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Kellinghusener Stadtgeschichte : Zwangsarbeiter auf fast jedem Hof

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Kellinghusener Walter Vietzen hat zu einem dunklen Kapitel Stadtgeschichte recherchiert und die Ergebnisse als Buch veröffentlicht.

shz.de von
erstellt am 27.Okt.2017 | 11:05 Uhr

Ja, auch in der Störstadt gab es Zwangsarbeiter. Und zwar nicht nur fünf, wie bislang gedacht. „Das stimmt nicht, fast jeder Bauernhof hatte welche“, sagt Walter Vietzen. In seinem Buch „Zwangsarbeitende in Kellinghusen 1939 - 1945“ legt der Lehrer in Ruhestand jetzt eine gründlich recherchierte Dokumentation vor.

Erstmals zugängliche Unterlagen aus dem Stadtarchiv belegen: 1944 gab es 112 Zwangsarbeiter in der Stadt, die sich auf Postkarten stolz „Klein Nürnberg“ nannte, und laut Vietzen als eine Nazi-Hochburg galt. Ein druckfrisches Exemplar seines jüngsten Werks überreichte Vietzen jetzt an die Gemeinschaftsschule mit gymnasialer Oberstufe. Mehr als 30 Jahre lang hatte er sich dort in vielfältiger Weise um Aufklärung über die Zeit unter dem Hakenkreuz bemüht. In gemeinsamer Arbeit mit Schülern entstanden preisgekrönte Filme, CDs, Broschüren sowie Dokumentationen. Mehrfach berichteten in der Schule überdies KZ-Überlebende von den Gräueln in Konzentrationslagern.

Mit seinen jüngsten Recherchen löscht Vietzen jetzt einen weiteren weißen Fleck im stadtgeschichtlichen Abschnitt des „Tausendjährigen Reichs“. Schon vor Kriegsausbruch gingen der auf Hochtouren laufenden Rüstungsindustrie die Arbeitskräfte aus. „Die Einberufungen zur Wehrmacht machten sich auch in der Landwirtschaft bemerkbar“, erklärt Vietzen. Als Notlösung akzeptierten die Natioalsozialisten zunächst den Einsatz von Ausländern. „Nach Beginn des Krieges kamen dann billigste Arbeitskräfte für die Landwirtschaft und Rüstungsindustrie aus allen Teilen Europas nach Deutschland – und auch nach Kellinghusen“, sagt Vietzen.

Frauen, Männer und Jugendliche beiderlei Geschlechts wurden von den Nazis verschleppt, kamen freiwillig aufgrund falscher Versprechungen oder wurden später als Kriegsgefangene unter schlimmsten Bedingungen eingesetzt. Rund acht Millionen von ihnen waren 1944 auf dem Gebiet des „Großdeutschen Reichs“ im Arbeitseinsatz tätig. Archivmaterial sowie private Unterlagen zeigen, dass hinsichtlich der Nationalitäten Unterschiede gemacht wurden. „Ostarbeiter wurden schlechter behandelt als die italienischen und französischen Zwangsarbeiter, da sie in der NS-Rassenideologie als Untermenschen galten.“

Auch in Kellinghusen galt: Essen und Bekleidung waren armselig, Freizeit gab es kaum, Kontakte zur heimischen Bevölkerung waren strengstens untersagt. Untergebracht waren „die modernen Arbeits-Sklaven“ in so genannten Lagern, meistens unter schlimmen Bedingungen, etwa in den ehemaligen Gaststätten Lindenhof, Patenkrug und Stumpfe Ecke.

Die Holzbearbeitungsfabrik Singelmann, die auch Stiele für Handgranaten produzierte, stellte einen geschlossenen Lastwagen als Wohnfläche zur Verfügung. „Unter erbärmlichen Zuständen vegetierten außerdem 47 Russen in einem als Russenlager titulierten Schweinestall in der Overndorfer Straße“, erzählt Vietzen. Rund ein Drittel der Frauen und Männer unterschiedlicher Nationalitäten gehörten dem Arbeitskommando Gut Luisenberg an. Wer durch Arbeitsverweigerung auffiel oder gar Widerstand organisierte, landete schnell im Arbeitserziehungslager Nordmark. Ermordet wurden dort die Kellinghusener Zwangsarbeiter Piotr Skiermont, Stanislaw Burny und Stanislow Zbrog.

Zur Erinnerung an diese drei Opfer des Nationalsozialismus wird am 1. März 2018 der Künstler Gunter Demnig drei „Stolpersteine“ vor dem ehemaligen Gut Luisenberg sowie dem Patenkrug verlegen. Erfolgen wird dies in Zusammenarbeit mit der Kellinghusener Bürgerinitiative „Stadtwege zur Mitmenschlichkeit“ und dem Kriminalpräventiven Rat der Stadt. Etliche Projekte zum Thema Zwangsarbeiter planen außerdem die Oberstufenschüler der Gemeinschaftsschule mit ihren Lehrern Katrin Mollenhauer, Steve Kindt und Jakub Pazda.

Info: Erhältlich ist das Buch „Zwangsarbeitende in Kellinghusen 1939 - 1945“ im örtlichen Buchhandel und als e-book unter www.bod.de

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