer gehalten werden, gehören zu den Patienten, ebenso Schafe, Hühner und Kleintiere aller Art. „Daneben muss aber noch Zeit für Knochen-OPs bleiben“, sagt der Mediziner. Chirurgische Eingriffe bei Kleintieren seien sein „Hobby“, so Holland augenzwinkernd. Natürlich nur da, wo sie medizinisch notwendig sind.

Der 15-jährige Ragnar und sein Besitzer erwarten den Tierarzt bereits. In der Vorwoche hatte dieser einen Verdacht auf Cushing bei dem Fuchswallach diagnostiziert. Die Hormonstörung basiert auf einer Überproduktion von Cortison durch die Nebennierenrinde. Aufgeschwemmtheit, schlechtes Haarkleid und große Trinkmengen sind die Folge. Um den Verdacht im besten Fall ausschließen zu können, nimmt Holland mehrere Blutproben. Daraus müssen innerhalb von einer Stunde verschiedene Bestandteile des Blutes per Zentrifuge herausgefiltert und eingefroren werden. Anhand der Untersuchung von Plasma und Serum kann Cushing festgestellt werden. Sind die Ergebnisse unauffällig, ermöglichen zusätzliche „reguläre” Blutproben eine weitere Ursachenforschung. Über Nacht wird das Blut im Labor in Ludwigsburg untersucht, so dass bereits am nächsten Morgen erste Ergebnisse vorliegen.

Mit fünf Blutröhrchen im Gepäck geht es für Sven Holland, der in Berlin studierte und vor seiner Selbstständigkeit zuletzt in Wilster tätig war, zurück in seine Praxis nach Schenefeld. Dort wartet eine Überraschung auf ihn: Eine Packung Schokolade. „Von dem Kalb von gestern Abend – es hat überlebt“, erläutert Heinke Andersen.

Echte Freude und Zufriedenheit machen sich breit in Hollands Gesicht. Zeit fürs Mittagessen.

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