Palais für aktuelle Kunst : Zwang und Gleichmaß

Im Gespräch über Kunst:  Kurator Sönke Kniphals (l.) und Künstler Andreas Pfeiffer.  Fotos: Gabriele Knoop
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Im Gespräch über Kunst: Kurator Sönke Kniphals (l.) und Künstler Andreas Pfeiffer. Fotos: Gabriele Knoop

Glückstadt: Künstler Andreas Pfeiffer hat eine sperrige Wendeltreppe quer durchs gesamte Erdgeschoss installiert.

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08. August 2018, 05:02 Uhr

Das PAK ist nicht mehr das PAK, zumindest nicht mehr so, wie man das Palais für aktuelle Kunst kennt. Andreas Pfeiffer hat eine sperrige Wendeltreppe quer durchs gesamte Erdgeschoss „gelegt“. Die Besucher müssen das Haus durch den Hintereingang betreten und schauen dann durch die Treppe auf das Glasfoyer. Derartige „ortsbezogene skulpturale Eingriffe“ gehören zum Konzept des Künstlers, der in Glückstadt damit die Zwänge und das Gleichmaß thematisiert, das die Architektur des denkmalgeschützten Renaissance-Gebäudes den Nutzern auferlegt.

Pfeiffer reagiert auf die verbotene physikalische Intervention an der historischen Bausubstanz mit einer aufwendigen Antwort: Die Wendeltreppe mit ihren gegossenen Betonstufen, die in ein Stahlkorsett eingefügt wurden, hat er vor Ort in einzelnen Partien zusammengesetzt. Sie mussten zuvor genau berechnet werden, damit die Windungen exakt die Türen treffen und der Schwerpunkt des Gewichts das Gebilde nicht zum Kippen bringt. Somit galten die Fragen der Besucher bei der Eröffnung der Ausstellung „Versuche an Zwang und Gleichmaß“, die bis 26. August zu sehen ist, vielen technischen Details.

Staunen und Erforschen der Hintergründe wechseln sich auch bei den weiteren Installationen im Obergeschoss des PAK ab.

Der Film „Christine“ (Alan Clarke, 1987) über drogenabhängige Londoner Jugendliche, der auf einer großen Leinwand läuft, wird durch hängende betongefüllte Textilbahnen verfremdet, die mit ihrem Rautenmuster das Geschehen zuspitzen. Auch dieser Aufbau verweist – wie drei weitere Installationen - auf Zwänge und Routine. Bei „Christine“ werden letztere durch die Sucht eingefordert. Bei den anderen Arbeiten unterwerfen sich gefilmte Protagonisten selbst einer körperlichen Sisyphos-Aufgabe und loten eigene Grenzen aus. Andreas Pfeiffer erforscht damit offenbar die Wechselbeziehungen einerseits zwischen Materialien, Räumen und Technik, andererseits zwischen Takt oder Rhythmus und menschlicher Geduld – sowohl der Besucher beim Betrachten als auch der eigenen beim Erstellen der aufwendigen Anordnungen.

„Man sollte sich dabei eigene Routinen bewusst machen“, sagte Kurator Sönke Kniphals bei der Eröffnung. Spießigkeit und Sucht, Alltagsroutinen und Zwänge liegen nah beieinander. Ein Perspektivwechsel, wie ihn das PAK derzeit eröffnet, kann dabei vieles erhellen.

Mit einem zwinkernden Auge setzte Andreas Pfeiffer, der in München und Hamburg lebt und arbeitet, seine Kunst-Performance beim Sommerfest des Kunstvereins im Palaisgarten fort: Auf einer großen dünnen Metallplatte, die von unten durch einen Gasbrenner erhitzt wurde, grillte er „Fleischpflanzerl“ , wie der gebürtige Unterfranke in süddeutscher Mundart die Frikadellen anpries.

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