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Zwei Besanewer aus Wewelsfleth in altem Glanz

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Vor der Verschrottung gerettet und restauriert: Schmucke Zweimaster von der Junge-Werft sind heute Touristenattraktionen an der Trave

von
erstellt am 02.Okt.2014 | 13:28 Uhr

Schiffe der Junge-Werft (1859-1918) geben auch heute noch ein beredtes Zeugnis von der einstigen Schiffbaukunst des Unternehmens. Im Lübecker Museumshafen liegen die Besanewer „Johanne“ und „Mathilde“, die 1905 und 1914 in Wewelsfleth bei Junge gebaut wurden. Konzipiert als Frachtsegler, wurden sie später zu Binnenschiffen umgebaut. Als in den 1970er und 1980er Jahren viele Binnenschiffe abgewrackt wurden, blieb ihnen dieses Schicksal erspart. Sie wurden restauriert und ziehen heute in Lübeck die Blicke der Touristen auf sich.

Die Geschichte der Junge-Werft und ihrer Schiffe beschreibt der Itzehoer Fachbuchautor Herbert Karting in seinem 1981 verfassten Werk „Schiffe aus Wewelsfleth“, darin auch „Johanne“ und „Mathilde“. Beide trugen anfänglich andere Namen.

Die „Johanne“ lief 1905 als Besanewer „Meteor“ in Wewelsfleth vom Stapel, gebaut für den Beidenflether Schiffer Theodor Bielenberg. Der Zweimaster hatte die Abmessungen der Lägerdorfer Ewer, die hauptsächlich für Frachtfahrten zwischen Lägerdorf und Hamburg eingesetzt wurden und die vorgeschriebenen Maße für die Fahrt auf dem Breitenburger Schifffahrtskanal nicht überschreiten durften. „Meteor“ hatte ein Länge von 16,33 Metern und konnte mit 55 Tonnen beladen werden.

Im Laufe der Zeit wechselten die Eigner vielfach. 1911 wurde das Schiff bei Junge um fünf Meter verlängert, die Tragfähigkeit auf rund 75 Tonnen erhöht. 1921 änderte der damalige Eigentümer den Namen in „Johanne“. 1936 wurde ein Motor eingebaut. Masten und Seitenschwerter wurden entfernt. 1953 wurde das Schiff auf über 32 Meter verlängert; Tragfähigkeit 150 Tonnen. Aus dem Besanewer war ein Binnenschiff geworden.

1969 verkaufte Johannes Barkmann, der 44 Jahre lang mit seiner Frau Anne auf dem Schiff gefahren war, die „Johanne“ an die Mühle und Futtermittelhandlung Reimer in Kellinghusen. Hier fuhr sie im Wechsel mit der „Axel“, die heute als „Wilhelmine“ ebenfalls in Lübeck liegt, zwischen Kellinghusen und Hamburg, bis die Stör so sehr verlandete, dass selbst bei einer Verringerung der Ladung die Brücken kaum noch unterfahren werden konnten. Ende 1981 wurden beide Schiffe stillgelegt, 1988 unter Schrottwert verkauft.

Die „Wilhelmine“ hatte ein ähnliches Schicksal. 1914 als „Hertha“ bei Junge für den Wewelsflether Schiffer Hermann Heinrich Willi Hein gebaut, später mehrfach verlängert und mit einem Motor ausgerüstet, wurde sie seit 1927 nur noch als Binnenschiff registriert. 1952 übernahm der Sohn, Karl Hugo Hein, das Schiff und ließ es vergrößern. Er nannte es später „Axel“, Heimathafen war Wilster. 1968 verkaufte er das Binnenschiff nach Kellinghusen. Herbert Karting schreibt: „’Axel’ machte seine erste Reise am 14. August 1968 für die Reimersche Mühle mit 100 Tonnen Roggen von Kellinghusen nach St. Margarethen.“

Schiffer war viele Jahre lang der Itzehoer Hans Schöttke, der gemeinsam mit einem Schiffsjungen die „Johanne“ und „Axel“ im Wechsel fuhr. Hatte er das eine Schiff zum Laden oder Löschen nach Kellinghusen zurück gebracht, lag das zweite zur Abfahrt bereit. Ladung und Zielhafen waren von der Mühlenverwaltung für den Schiffer auf einem Zettel notiert. Die letzte Frachtfahrt der „Johanne“ war am 20. August 1981 von Hamburg nach Kellinghusen. „Schluss wegen Stilllegung“ notierte Hans Schöttke in seinem Fahrtenbuch.


1988: Abschied von der Stör


Im April 1988 verließ „Axel“ Kellinghusen. Inzwischen waren fast alle alten Ewer abgewrackt. Das Schiffshistorische Archiv Flensburg berichtet: „Der ’Axel von Wilster’ ex ’Hertha’ blieb dieses Schicksal erspart, sie wurde privat erworben und von dem neuen Eigner fast original in ihren ursprünglichen Zustand zurück gebaut.“ Inwischen umbenannt in „Mathilde“, liegt der schmucke Besanewer seit 1993 im Museumshafen zu Lübeck.

An den Abschied der „Johanne“ von Kellinghusen erinnert sich Joachim Rahn, Neuenbrook, noch gut. An der Stör aufgewachsen, hatte er sich von Jugend an für die Schiffe auf der Stör interessiert, kannte die Kapitäne und war Gast und Helfer bei vielen Fahrten. So war er dabei, als Schiffsführer Eckehard von Vöhren die allerletzten Eintragungen in das Logbuch der „Johanne“ schrieb. Rahn: „Am 2. Juli 1988 verließ das Schiff um 8.30 Uhr Kellinghusen und fuhr bis Wittenbergen.“

Es wurde von mehreren Männern gestakt, die Aufbauten waren abgenommen, damit es unter der alten Wittenbergener Brücke hindurch passte. Doch die „Johanne“ blieb unter der Brücke stecken, und die Männer mussten das kurze Zeitfenster abwarten, in dem der Wasserspiegel weit genug abgesunken war, aber noch nicht soweit, dass die „Johanne“ auf der Sandbank unter der Brücke trocken fiel. Hier wurde noch einmal deutlich, warum die Binnenschifffahrt in Kellinghusen eingestellt werden musste.

In Wittenbergen wurde die „Johanne“ längsseits an dem Binnenschiff „Kaisermühle 1“ vertäut und am nächsten Tag nach Glückstadt geschleppt. Hier wurde sie auf ihre ursprünglichen Maße zurück gebaut. Sie gehörte nun der Arbeiterwohlfahrt Schleswig-Holstein. Ihr Heimathafen ist Lübeck.

Der restaurierte Besanewer dient heute der AWO - Bildung und Arbeit gemeinnützige GMbH, die mit dem Projekt Segelschiff „Johanne“ Menschen mit besonderen Problemlagen die Möglichkeit bietet, sich wieder dem Arbeitsmarkt zu nähern.

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