Brokdorferin produziert Kaffee : Zwischen Kernkraftwerk und Kaffeefarm

Kaffeefarmerin: Vera Stücker arbeitet sechs Monate im Kernkraftwerk Brokdorf und die übrige Zeit in Afrika.
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Kaffeefarmerin: Vera Stücker arbeitet sechs Monate im Kernkraftwerk Brokdorf und die übrige Zeit in Afrika.

Eine Brokdorfer Elektroingenieurin pendelt zwischen ihrem Arbeitsplatz im Atommeiler und ihrer Kaffeeplantage in Tansania.

shz.de von
16. April 2018, 05:00 Uhr

Es ist wohl eine der ungewöhnlichsten Arbeitsteilungen, die man sich vorstellen kann: Als Elektroingenieurin kümmert sich Vera Stücker sechs Monate im Jahr um sichere Abläufe im Kernkraftwerk Brokdorf. Die übrige Zeit widmet sie sich ihrer Kaffeefarm in Tansania. „Eigentlich führe ich zwei Leben“, bringt die 56-jährige Brokdorferin es auf den Punkt.

Auf den Geschmack von eigenem Kaffee ist sie im Grunde 1988 gekommen. Damals war Vera Stücker gemeinsam mit ihrem Mann Rudolf Meyer, einem Getreidekaufmann, erstmals in Tansania, um dort auf die Jagd zu gehen. „Ein herrliches Land.“ 1992 wurde dann die in 1600 Metern Höhe gelegene Kaffeefarm erworben, fünf Jahre später hängte sie ihren Brokdorf-Job zumindest halb an den Nagel. „Wir haben dort dann erst einmal eine Telefonleitung beantragt“, schildert sie die Anfänge. Die Farm im Karata Distrikt inmitten des Ngila Forest Reservats war einst von einer deutschen Familie gegründet worden und nach dem Zweiten Weltkrieg von Briten übernommen worden. Die Familie von Rudolf Meyer erweiterte nach dem Kauf die Anbaufläche, schaffte eine Bewässerungsanlage und neue Verpackungsmaschinen an.

Nach und nach machte sich Vera Stücker dann mit den Feinheiten hochwertiger Kaffeeproduktion vertraut. „Wir könnten 5000 Tonnen im Jahr verkaufen“, freut sie sich heute über eine immer regere Nachfrage von Menschen, die ein wirklich hochwertiges Getränk zu schätzen wissen. Tatsächlich produziert wird mit rund 120 Tonnen aber nur ein Bruchteil dieser Menge. Das hat natürlich seinen Preis: Im Schnitt wird ihr Kaffee zumeist in kleinen Röstereien für 16 bis 30 Euro pro Kilogramm angeboten. Die Spitzensorte des Ngila Kaffee kostet sogar 80 Euro pro Kilo. „Davon machen wir aber nur drei Sack im Jahr.“ Ein Container mit wertvoller Fracht geht pro Jahr nach Japan, zwei bis drei nach Europa.

Rund 100 Hektar mit etwa 150 000 Kaffeebäumen auf vulkanischem Boden werden von einem Stamm von 30 festen Mitarbeitern bewirtschaftet. In der Pflückzeit zwischen Juli und November kommen bis zu 200 Saisonkräfte hinzu. „Ein tolles Team“, schwärmt Vera Stücker von ihrer Belegschaft. Nur den Einsatz von Insektiziden habe man den Mitarbeitern erst einmal abgewöhnen müssen. Die Farm setzt seit langem auf vollbiologischen Anbau. Das Ergebnis ist einer der besten gewaschenen Arabica-Kaffees der Region. Das Geschmacksprofil wird so beschrieben: Guter voller Körper von Zartbitterschokolade, gute, milde Säure mit exzellentem Geschmack, interessante Citrusaromen von Grapefruit.

In diesen Tagen ist Vera Stücker erst einmal wieder zu Hause. An ihrem Arbeitsplatz läuft die Revision, da ist im Kernkraftwerk die komplette Mannschaft gefordert. Ansonsten nutzt sie die modernen Medien. Mails könne man auch aus Afrika bearbeiten – oder umgekehrt. Gerade hat sie erfahren, dass der Landwirtschaftsminister die Farm besichtigen wolle. „Das kann ich mit einem Manager auch von hier aus besprechen.“ Ansonsten ist sie regelmäßig für jeweils vier Wochen vor Ort. Immer wieder schwärmt Vera Stücker von Tansania, den Menschen dort – und vor allem von ihrem Kaffee. „Mit Milch ist das ein Jammer“, nimmt sie angesichts des frevelhaften Verhaltens ihres Besuchers kein Blatt vor den Mund. Am liebsten vergleicht sie das handverlesene Produkt mit guten Weinen und macht klar: „Guter Kaffee ist ja so ein Genuss...“

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