zur Navigation springen

Neue Energien : Zwischen Energiewende und Denkmalschutz

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Wind- und Solarkraftwerke prägen jetzt das Bild der Krempermarsch. Denkmalpfleger machen sich für einen Wandel mit Augenmaß stark.

von
erstellt am 07.Jan.2014 | 12:15 Uhr

Die Energiewende sorgt auch im Amtsgebiet Krempermarsch für deutlich sichtbare Veränderungen. In Neuenbrook entsteht eine Photovoltaikanlage. Und in der Gemeinde Bahrenfleth wird derzeit ein Windpark für Versuchsanlagen erstellt. Auf Gittermasten, die von der Kremper Firma Butzkies entwickelt wurden, werden Windkraftanlagen montiert. Mit den Rotorblättern der Windkraftanlage erreichen die Masten eine Höhe von imposanten 150 Metern.

„Die städtebauliche Planung der Anlagen erfolgte im Rahmen eines Zielabweichungsverfahrens“, erklärt der Leitende Verwaltungsbeamte Jörg Bucher. „Von einem Ziel der Raumordnung kann in einem besonderen Verfahren abgewichen werden, wenn die Abweichung unter raumordnerischen Gesichtspunkten vertretbar ist und die Grundzüge der Planung nicht berührt werden.“ Dies sei in der Gemeinde Bahrenfleth der Fall. Die Flächen seien im Regionalplan nicht als Windeignungsflächen ausgewiesen. Nach 15 Jahren sei die Testphase beendet und die Anlagen müssten wieder abgebaut werden.

Gittermasten können im Gegensatz zu den Elementen herkömmlicher Stahlmasten leichter transportiert und vor Ort zusammengebaut werden. Bei den immer größer werdenden Windkraftanlagen stellt der Transport zu den Standorten eine besondere Herausforderung dar. Die maximale Größe der einzelnen Segmente wird durch die Höhe und Breite vorhandener Brücken und Straßen begrenzt. Ein Gittermast kann in vielen kleineren Teilen angeliefert und vor Ort montiert werden. Besondere Herausforderung für einen Gittermast stellen die Stabilität und die Verschraubungen dar. Diese Details sollen bei den Windkraftanlagen getestet werden. Nebenbei liefern die Masten auch noch Strom, der in das Netz der Schleswig-Holsteinischen Netz AG eingespeist wird. Eine Anlage kostet 3,5 Millionen Euro und hat eine Leistung von 2,5 Megawatt.

Nur den sprichwörtlichen Katzensprung entfernt, im benachbarten Neuenbrook, entsteht derzeit eine riesige Photovoltaikanlage. Hier hat die Gemeinde auf einer Fläche von rund 110 Metern mal 1100 Metern ein „Sondergebiet Solar“ ausgewiesen, auf dem ein Investor Photovoltaik-Freiflächensysteme errichtet. Insgesamt rund 23000 Photovoltaik-Module sollen montiert werden. Das „Kraftwerk“ hat dann eine Leistung von rund sechs Megawatt. Die Investitionskosten für die Anlage belaufen sich auf rund 6,5 Millionen Euro.

Eine der größten Erzeugungsanlagen für grünen Strom in der Region ist kurz jetzt vor der Fertigstellung. Im Vorfeld hatte es im Rahmen der Genehmigungsverfahren allerdings reichlich Aufregung gegeben – auch rund um die Windkraftanlagen. Dabei entwickelte sich insbesondere die Untere Denkmalschutzbehörde beim Kreis Steinburg fast schon zu einem roten Tuch für Planer und Investoren.

Im neuesten Steinburger Jahrbuch widmet sich Steinburgs oberste Denkmalpflegerin Beate von Malottky in einem ausführlichen Beitrag der Gemeinde Neuenbrook als einer Gemeinde auf dem Weg von der Land- zur Energiegewinnung. Ausgangslage: Gewachsene Kulturlandschaften seien durch die Errichtung von Anlagen zur Gewinnung erneuerbarer Energie einem erheblichen Veränderungsdruck ausgesetzt. Von Malottky kann dem Konflikt zwischen wirtschaftlichen und denkmalpflegerischen Interessen dabei aber auch etwas Positives abgewinnen – „die Wieder- oder Neuentdeckung geschichtlich wertvoller Bau- und Siedlungsstrukturen“.

So sei das um 1200 gegründete Neuenbrook der „Idealtyp einer holländischen Marschhufensiedlung“. Die Autorin bezieht sich dabei auf eine Einschätzung des Glückstädter Gymnasialprofessors Detlefsen. Eine befristete Steuerbefreiung und die Aufgabe der Leibeigenschaft hätten damals erste Siedler angelockt. Am Ende sei eine holländische Mustersiedlung in verkehrsgünstiger Lage im Festungsdreieck zwischen Glückstadt, Krempe und Steinburg. Erhebliche Einschnitte habe dann der Strukturwandel in der Landwirtschaft mit sich gebracht. Trotz erheblicher baukultureller Einbußen habe Neuenbrook aber seine „mustergültige Siedlungsstruktur erhalten“. Die allerdings sieht Beate von Malottky nun massiv bedroht.

Schon die Stromtrassen im Zuge des Baus der Kernkraftwerke in Brokdorf und Brunsbüttel hätten in den 80er Jahren aber zu einer „massiven Zersiedelung der reliefarmen Elbmarschen geführt“. Hinzu kamen später Windkraftstandorte in Neuenbrook Ost und im benachbarten Grevenkop, die zu einer „visuellen Störung“ des idealtypischen Marschhufen- und Kirchdorfes führten. Geplantes Repowering vorhandener Windkraftanlagen, der Solarpark sowie weitere Windkraftanlagen in Nachbargemeinden, so das Fazit von Malottky, würden einen zusammenhängenden Kulturlandschaftsraum in einer Ausdehnung von etwa sechs Kilometern überformen. Wörtlich schreibt sie: „Es stellt sich die Frage, ab welchem Maß die technische Überprägung und Uniformierung die Oberhand über die Lesbarkeit einer Kulturlandschaft erlangt und wie viel Lebensqualität dieser Lebensraum dann noch bereithält.“

Zahlreiche bauliche Kulturdenkmale, die besondere Siedlungsstruktur und auch die ortsbildprägende Kirche würden, so Malottky weiter, in ihrem Denkmalwert geschwächt. Sie räumt ein, dass die Gewinnung von grünem Strom zeitlich begrenzt und für den Klimaschutz notwendig sei. Auch hätten bei der einstigen Landgewinnung sicher auch wirtschaftliche Interessen den entscheidenden Impuls gesetzt. Auch sei der Wandel, ausgelöst durch gesellschaftliche Veränderungen und die technologische Weiterentwicklung, ein Wesensmerkmal von Landschaften. Dabei, so ihr dringendes Plädoyer, müsse „dieser Wandel im Interessenausgleich verantwortlich gestaltet werden“. Öffentliche, private und wirtschaftliche Belange müssten gerecht gegeneinander abgewogen werden. Beate von Malottky macht sich am Ende für einen Wandel mit Augenmaß stark. Schließlich müsse die jetzige und die folgende Generation für die nächsten 30 Jahre damit leben.


zur Startseite
Karte

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen